Mehr als die Hälfte der 46 Millionen Wahlberechtigten im Iran sind Frauen, doch den Stimmen auf der Straße nach zu urteilen wird die Mehrzahl von ihnen nicht zur Parlamentswahl am Freitag gehen. Sie haben die Hoffnung auf bessere Zeiten aufgegeben.
Sie werde nicht wählen gehen, weiß eine vor der Universität von Teheran befragte junge Frau schon sehr genau. Für die 22-Jährige ist der Urnengang sinnlos geworden, nachdem der erzkonservative Wächterrat mehr als 2300 zumeist reformorientierte Kandidaten von der Wahl ausgeschlossen hat. Die mit einem roten Mantel und einem weißen Kopftuch - beide Farben waren vor Chatamis Amtsantritt für Frauen verboten - bekleidete Frau bezeichnet sich selbst zwar als unpolitisch. Doch ihr Recht auf Meinungsfreiheit kennt sie. Und sieht daher nur einen einzigen Ausweg: "Dass die Dinge immer schlimmer werden, bis alles explodiert."
Auch die 25-jährige Studentin Oldus ist pessimistisch. "Ich denke lieber nicht über die Zukunft meines Landes nach", sagt sie. "Ich habe keine Hoffnung." Ob ein Boykott der Wahlurnen die Lösung ist, kann die angehende Künstlerin nicht mit Sicherheit beantworten. Aber wenigstens wüssten dann die Konservativen, dass die Jungen nicht auf ihrer Seite stünden.
Einst hatte der gut aussehende Chatami die weibliche Wählerschaft mit seiner Liebe zur Kultur, vor allem aber mit seinem Versprechen einer "islamischen Demokratie" begeistert. Als Zeichen seines guten Willens setzte er sogar die erste Frau als stellvertretende Präsidentin in der Geschichte des Landes ein. Doch Grundsätzliches änderte sich kaum. "60 bis 70 Prozent der Abgeordneten waren Reformer, aber sie konnten nichts machen", sagt eine 18-jährige Psychologiestudentin. "Jedes Mal, wenn sie etwas ändern wollten, hat der Wächterrat sein Veto eingelegt."
Den allgemein vorherrschenden Frust fasst die 46-jährige frühere Lehrerin Roja so zusammen: "Ich bin unzufrieden mit den Kandidaten, den derzeitigen Abgeordneten, der Regierung und der geistlichen Führung." Angesichts der erdrückenden wirtschaftlichen und sozialen Probleme des Landes könnten die Dinge gar nicht schlechter stehen, meint sie.
Eine andere Frau hat ihren Protest gegen die herrschenden Zustände gleich auf ihren Ehemann übertragen, wie der 30-Jährige berichtet. Sie habe nicht nur beschlossen, die Wahl zu boykottieren, sondern gleich auch seine Wählerkarte versteckt, damit er nicht doch noch zur Urne gehen könne.