Herr Sievers, Sie sind ja seit vielen Jahren mit dem Arzthaftungsrecht befasst: Ist Ihrer Wahrnehmung nach das Problem der Behandlungsfehler größer geworden?

Sievers Ich habe mittlerweile mehrere tausend Verfahren betreut. Und ich kann definitiv sagen: Im Laufe der Jahre hat die Zahl der Fälle immer mehr zugenommen.

Ist die Bereitschaft der Ärzte gewachsen, Fehler einzuräumen?

Sievers Nein. Das dürfen die ja gar nicht. Ihnen sitzt ihre Haftpflichtversicherung im Nacken, die verpasst den Medizinern einen „Maulkorb“ – sie hat gegenüber dem Mediziner das sogenannte Direktions- und Weisungsrecht.

Viele Betroffene scheuen ja davor zurück, mit Hilfe eines Anwalts vor Gericht Schadenersatz vom behandelnden Arzt zu erstreiten. Was schätzen Sie, wie viel Prozent der Patienten bisher Hilfe bei einem Juristen wie Ihnen suchen?

Sievers Das ist schwer zu beantworten. Wer eine Rechtsschutzversicherung hat, tut sich natürlich leichter, einen Prozess zu wagen. Von den Geschädigten ohne Rechtsschutzversicherung, die ich berate, ziehen höchstens zehn Prozent tatsächlich vor Gericht. Ein Wunder ist das nicht. Ein Arzthaftungsprozess dauert nicht selten sieben bis zehn Jahre durch mehrere Instanzen. Bei einem Streitwert von 50 000 Euro Schmerzensgeld kommen da leicht 15 000 bis 20 000 Euro an Kosten zusammen.

Wie vielen Patienten konnten Sie helfen?

Sievers Die Erfolgsquote liegt realistisch etwa bei bis zu zwanzig Prozent der Fälle, in welchen es zu einem Urteil zugunsten des Patienten oder einem Vergleich kommt.

Woran liegt das?

Sievers Kein Urteil ohne Gutachten. Und die Gutachter haben eine ganz erhebliche Macht. Aber finden sie mal einen Gutachter, der den Mut hat, etwa einem führenden Herzspezialisten zu bescheinigen, dass er einen schlimmen Fehler gemacht hat.

Was sind denn typische Fälle von Fehlern?

Sievers Beispielsweise die zu großzügige Implantierung von Hüft- und Kniegelenkprothesen, nicht engmaschig kontrollierte Erkrankungen des Auges wie dem Grünen Star oder verspätete Befunderhebung bei akuten Schlaganfällen durch Computertomographie oder Magnetresonanztomographie.

In der Bundesregierung wird derzeit eine Gesetzesänderung geprüft, mit der Patienten häufiger an Schadenersatz kommen sollen. Indem das Beweismaß für einen Behandlungsfehler von „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ auf „überwiegende Wahrscheinlichkeit“ abgesenkt werden soll. Würde das tatsächlich Betroffenen helfen?

Sievers Da bin ich in der Bewertung zurückhaltend. Ein Gericht muss ja voll davon überzeugt sein, dass es einen Kunstfehler gegeben hat. Wie soll da die „überwiegende Wahrscheinlichkeit“ der Türöffner zu mehr Schadenersatz sein? Aber vielleicht würde eine Gesetzesänderung im Laufe der Jahre in der Rechtsprechung doch Wirkung zeigen und damit Patienten helfen.

Mit Frank Albert Sievers
sprach Hajo Zenker