Mit den höheren Temperaturen steigt für viele auch die Lust auf das Radfahren. Warum die Laune in der Brandenburger Szene dennoch getrübt ist, erklärt Stefan Overkamp, Landeschef des Fahrradclubs ADFC.

Herr Overkamp, Brandenburg ist vor wenigen Tagen aus der Top Ten der beliebtesten deutschen Radregionen herausgefallen. Und der Oder-Neiße-Radweg gehört nicht mehr zu den zehn besten Fern-Verbindungen. Welche Folgen hat das?

Es ist ein Problem. Wer sich überlegt, wohin er im Urlaub fahren will, schaut meist zuerst nach oben. Wenn Brandenburg nicht mehr zur Spitzenkategorie gehört, bedeutet das für viele Touristen, dass dieses Ziel für sie nicht mehr infrage kommt. Brandenburg war immer sehr stolz, zu dieser Top Ten zu gehören. Aber die Nachrichten aus dem Tourismusbereich sind leider nicht die einzigen Hiobsbotschaften.

Was denn noch?

Im jüngsten Mobilitätspanel war Brandenburg eines von nur drei Bundesländern, in dem der Radverkehr rückläufig war.

Was sind die Ursachen für den Abstieg?

Wir sind relativ früh, also schon in den 1990er- und 2000er-Jahren, stark in die Förderung des Radtourismus eingestiegen. Aber dann konnten wir das Niveau in keiner Weise halten. Die Instandhaltung und der weitere Ausbau der Wege erfolgten stiefmütterlich. Viele einst sehr gute Wege sind inzwischen fast eine Altlast. Vor allem Wurzelaufbrüche sind ein Problem. Das kommt bei Touristen gar nicht gut an. Andere Radregionen sind an Brandenburg vorbeigezogen, weil sich die Verantwortlichen dort mehr engagieren.

Ist es nicht eine reine Geldfrage?

Geld ist nur die eine Seite der Medaille. Das Land macht leider keine moderne Radverkehrspolitik. Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg zum Beispiel haben ihre Straßengesetze geändert. Dort können jetzt eigene Landesradwege gebaut werden. In Brandenburg geht das nur direkt an Landes- und Bundesstraßen. Diese Wege sind auch wichtig, aber weniger für Touristen.

Was ist das Problem an den hiesigen Strukturen?

Wir haben einen Flickenteppich an Zuständigkeiten, die sich oft überschneiden und auch widersprüchlich sind. Alles hängt davon ab, ob es in den Kommunen und in den Landkreisen jemand gibt, der Projekte anschiebt. Wo sich niemand findet, der da die Hand drauf hat, passiert nichts. Neben deutlich mehr Geld brauchen wir deshalb dringend eine Änderung der Rechtslage.

In diesem Jahr sind Landtagswahlen. Was fordern Sie?

Der ADFC erwartet vom Land, dass es mehr Verantwortung bei der Planung und Finanzierung von Radwegen übernimmt. Ich wünsche mir einen eigenen Radverkehrsplan für Brandenburg, der überregionale touristische Verbindungen genauso berücksichtigt wie die Entwicklung von Radschnellwegen.

Welche Funktion sollen diese Schnellwege haben?

Es geht um Strecken, die möglichst viele Menschen zum Umsteigen vom Auto aufs Rad bewegen und die Fahrtzeit verringern. Das Land Berlin plant mehrere Trassen sternförmig hin zum Stadtzentrum. Brandenburg sollte diese Verbindungen in die andere Richtung in märkische Städte weiterführen. Aber leider beharrt das Land darauf, dass die Hoheit dafür bei den einzelnen Kommunen liegt. Das ist nicht effizient und dürfte die Vorhaben eher behindern als befördern.

Ist es nicht zu viel verlangt, wenn man touristisch schöne Wege möchte und gleichzeitig Investitionen in schnelle Pendlerstrecken?

Nein, beide Ziele widersprechen sich nicht, sie ergänzen sich. Auch der Alltagsradler fühlt sich wie der Tourist dort am wohlsten, wo er nicht in unmittelbarer Nähe der Autos fahren muss. Das sollte bei der Streckenplanung berücksichtigt werden.

Warum geschieht das bislang kaum?

Radwege werden gerade in den Städten meist dann gebaut, wenn eine Autostraße ausgebaut wird. Es gibt viel zu wenige Kommunen, die Radverkehrspolitik aus der Sicht der Radfahrer machen, die also zunächst nach interessanten möglichen Verbindungen suchen. Stattdessen heißt es: „Wir bauen hier eine Autostraße, da müssen wir einen Radweg daneben setzen.“

Mit Stefan Overkamp
sprach Mathias Hausding