Angesichts der Stimmenverluste von SPD und Linkspartei bei den Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen regt der Oberbürgermeister von Frankfurt (Oder), René Wilke, eine Debatte über eine Vereinigung beider Parteien an. Die RUNDSCHAU sprach darüber mit dem 35-Jährigen, der selbst Mitglied der Linkspartei ist.

Herr Wilke, was treibt Sie nach der Landtagswahl um?

Wilke Das Ergebnis hat mir noch einmal gezeigt, dass wir vor der Frage stehen, ob wir weiterhin eine solidarische Gesellschaft sein wollen oder eine, in der es um Selbstgerechtigkeit geht, um ein Ich-selbst-zuerst. Das ist ein internationaler Trend, aber bis in die Kommunalpolitik sehe ich, dass es vielen Menschen verstärkt darum geht, ihre individuellen Bedürfnisse über die der Allgemeinheit zu stellen. „Was tun andere für mich?“ steht oft über dem „Was kann ich für andere und eine gut funktionierende Gesellschaft tun“.

Was kann man dem entgegensetzen?

Wilke Ich halte es vor diesem Hintergrund für geboten, offen darüber zu diskutieren, ob es sinnvoll ist, dass wir in Deutschland zwei Parteien mit linkem Profil und solidarischem Gesellschaftsbild haben. Wir sollten die kleineren und größeren Unstimmigkeiten zwischen SPD und Linker beiseite schieben, uns der gesellschaftlichen Verantwortung stellen und eine möglichst starke Kraft bilden. Die gerade beschriebene gesamtgesellschaftliche Richtungsentscheidung ist die größte Herausforderung und steht über egozentrierten Parteiinteressen.

Was führt Sie zu diesem Gedanken?

Wilke Schauen Sie nach Sachsen. Dort kommt nach der Landtagswahl der konservative Block aus CDU und AfD auf 60 Prozent, SPD und Linke zusammen auf 18 Prozent. Ist es da sinnvoll, linkes Wählerpotenzial aufzuspalten? Oder in Brandenburg: Da gehen zwei linke Parteien in die Regierung, ringen aber gleichzeitig jeweils für sich um Alleinstellungsmerkmale und versuchen sich gegenseitig Wähler abzujagen. Das macht doch langfristig keinen Sinn. Wir machen es uns unnötig schwer.

Die Abwehrreflexe gegen eine Vereinigung dürften bei Genossen beider Parteien groß sein.

Wilke Mir ist klar, dass das Thema historisch stark belastet ist. Ich weiß, dass die Unterschiede zwischen Sahra-Wagenknecht-Flügel der Linken und Seeheimer Kreis der SPD riesig sind und dass sich manche Personen beider Parteien verfeindet gegenüberstehen. Eine Vereinigung ist keine Frage von ein, zwei Jahren, sondern eine langfristige Überlegung. Ich bin als linker Oberbürgermeister frei und unabhängig, da kann ich solche Dinge in den Raum stellen. Ich bin davon überzeugt, dass sie diskutiert werden müssen, unabhängig von den Wahlergebnissen am Sonntag.

Mit René Wilke
sprach Mathias Hausding