Nach dem Doppelmord von Forst berichten ausländische Medien über eine Verbindung zur Balkan-Mafia. Mafia in Brandenburg? Ein Gespräch mit den Experten Sandro Mattioli und Dusan Desnica von „Mafia-Nein-Danke“.

Herr Desnica, nach dem Doppelmord von Forst sind viele Fragen noch offen. Medienberichte deuten aber darauf hin, dass es sich um Morde im Mafia-Milieu handelt. Was ist über die angeblich beteiligte Kotor-Mafia bekannt?

Dusan Desnica Die kriminelle Bande aus Kotor – einer prächtigen Hafenstadt und ein Touristenziel in Montenegro – war einst eine einzige Gruppe, die dann in zwei Fraktionen zerfallen ist, die sich gegenseitig  bekriegen. Diese Auseinandersetzung hält seit 2014 an. Die Clans Lo Škaljarski und Kavacki tragen die Namen von zwei Stadtteilen. Die Auseinandersetzung entstand mit dem Verschwinden von 200 Kilogramm Kokain, das aus Südamerika angekommen war und in einem Apartment in Valencia versteckt worden war. Es heißt, der Stoff habe dem Clan Kavac gehört. Das Begleichen von Rechnungen führte bisher zu 40 Toten und es scheint kein Ende  in Sicht.

Wie wirkt sich die Fehde der beiden Clans in Europa aus?

Desnica Die ungezügelte Gewalt und die soziale Gefährlichkeit dieser Clans haben ohne Zweifel die Aufmerksamkeit der Medien in Europa auf sich gezogen und diese Form der Organisierten Kriminalität in die Öffentlichkeit gebracht. Die Polizei kannte die Aktivitäten der Gruppe schon seit geraumer Zeit. Beginnend in Valencia, zog der Krieg der zwei Clans eine Blutspur quer durch Europa über verschiedene Städte bis nach Wien. Dort sorgte der Mord an Vladimir Roganović im Dezember für Entsetzen, da der Anschlag direkt vor einem Restaurant mitten im Stadtzentrum erfolgte. Morde, Explosionen und Einschüchterungen treffen auch Familienangehörige, Journalisten und Zeugen, zum Teil auch völlig Unbeteiligte. Die meisten Täter konnten flüchten und sind bis heute nicht gefasst.

Welche Rolle spielen die politischen Verhältnisse auf dem Balkan für die Ausbreitung dieser Gruppen der Organisierten Kriminalität?

Desnica Sie spielen eine entscheidende Rolle. Während des Krieges in den 90ern organisierte der Staat den Handel mit gefälschten Zigaretten, als Antwort auf Sanktionen der Uno. In diesen Handel waren hohe Repräsentanten der Institutionen involviert, Kriminelle aus Italien und Montenegro und auch die Tabakriesen sowie die lokale Polizei. Nach dem Krieg haben sich diese Beziehungen verfestigt und den Einstieg in den Drogenhandel durch montenegrinische Gruppen erleichtert. In dem Staat ist immer noch ein System aus Vetternwirtschaft und Korruption fest verankert. In Serbien hat die Regierung der Mafia zuletzt „den Krieg erklärt“. Vorausgegangen war der Mord an Sale Mutavi, einem bekannten Kriminellen in Belgrad. Dennoch werden Kontakte zwischen wichtigen Vertretern serbischer Institutionen und der kriminellen Organisation „Sale Mutavi“ vermutet, und diese kooperiert eng mit dem Kavacki-Clan.

Wie ist die Vernetzung mit anderen Gruppierungen der Organisierten Kriminalität?

Desnica Die Gruppen in Montenegro können auf bedeutende Allianzen mit der Halbwelt in Serbien bauen. Auf der einen Seite ist der Škaljarski Clan eng befreundet mit Luka Bojovic, dem Führer des erneuerten Clans aus Zemun, er sitzt im Moment in Spanien in Haft. Auf der anderen Seite ist der Kavacki-Clan mit der Gruppe von Sale Mutavi verbündet und kann auf dessen Schutz auf politischer Ebene und bei der Polizei vertrauen.

Allgemein eint die verschiedenen kriminellen Gruppen auf dem Balkan, dass sie immense Profite aus dem Drogenhandel beziehen. Die Gangster dort haben schon immer auf profitable Art und Weise kooperiert, anders als die Regierungen in ihren Herkunftsländern, die noch in alten Auseinandersetzungen verhaftet sind.

Welche Rolle spielt die Gruppe bisher in Deutschland?

Desnica Deutschland ist im Drogenhandel für die Gruppen ein Verkehrsknoten wie auch ein Markt. Diese Gruppen kümmern sich vor allem um den Handel mit Opiaten entlang der Balkanroute. Im Kokainhandel gelten sie bei den südamerikanischen Kartellen als verlässlicher Partner. Eine ganz frische Nachricht ist, dass in Österreich 14 serbisch-montenegrinische Kriminelle verhaftet worden sind und eine Drogenladung im Wert von 8,6 Millionen Euro beschlagnahmt wurde. Bei den Auseinandersetzungen zwischen den Clans geht es folglich vor allem darum, die Kontrolle über den hochprofitablen Drogenhandel zu gewinnen.

Wie kommt sie nun ausgerechnet nach Forst?

Desnica Das ist im Moment noch unklar, die Ermittlungen laufen ja noch. Wir wissen, dass eine Marihuana-Plantage gefunden worden ist und dass sich vor dem Haus des Opfers immer wieder Autos mit Berliner Kennzeichen einfanden. Wir können daher vermuten, dass der Ort gewählt worden ist, weil Berlin nicht weit ist und die polnische Grenze nah.

Täuscht der Eindruck oder ist Brandenburg für die Mafia – auch die italienische – bisher ein  weißer Fleck?

Sandro Mattioli Der Eindruck täuscht tatsächlich. Wir beobachten Aktivitäten der italienischen Mafia in Brandenburg, zum Beispiel Investments in Wirtschaftsunternehmen und auch Versuche, Handelsbetriebe für ihre Belange zu nutzen. Zugleich sind auch andere Gruppen hier vertreten, etwa aus Russland. Außerdem hören wir aus Berlin, dass die derzeit im Fokus stehenden Clans wie auch Rocker sich wenige Kilometer von Berlin wegbewegen und sich in Brandenburg niederlassen. Wenn man in Brandenburg glaubt, man habe mit Organisierter Kriminalität nichts zu tun, ist das gefährlich und kann teuer werden.

Sie setzen sich als Organisation für eine stärkere Bekämpfung der Mafia in Deutschland ein. Warum?

Mattioli Wir kennen aus Italien, was es bedeutet, wenn die Mafia sich festsetzt. Wir haben nicht nur die klassischen Mafia-Orte in Kalabrien, Sizilien, Apulien und Kampanien vor Augen, sondern auch Norditalien. Dort glaubte man sich lange immun gegen die Mafia, doch inzwischen werden in Norditalien mehr Gemeinderäte wegen Mafia-Infiltrierungen aufgelöst als im Süden, und manche Branchen sind unterwandert und kaum mehr zu säubern. Wir wollen verhindern, dass so etwas auch in Deutschland passiert.

Gibt es Fortschritte? In Berlin setzt man sich ja seit einiger Zeit beispielsweise deutlich ernsthafter mit Clan-Kriminalität auseinander?

Mattioli Es ist gut und wichtig, dass etwas gegen kriminelle Teile von Großfamilien unternommen wird. Allerdings würden wir uns ein Vorgehen wünschen, das gegen alle Formen Organisierter Kriminalität gerichtet ist, sonst treibt man nur eine Sau nach der anderen durchs Dorf, packt das Problem aber nicht bei der Wurzel an. Wenn jedoch das Vorgehen gegen Clans wie jetzt in Berlin dazu führt, dass Strukturen und Vorgehen geschaffen werden, die auch im Kampf gegen andere Gruppen der Organisierten Kriminalität helfen können, ist das gut. Und immerhin bekommt das Thema Organisierte Kriminalität endlich mehr Aufmerksamkeit, auch wenn dies mit verengtem Blick geschieht.

Reagiert die Politik auf Ihre Arbeit?

Mattioli Wir merken, dass wir an den entscheidenden Stellen verstärkt Gehör finden. Das ist schön, nach zwölf Jahren, die wir inzwischen vor Mafia und Organisierter Kriminalität warnen, aber es hätte gerne auch schon früher passieren dürfen.

Was müsste Deutschland tun, um effektiver gegen Gruppierungen der Organisierten Kriminalität vorzugehen?

Mattioli Wir würden uns die Beweislastumkehr wünschen, das bedeutet, dass Geld und Werte von Verbrechern beschlagnahmt werden können und diese nachweisen müssten, dass es ehrlich erwirtschaftetes Kapital ist. In Italien gibt es dieses Mittel und es funktioniert sehr gut. Natürlich schaut da auch ein Richter drauf, so dass man sich als Bürger keine Sorge machen muss.

Was würde noch helfen?

Mattioli Wir müssen unser Finanzsystem stärker davor schützen, für kriminelle Zwecke benutzt oder gar unterwandert zu werden. Es darf nicht sein, dass ein Fonds in Deutschland bis zu zehn Prozent einer Bank kaufen kann, ohne dass überprüft wird, woher die Gelder darin stammen. Transparenz ist das Zauberwort, bei Zahlungsströmen, aber auch bei Unternehmen. Dort muss klar sein, wer von den Geschäften profitiert. Im Übrigen sind wir sicher, dass der Anstieg der Mieten erheblich damit zu tun hat, dass Kriminelle aus aller Welt ihr Geld gerne in deutsche Immobilien investieren. Geldwäsche und Mafia werden in Deutschland immer noch als harmlos angesehen. Bedenkt man, dass aber allein in Italien mehr als tausend völlig unbeteiligte Menschen Opfer der Mafiaclans geworden sind, darunter viele Kinder, dann fasst man sich an den Kopf ob dieser deutschen Sorglosigkeit.

Mit Sandro Mattioli
und Dusan Desnica
sprach Bodo Baumert

Bildergalerie Einsatzkräfte der Polizei, Feuerwehr und Katastrophenschutz waren vor Ort, als eine Evakuierung von 116 Anwohnern angeordnet wurde. Sie mussten ihre Häuser verlassen, weil die Polizei zwei verdächtige Pkw nach Sprengstoff untersuchen wollte. Die Anwohner kamen bei Verwandten oder in einer nahegelegenen Turnhalle unter.

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