Sind die Sorben/Wenden in der Lausitz ein Volk, oder handelt es sich um zwei verschiedene Völker?

Peter Schurmann: Im Diskurs über die Sorben/Wenden in der Ober- und Niederlausitz sind von deutscher als auch sorbischer/wendischer Seite gegenwärtig überwiegend die Bezeichnungen „Sorbisches Volk“, „Lausitzer Sorben“ beziehungsweise „Sorben/Wenden“ sowie „sorbische Minderheit“ oder „Minderheit der Sorben/Wenden“ gebräuchlich. Ursprünglich haben sich die Sorben, die sich in der Niederlausitz im deutschen Sprachgebrauch häufig auch weiterhin als Wenden bezeichnen, aus zwei westslawischen Stämmen herausgebildet, den Lusizern in der Niederlausitz und den Milzenern in der Oberlausitz. Bis zur Reformation gab es zwischen beiden Volksgruppen kaum Berührungspunkte. Dadurch erklärt sich auch die Entwicklung zweier Schriftsprachen, des Niederwendischen beziehungsweise Niedersorbischen und des Oberwendischen bzw. Obersorbischen.

Also handelt es sich doch um zwei Völker?

Schurmann: Nein, denn von deutscher Seite wurde mit Beginn der Entwicklung des Schrifttums im 15./16. Jahrhundert von Angehörigen der „wendischen Nation“ gesprochen, wobei nicht zwischen den Wenden in der Ober- und der Niederlausitz unterschieden wurde. Mit der Reformation erfuhr der Prozess gegenseitiger Annäherung einen Aufschwung. Die Akteure waren vor allem Vertreter des Bildungsbürgertums. Insbesondere Pfarrer fanden manchmal nur eine Anstellung im anderen Teil der Lausitz, erlernten die dortige wendische beziehungsweise sorbische Sprache, predigten und publizierten in dieser und so weiter. Wir kennen zahlreiche Beispiele, dass jene Personen Beachtliches für die Entwicklung der jeweiligen wendischen Sprache und Kultur vor Ort getan haben. Der Ausbau beiderseitiger Kontakte setzte sich im 19. Jahrhundert mit der Entstehung einer eigenständigen wendischen Nationalbewegung in der Ober- und Niederlausitz fort. Die erstmals zu Beginn der Weimarer Republik in Bautzen entstandenen wendischen Institutionen errichteten Zweigstellen auch in Cottbus, darunter die Wendische Volksbank. Es entsprach einer gewissen Normalität, dass Niedersorben beispielsweise in der Bankzentrale in Bautzen arbeiteten, Obersorben in der Cottbuser Filiale.

Warum gibt es die beiden Begriffe Sorben und Wenden?

Schurmann: In der niedersorbischen Sprache existiert lediglich das Wort Serby. Nur das Deutsche weist die beiden Begriffe Sorben und Wenden auf. Sorben ist die Eigen- beziehungsweise Urbezeichnung. Die erstmalige Erwähnung eines sorbischen Stammesverbandes „Surbi“ erfolgte in den Jahren 631/632 durch den Chronisten Fredegar. Der Terminus Wenden stammt hingegen von griechischen und römischen Gelehrten für die nichtgermanischen Stämme ab. Auch im Deutschen wurden als Wenden alle westslawischen Stämme und Volksgruppen bezeichnet.

Bis in die heutige Zeit reichen jedoch diverse Befindlichkeiten zwischen den Oberlausitzer und Niederlausitzer Sorben/Wenden. Woher rührt diese durchaus vorhandene Abneigung?

Schurmann: Dieser Konflikt hat seinen Ursprung unter anderem in der frühen DDR. Die erstmalige staatliche Förderung von sorbischer Sprache und Kultur führte auf verschiedensten Gebieten zum Aufbau sorbischer Institutionen. Die Personaldecke war jedoch in der Niederlausitz sehr dünn. Als schneller Ausweg erfolgte in den 1950er-/1960er-Jahren ein beachtlicher Transfer von obersorbischem Personal in die Niederlausitz, wodurch die dortigen Institutionen personell abgesichert und ausgebaut werden konnten, darunter auch der Sorbischunterricht. Natürlich brachten die Obersorben ihre eigene sorbische Sprache, ihre kulturellen Befindlichkeiten und ihren zumeist katholischen Glauben mit. Konflikte blieben daher nicht aus.

Was waren die daraus folgenden Konsequenzen?

Schurmann: Mancherorts gab es Rückschläge im Annäherungs- und Kooperationsprozess, was manchem Niedersorben/Wenden ungeachtet der vielfältigen gegenseitigen Kontakte und Hilfsmaßnahmen veranlasste, erneut beziehungsweise weiterhin von zwei sorbischen oder auch wendischen Volksgruppen oder gar Völkern zu sprechen.

Wie würden Sie diese Situation im Jahr 2019 beurteilen?

Schurmann: Bei aller Toleranz dem anderen gegenüber gibt es gegenwärtig nach wie vor unterschiedliche Ansichten dazu, ob die Sorben/Wenden ein Volk oder zwei Völker beziehungsweise Volksgruppen sind. Unter den Sorben/Wenden, aber auch innerhalb der deutschen Mehrheitsbevölkerung überwiegt die Ansicht von einem Volk, da die Zusammenarbeit und die Verflechtungen oder auch Abhängigkeiten auf verschiedensten Ebenen (Domowina als sorbische Interessenvertretung, Stiftung für das sorbische Volk, Minderheitenrat usw.) mittlerweile ein hohes Niveau erreicht haben. Eine wichtige Rolle spielt natürlich auch, dass die beiden sorbischen Schriftsprachen beträchtliche Gemeinsamkeiten aufweisen, wodurch eine Verständigung jederzeit möglich ist.

Mit Peter Schurmann sprach
Torsten Richter-Zippack