Seit Jahrzehnten Inhaber eines Führerscheins, im Alter nun aber ein Sicherheitsrisiko auf der Straße? Immer wieder und auch aktuell wird über Eignungstests für Senioren diskutiert. Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UDV), gibt Tipps.

Der Bundesverkehrsminister appelliert bei der Frage der Fahrtests an die Eigenverantwortung der älteren Autofahrer – wie könnte das gehen?

Siegfried Brockmann Wir glauben nicht, dass sich die Mehrheit der Senioren an diesem Thema freiwillig beteiligt – etwa bei Rückmeldefahrten. Und schon gar nicht die, die wir am meisten meinen. Denn wer schon fünf Mal von Freunden oder Verwandten gesagt bekommen hat, dass er immer noch ein toller Autofahrer ist, der neigt dazu, sich das bestätigen zu lassen in solchen Maßnahmen. Wenn er aber schon mehrfach gehört hat, dass es eigentlich besser wäre, nicht mehr Auto zu fahren, dann neigt er dazu, sich das besser nicht mehr bestätigen zu lassen.

Aber vielleicht hört er im besten Fall auch darauf?

Brockmann Aus Befragungsstudien wissen wir, dass Verwandte oder gar Kinder als Berater nicht geschätzt werden. Wohl aber Personen, denen man große Kompetenz zutraut. Wir plädieren für verpflichtende Rückmeldefahrten ab 75 Jahren. Dabei müssen sich Autofahrer von einem Experten anhören, was gut ist, was nicht so gut ist und welche Empfehlung dahinter steckt.

Sie meinen eine verpflichtende Fahrt nur mit beratendem Charakter, warum das?

Brockmann Eine 45-minütige Fahrt, egal wie ich sie mache, kann zu vielen Fehlurteilen führen. Deswegen bin ich gezwungen, eine mildere Form zu wählen. Denn es geht ja im Wesentlichen um kognitive Probleme, die sich nicht wirklich sicher im Rahmen einer kurzen Testfahrt feststellen lassen. Das kann man im Rahmen einer MPU, die den ganzen Tag dauert. Die ist aber sehr viel teurer. Und die kann ich auch nicht auf einen ganzen Jahrgang auf einen bloßen Verdacht hin anwenden.

Was soll das Ganze dann bringen?

Brockmann Viele Senioren sagen in Umfragen: Sie würden, wenn sie wüssten, dass sie sich oder andere gefährden, nicht mehr fahren oder den entsprechenden Rat beherzigen. Denn es geht ja in vielen Fällen nicht nur um „Ja“ oder „Nein“, sondern darum, Defizite zu erkennen.

Wie könnte so ein Rat aussehen?

Brockmann Viele Senioren fahren oft nur noch zum Arzt oder zum Supermarkt. Wenn man dann sieht: Das können die auch noch ganz gut in der gewohnten Umgebung - ja, warum sollen die nicht Auto fahren? Man muss dann aber auch klar sagen „Fahre bitte nicht mehr auf die Autobahn“ oder „Fahre bloß nicht mehr in den Urlaub, wo du dich nicht auskennst.“ Das sind Dinge, die auch wesentlich einfacher zu beherzigen sind. Man muss sie aber erst einmal wissen. Da das ein schleichender Prozess ist, ist das alleine schon eine Qualität.

Sie arbeiten an einem Konzept, wie solche verpflichtenden Fahrten einmal aussehen könnten. Aber was können ältere Autofahrer denn heute schon tun? Rückmeldefahrten bieten Autoclubs oder Fahrlehrer zum Beispiel ja bereits an.

Brockmann Wo es in der Region solche Angebote gibt, sollte man die immer einmal wahrnehmen - oder einfach einen Fahrlehrer ansprechen, ob er einmal 45 Minuten mit einem fährt. Das Problem bei Fahrlehrern ist: Sie sind auf ganz was Anderes gedrillt. Sie sollen Leuten beibringen, das Fahrzeug zu beherrschen und die Verkehrsregeln zu kennen. Das ist aber nicht das Problem von Senioren, denn das ist alles Erfahrungswissen. Bei kognitiven Problemen müsste der Fahrlehrer eigentlich besser geschult sein, um sie gut zu erkennen. Aber das ist besser als nichts.

Mit Siegfried Brockmann
sprach Peter Löschinger