In seinem Interview mit dem amerikanischen TV-Sender CBS gab sich Iraks Machthaber Saddam Hussein selbstsicher: "Wir haben keine Raketen, die die erlaubte Reichweite überschreiten", sagte er auf die Frage, ob er der Zerstörung der Al-Samoud-2-Kurzstreckenraketen zu- stimmen werde. Das Interview war letz- ten Montag aufgezeichnet und am Freitag auch im irakischen Fernsehen ausgestrahlt worden. Am Samstag wurden die ersten vier Al-Samouds in El Tadschi bei Bagdad von einem Riesenbulldozer plattgewalzt.
Rund 200 000 US-Soldaten im benachbarten Kuwait und auf Flugzeugträgern im Golf dürften der irakischen Führung den Ernst der Lage klar gemacht haben. Die Zerstörung der Al-Samoud ist nur das sichtbarste Zeichen dafür, dass Bagdad auch an Fronten einlenkt, an denen es bislang Widerstand gezeigt hatte. Die Al-Samoud-2 eignete sich auch gut für die ursprüngliche präsidiale Trotzhaltung: Die Rakete ist eine reichweitenreduzierte Eigenversion der sowjetischen Scud-B, sozusagen eine Meisterleistung irakischer Ingenieurskunst.
Das Insistieren der UN-Waffenkontrollmission UNMOVIC auf ihrer Zerstörung erschien als "Schikane", zumal die Reichweiten-Überschreitungen bei Tests im Stand und ohne Gefechtsladungen geringfügig ausgefallen waren. Aber wenn Saddam mit seinem Nachgeben auch nicht die Allianz der Kriegsbefürworter überzeugen konnte, so konnte er doch die Kluft zwischen ihnen und den Kriegsgegnern vertiefen.

Aufschlüsse erwartet
Viele triftige Argumente wurden gegen die von der UNMOVIC angestrebten vertraulichen Befragungen von Wissenschaftlern vorgebracht, die an früheren Programmen zur Entwicklung von Massenvernichtungswaffen mitgewirkt hatten. Die Inspekteure erwarten sich von Gesprächen ohne "Regierungsaufpasser" oder mitgebrachte Kassettenrecorder mehr Aufschlüsse. "Wir können unsere Wissenschaftler nur dazu ermutigen, aber nicht dazu zwingen", betonte Präsidentenberater Amir el Saadi immer wieder, als ob die größte Sorge des irakischen Regimes plötzlich den Menschen- und Persönlichkeitsrechten gilt.
Der Einsatz des amerikanischen Aufklärungsflugzeuges U2 ist für UNMOVIC-Zwecke gegeben: Die irakische Luftabwehr hätte sie mit anderen U2-Flugzeugen verwechseln können, die für die Amerikaner und Briten spionieren, die ihre selbst erklärten Flugverbotszonen im Norden und Süden des Landes mit gelegentlichen Bombardements durchsetzen. Seit zwei Wochen ist auch das kein Thema mehr. Die U2 flog seitdem ein halbes Dutzend Missionen für die Waffeninspekteure.
UNMOVIC-Vizechef Dimitri Perricos bezeichnete am Samstag den Beginn der Al-Samoud-Verschrottung als "positive Aktion und konkreten Abrüstungsschritt". Sein Chef Hans Blix wird am kommenden Freitag im Weltsicherheitsrat eine weitere Einschätzung der irakischen Kooperationsbereitschaft bei den Inspektionen vortragen. Perricos ließ keinen Zweifel an den Zusammenhängen: "Offenbar steigert der Irak stets dann seine Aktivitäten, wenn eine wichtige Sicherheitsratssitzung ins Haus steht."

Sünden der Vergangenheit
Leider kann der gegenwärtige Aktionismus Sünden der Vergangenheit nicht ungeschehen machen. Im Sommer 1991 vernichtete der Irak nach eigener Behauptung einseitig große Mengen an chemischen und biologischen Waffen, darunter 1,5 Tonnen des Nervengifts VX und 3,5 Tonnen Anthrax-Nährlösungen. Die Vorgänge waren bisher noch nicht dokumentiert worden - die bloße Existenz dieser Waffenprogramme sollte vor der UNMOVIC-Vorgängermission UNSCOM vertuscht werden. Hochrangige Überläufer enthüllten sie jedoch.
Bagdad will nun die Entsorgungsstätten freilegen. Auf einer Halde in El Asisiya (100 Kilometer südlich von Bagdad), wo derzeit unter UNMOVIC-Beobachtung gegraben wird, sollen die Überreste von rund 150 zerstörten Flugzeugbomben ruhen, die mit Anthrax- und Botulinum-Erregern gefüllt waren. Die Preisfrage bleibt jedoch, ob es dem Irak je gelingen wird, nachträglich die behaupteten Mengen an vernichtetem Material nachzuweisen und die Skeptiker davon zu überzeugen, dass nicht doch etwas "für den Fall der Fälle" abgezweigt wurde.