Der Amerikaner Jack Barsky wurde in der Lausitz geboren, spionierte als einer der letzten Agenten aus der DDR für den sowjetischen Geheimdienst KGB in den USA. Über sein abenteuerliches Leben als Spion schrieb er ein Buch, das möglicherweise verfilmt wird. Derzeit laufen dazu Verhandlungen.

Haben Sie als Spion Menschen geschadet?

Barsky Meiner Mutter, meiner Frau, meinem Bruder und meinem Sohn durch Lügen und letztendlich vollkommene Abwesenheit. Ob ich jemandem durch meinen „Beruf“ Schaden zugefügt habe, weiß ich nicht. Bewusst habe ich das nicht ein einziges Mal getan.

Nach Ihrer Enttarnung wurden Sie fristlos aus guter beruflicher Position gefeuert. Haben sich frühere Kollegen bei Ihnen gemeldet, um zu erfahren, ob sie von Ihnen ausspioniert wurden?

Barsky Die Frage hat eine falsche Grundlage. Ich wurde 1997 enttarnt, aber nur das FBI wusste die Wahrheit. Die haben mich ruhig weiter leben und arbeiten gelassen. Entlassen hat mich meine letzte Firma, nachdem ich mit einem Interview in der Show „60 Minutes“ in die Öffentlichkeit getreten bin. Ich kann mich wirklich nicht an so eine Frage von früheren Kollegen erinnern. Ich habe ja alle vier bis fünf Jahre den Arbeitsplatz gewechselt und hatte sehr wenig Kontakt mit den Leuten, die meine Kollegen in den 1980er-Jahren waren.

Enttarnt wurden Sie durch einen russischen Überläufer, einen KGB-Archivar, der dem britischen Geheimdienst zwei Koffer voller Dokumente über KGB-Agenten mitbrachte. Darunter auch eines mit Ihrem nicht alltäglichen amerikanischen Namen drauf. Dennoch hat das FBI Sie fast vier Jahre lang observiert und Ihr Haus verwanzt. Und Sie haben als gut ausgebildeter Spion nichts davon mitbekommen?

Barsky So drei bis vier Monate, nachdem ich meinen Abschiedsbrief nach Moskau geschickt hatte, war ich mir ziemlich sicher, dass weder das FBI noch der KGB mir auf den Fersen waren. So habe ich dann „vergessen“ dass ich ein Spion war und mich total von diesem Leben getrennt. Ich habe alle Kontrollmaßnahmen abgebrochen, und so war es dem FBI möglich, mich unentdeckt zu beobachten und zu untersuchen.

Der damalige FBI-Agent Joseph Reilly war, getarnt als Ornithologe, ins Nachbarhaus gezogen, um ganz dicht an Ihnen dran zu sein. Erst im Mai 1997 hat er Sie bei einer fingierten Verkehrskontrolle festgenommen. Heute sind Sie beide Freunde und spielen zusammen Golf. Wie kam es dazu? Und warum sind Sie nicht in einem amerikanischen Gefängnis gelandet?

Barsky Reilly hat mich aus der Ferne von einem Hügel mit einem Fernglas beobachtet. Ins Nachbarhaus sind zwei andere Agenten eingezogen. Warum ich nicht im Gefängnis gelandet bin? Meine Mitarbeit war ihnen wichtiger, als mich zu bestrafen. Das ist eigentlich ganz normal in Spionagefällen. Wenn die DDR und die SU noch existiert hätten, hätte man mich möglicherweise eingesperrt – in diesem Fall hätte ich Wert im Rahmen eines Agentenaustausches gehabt. Dass Reilley und ich Freunde wurden, ist gar nicht so überraschend. Wir haben uns tagelang „unterhalten“ während des Verhöres und aber auch davor und danach. So haben wir uns sehr, sehr gut kennen und leiden gelernt.

Sie leben heute mit Ihrer seit 2009 dritten Frau Shawna und ihrer achtjährigen Tochter Trinity in einem Vorort von Atlanta im Bundesstaat Georgia an der Ostküste. Checken Sie manchmal Ihr Haus noch nach Wanzen?

Barsky Nein – warum sollte ich?

„Ich habe Angst. Man kann sie unterdrücken, aber nicht wegbekommen.“ Das haben Sie mal bei einem TV-Interview im Frühjahr dieses Jahres eingestanden. Wie sieht es heute damit aus? Haben Sie noch immer Angst vor einer späten Rache aus dem heutigen Russland?

Barsky Ein bisschen schon. Wenn man einmal in der Welt der Spionage gelebt hat, da bleibt doch immer was hängen. Andererseits kann man nicht mit ständiger Angst leben. Als ich aktiv war, da gab es viel mehr Grund, Angst zu haben, und ich hatte sehr wenig. So bin ich eben gebaut.

Apropos Russland – Sie haben sich mal über dessen Präsidenten Putin, einem früheren vor allem in Dresden zu DDR-Zeiten stationierten sowjetischen Geheimdienst-Offizier, geäußert, dass er als solcher keine große Nummer beim KGB gewesen sei. Was halten Sie von seiner Politik?

Barsky Putin ist ein starker Mann, der wie viele Staatsoberhäupter eine hohe Meinung von sich selbst hat. Er hat sich das Ziel gesetzt, Russland wieder zu einer Großmacht zu machen. Er bereut den Zerfall der Sowjetunion sehr. Und er benutzt dazu alle Mittel, die ihm zur Verfügung stehen. Insgesamt muss man anerkennen, dass er einer der erfolgreichsten Politiker der letzten 100 Jahre ist. Das russische Volk steht mit großer Mehrheit hinter ihm. Seine Wahlsiege müssen doch die große Mehrheit der Politiker im Westen neidisch machen.

Sind Sie ein politischer Mensch, oder interessiert Sie die Politik von Trump nicht?

Barsky Ich bin außerordentlich an Welt- und Innenpolitik interessiert. Das habe ich seit meiner Jugend nicht verloren.

Fünf Menschen können auf der Welt behaupten, dass ein Ex-KGB-Agent ihr Vater ist. Alle hätten Ihnen inzwischen verziehen und seien miteinander in Kontakt, sagen Sie – zwei Söhne in Deutschland und zwei Töchter und ein Sohn in den USA von insgesamt vier Müttern. Wie ist das Verhältnis heute zwischen Ihnen allen?

Barsky Die Kinder kennen sich alle und haben miteinander Umgang, so wie es die Entfernung erlaubt. Die Damen haben keinen Kontakt miteinander. Ich habe sehr gute Verbindung zu allen Kindern, aber außer meiner jetzigen Frau habe ich nur Kontakt mit der Mutter von Günter, meinem ersten Sohn.

Feiern Sie teilweise vielleicht zusammen Weihnachten oder Neujahr oder wie verbringen Sie die Feiertage familiär?

Barsky Wir sind zu weit voneinander weg. Das trifft sogar auf meine Kinder in den USA zu. Weihnachten kommen sie manchmal zu Besuch, aber Neujahr wird bei uns nicht mehr gefeiert. Ich finde, dass dieser Feiertag keinen richtigen Wert hat und gehe schon vor Mitternacht zu Bett.

Durch Ihre jetzige Frau Shawna, einer früheren Mitarbeiterin von Ihnen, haben Sie zum Glauben an Jesus Christus gefunden, sich taufen lassen und dem Kommunismus abgeschworen, weil Sie selbst sagten, dass „da nur noch Sünden übrig waren“, weil die große Sache, der Sie dienten, plötzlich „weggeschmolzen“ war. Wie oft beten Sie und gehen Sie Heiligabend in die Kirche?

Barsky Wir sagen ein Dankgebet vor jedem Essen, außerdem bete ich still auch zu anderen Tageszeiten. Jeden Sonntag kann man mich beim Gottesdienst finden. Außerdem spreche ich manchmal in Kirchen oder bei großen christlichen Veranstaltungen. Ich kann mir mein verrücktes Leben und die Tatsache, dass ich mit heiler Haut weggekommen bin, ohne Gott nicht erklären.

Was bedeutet Gott und Ihr Glaube daran für Sie?

Barsky Wissen Sie, vor 2000 Jahren, da war ein Mann auf dieser Erde, der total ohne Sünden gelebt hat und der uns gelehrt hat wie man leben soll. Wenn man Jesus nacheifert, da hat man eine Chance, ein ziemlich guter Mensch zu sein oder zu werden. Das wollte ich immer, und für eine lange Zeit meines Lebens habe ich da total versagt. Und noch was – wenn man mein Buch liest, da kann man ein Grundthema finden – LIEBE. Ich habe mich immer danach gesehnt, zu lieben und geliebt zu werden, und das war ja dann eben auch nicht so einfach. Da gibt es einen sehr kurzen Satz in der Bibel: „Gott ist Liebe.“ Hoffentlich habe ich das Zitat nicht genauso verhunzt, wie den Feuerbach im Buch. Und zum dritten, als logisch denkender Mensch und ausgebildeter Wissenschaftler ist für mich die christliche Philosophie – auch Apologetik genannt – sehr überzeugend. Wer da denkt, dass die meisten Christen ein bisschen beschränkt sind, der hat wirklich keine Ahnung. Ich könnte noch viel mehr dazu sagen, aber ich will es bei diesen drei Kernpunkten belassen. Als Christ zu denken und zu leben, ist ein wunderbares Dasein für mich.

Noch eine nicht ganz so ernst gemeinte Frage zum Abschluss: Sie waren als Mitglied der SED überzeugter Kommunist, sind deswegen ja auch Agent geworden. Doch wie erklären Sie sich den Fehler bezüglich des Zitates von Karl Marx auf Seite 154 der deutschen Ausgabe hinsichtlich der berühmten 11. Feuerbach-These?

Barsky Aua!!! Ich muss mal sehen, ob es meine Schuld war oder der Übersetzer den Fehler gemacht hat.

Das Interview mit Jack Barsky
führte Frank Hilbert.

Interview mit Jack Barsky – Teil 1 Ein Lausitzer spionierte für den KGB in den USA

Bad Muskau

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