Herr Malcherowitz, können Sie einen Spaziergang noch genießen oder haben Sie nur noch einen Blick für das Gelände und was darunter verborgen ist?

Malcherowitz Einen Spaziergang kann man immer genießen. Aber der Blick schweift schon durch die Gegend: Habe ich hier einen neuen Fundplatz? Könnten hier Scherben liegen oder sonst was? Das kann schon manchmal Frust für den Partner mit sich bringen.

Aber Spaziergänge an der Neiße macht Ihre Frau nicht mit Ihnen?

Malcherowitz Doch. Es gibt ja dort schöne Radwanderwege. Gerade bei Bahren und Zelz kann man gut spazieren.

Gerade dort liegt aber doch ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit: Seit zehn Jahren recherchieren Sie die Frontverläufe und das Kriegsgeschehen, als an der Neiße Frontlinie war. Was machen Sie dort?

Malcherowitz Wir haben eine Sondergenehmigung vom Brandenburgischen Landesdenkmalamt, die jedes Jahr erneuert wird – und die Erlaubnis, den noch sichtbaren oder erkennbaren Frontverlauf einzumessen und zu dokumentieren.

Was ist denn noch sichtbar?

Malcherowitz Infanteriestellungen, Geschützstellungen, Granatwerferstellungen. Sie erkennen noch Bunker, wenn Sie das lang genug machen. Wir haben die Erlaubnis, auch die Metallsonde zu verwenden. Aber auch so finden wir Kriegsschrott, der hochkommt; Hülsen, Granatsplitter, manchmal auch scharfe Munition. Wir arbeiten sehr eng mit dem Kampfmittelräumdienst zusammen.

 Scheinbar war doch alles bekannt über den Kriegsverlauf. Gibt es da überhaupt noch Überraschungen?

Malcherowitz Überraschungen gibt es jedes Mal. Es sind zwar nur knapp 75 Jahre her, aber das eigentliche Wissen um die Ereignisse ist spärlich. Ich arbeite eng mit dem Militärarchiv in Freiburg zusammen. Es gibt sehr wenig Unterlagen. Was man im Gelände findet, ergänzt das. Es ist wie ein Puzzle. Und so haben wir über 56 Kilometer Frontverlauf eingemessen, von der sächsischen Grenze bis nach Guben. Wir können inzwischen drei Kampflinien nachweisen – die Hauptkampflinie, die Auffanglinie und die zweite Verteidigungslinie – was so in keiner Militärliteratur verzeichnet ist. Dann kommen kleine Sensationsfunde dazu. So habe ich vor Kur­zem ein Kriegstagebuch von einem Grenadierregiment der 72. Infanteriedivision angeboten bekommen. Darin wird über 30 Tage akkurat der Kampf und das Kriegsgeschehen zwischen Grießen und Forst beschrieben. Diese Angaben nutze ich für einen Beitrag, der – so hoffe ich – im Forster Jahrbuch für Heimatgeschichte erscheint.

Haben Sie damit den gesamten Frontverlauf dokumentiert?

Malcherowitz Nein, es gibt natürlich Riesenlücken, allein schon wegen des Tagebaus. Dort waren Frontstellungen im hinteren Bereich.

Wie gehen Sie vor?

Malcherowitz Wir recherchieren mit Luftbildern von den Allierten oder von den russischen Überfliegungen. Manchmal kann der Kampfmittelräumdienst bestätigen, dass da was sein könnte oder wir kriegen von denen Hinweise. Dann gehen wir ins Gelände und schauen, ob noch etwas da ist.

Wie lange werden Sie noch zu tun haben?

Malcherowitz Mit dem Frontverlauf noch zwei, drei Jahre. Aber manchmal sind wir wegen einer ganz anderen Sache unterwegs – einer germanischen Siedlung oder einem Verhüttungsplatz - und entdecken im Wald Stellungen. Die messen wir ein. Man kann nie sagen, man ist fertig.

Was wollen Sie mit dem Wissen machen?

Malcherowitz In letzter Konsequenz will ich mit meinem Sohn ein Buch darüber schreiben. Ich hoffe, dass wir in vier, fünf Jahren dazu übergehen, alles schriftlich festzuhalten.

Also zum 80. Jahrestag des Kriegsendes?

Malcherowitz Das wäre optimal.

Sie kombinieren die Denkmalpflege mit der Arbeit bei der Kriegsgräberfürsorge, Recherchen bei der Wehrmachtauskunftsstelle (Wast) und bei der Vermisstenstelle des Deutschen Roten Kreuzes. Wie viele Schickale und Identitäten haben Sie bisher klären können?

Malcherowitz 10 273. Wir haben Daten von über 10 000 gefallenen und vermissten Soldaten zusammengetragen; Name, Vorname, Geburtsdatum, Sterbedatum, Dienstgrad und Truppenteil.

Also Menschen, deren Schicksal vor Ihrer Arbeit nicht bekannt war?

Malcherowitz Wir möchten für unser Buch eine Gesamtzahl erhalten der Gefallenen. Bisher hat man keine Vorstellung, was ist eigentlich passierte.

Von wie vielen Toten gehen Sie aus?

Malcherowitz Von etwa 35 000 bis 40 000, die an der Lausitzer Neiße starben – allein in diesem Bereich und in der Zeit, als die Heeresgruppe Mitte und die 40. Panzerarmee in diesem Frontabschnitt waren.

Auf beiden Seiten?

Malcherowitz Nur auf deutscher.

Und auf russischer Seite?

Malcherowitz Die Zahlen kann man nicht verlässlich schätzen. Die Russen hatten keine Erkennungsmarken oder Ähnliches. Das geht auf einen Befehl aus dem Jahr 1943 zurück.

Haben Sie selbst schon bei Ihrer Arbeit Tote gefunden?

Malcherowitz Ja. Zwei deutsche Soldaten und einen russischen Soldaten. In Kathlow war es ein deutscher Soldat mit Erkennungsmarke. Bei der Wast läuft derzeit die Identifizierung. Vor drei Jahren haben wir im Bereich Bahren/Zelz einen deutschen und einen russischen Soldaten gefunden. Auch da hatte der deutsche Soldat eine Erkennungsmarke. Beim Russen war leider gar nichts, was bei einer Identifizierung helfen würde.

Wie gehen Sie dann vor?

Malcherowitz Sobald erkennbar ist, dass da sterbliche Überreste liegen, hören wir auf und informieren den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Außerdem werden Landkreis und Ordnungsamt des Amtes oder der Stadt informiert. Dann wird mit dem Umbetter ein Termin ausgemacht.

Verändert so ein Fund die Arbeit?

Malcherowitz Ja. Man ist dann schon etwas angespannt oder schockiert. Auf einmal wissen Sie: Hier ist ein Individuum, hier ist ein menschliches Schicksal. Bei den Soldaten mit der Erkennungsmarke können Sie davon ausgehen, dass die Angehörigen mehr als 70 Jahre nach dem Krieg die Mitteilung kriegen: Er ist in diesem Zeitraum konkret dort gefallen, die Gebeine sind geborgen worden und werden in Halbe auf dem Soldatenfriedhof beerdigt.

Sie beschäftigen sich intensiv mit dem Krieg. Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu Krieg beschreiben?

Malcherowitz Ich bin Gott dankbar, dass wir eine Generation sind, die die ganze Zeit in Frieden und Freiheit leben durfte und darf – obwohl es ja immer wieder auch in Europa mal kritisch ist. Es ist ein Antrieb für mich, dieses Grausame zu erfassen und auch in Vorträgen den heute Lebenden ansatzweise zu vermitteln. Wir haben keine Vorstellung, was unsere Großeltern vor über 70 Jahren erlitten, erduldet, mitgemacht haben. Das sehen Sie auch angesichts der Zeitzeugeninterviews. Wir haben über 56 Leute interviewt. Ich habe einen Soldaten befragt, der mit sechzehneinhalb Jahren in Guben eingesetzt war – da bekomme ich heute noch Gänsehaut.

Sammeln Sie noch weitere Zeitzeugeninterviews?

Malcherowitz Logisch. Wer noch etwas Konkretes hat, soll sich bitte bei mir melden.

Warum wird man ehrenamtlicher Bodendenkmalpfleger?

Malcherowitz In jedem Mann steckt ein Sammler und Jäger. Das übt schon einen Reiz aus, wenn ich auf dem Acker stehe, eine Scherbe in die Hand nehme und feststelle: Die ist aus der Bronzezeit. 3200 Jahre alt. Oder aus der römischen Kaiserzeit, also von den Germanen; 1800 Jahre alt. Jedes Mal haben Sie ein Fundstück, das schon eine kleine Geschichte erzählt. Wenn Sie Schlackereste finden, dann bekommen Sie schon eine Vorstellung vom Verhüttungsplatz: Wie viel Schlacke liegt hier? Wie viel Eisen hat man gewonnen? Da kommt eins zum anderen.

Wie beliebt ist man als ehrenamtlicher Denkmalpfleger, wenn man auf dem Grundstück eines Landwirts oder eines Bauherrn plötzlich einen Fund macht?

Malcherowitz Die Funde selber stören die Landwirte in der Regel überhaupt nicht. Wenn man weiß, wem der Grund und Boden gehört, versteht es sich von selbst, dass man sich meldet und erklärt, was man vorhat.

Wie gehen Sie vor?

Malcherowitz Wir graben nicht. Wir laufen nur über den Acker, vielleicht noch mit einer Metallsonde. Wir heben Funde auf, begutachten sie und messen sie mit einem Gerät ein, notieren die Daten, beschriften die Beutel. Am nächsten oder übernächsten Tag wird der Fund gereinigt und eine Fundmeldung geschrieben.

Behalten dürfen Sie nichts. Oder?

Malcherowitz Nein. Das geht natürlich alles nach Wünsdorf.

Sie sind Zollbeamter. Wie kamen Sie zur ehrenamtlichen Denkmalpflege?

Malcherowitz Eigentlich wollte ich mal Geschichte oder Archäologie studieren. Aber das war bei uns damals ein brotloser Job. Das Hobby hat mich aber immer begleitet. 

 Sie leiten seit 1999 auch den Historischen Verein in Peitz. Wie viel Zeit wenden Sie denn auf für Ihr Hobby, falls es noch Hobby ist?

Malcherowitz Wenn ich in der Regel vom Dienst nach Hause komme - morgens fahr ich um fünf los, nach zwölf Stunden bin ich gegen 17 Uhr wieder zu Hause, gibt es ein kurzes Hallo zur Frau – was liegt an? – und dann wird in den Wintermonaten die Zeit bis 20, 22 Uhr für Vereinsarbeit genutzt.

Was raten Sie Menschen, die sich überlegen, ehrenamtlicher Denkmalpfleger zu werden?

Malcherowitz Machen Sie es. Das sind zwei Jahre Ausbildung, in denen man seinen geistigen Horizont ungemein erweitert. Es ist dann nicht nur eine Scherbe oder ein komischer Stein, der am Boden rumliegt, sondern der Fund erzählt immer gleich Geschichte. Wir haben im Spree-Neiße-Kreis auch eine tolle Gruppe, treffen uns regelmäßig. Einmal im Jahr gibt es eine zentrale Veranstaltung für alle ehrenamtlichen Bodendenkmalpfleger des südlichen Brandenburgs. Dieses Mal wollen wir auch Frau Dr. Münch als zuständige Ministerin für Denkmalpflege einladen, um sie näher an die Ehrenamtlichen heranzubringen.

Näher ranbringen heißt ja auch, dass Sie eine konkrete Erwartung an die Ministerin haben...

Malcherowitz Einfach mit ihr ins Gespräch kommen, sie sensibilisieren. In Sachsen werden einmal im Jahr durchs Ministerium alle ehrenamtlichen Bodendenkmalpfleger eingeladen und es wird ihnen gedankt. In Brandenburg wäre es auch mal schön. Es gibt bestimmt Kollegen, die machen das 20, 30 40 Jahre. In der heutigen Zeit fordert und wünscht man sich, dass viel ehrenamtlich gemacht wird. Ich finde als Vater und als Dienststellenleiter immer, wir sagen viel zu wenig danke! Es ist alles immer selbstverständlich – das ist es bei Gott nicht. Ein ganz normales kleines Dankeschön, eine kleine Anerkennung – und die Leute sind motiviert, weil sie sehen: Es hat was gebracht. Es findet Anklang.

Wo würden Sie sich mehr Unterstützung wünschen?

Malcherowitz Manchmal wäre es schön, wenn Verwaltungen uns nicht als Bremse sähen. Klar, bei Bauvorhaben plant man immer ganz eng. Man sollte es auch als Gewinn sehen, wenn da die Bodendenkmalpflege ist. Nur weil wir kommen, heißt es ja nicht, dass der Bau eingestellt wird und gleich immense Mehrkosten entstehen. Es reicht ja manchmal schon bei einem Baufeld, wenn man einfach nur sagt – lass doch mal die Ehrenamtlichen mit einer Sonde drüber laufen. Sie glauben gar nicht, was alles für Zeugs im Boden liegt, was nur durch die Sonde gefunden wird.

Aber gerade das ist die Angst von vielen privaten Bauherren. In Brandenburg gilt ja immer noch der Grundsatz, dass der Bauherr für die entstehenden Kosten verantwortlich ist. Sollte man das ändern?

Malcherowitz In den ganzen Jahren, in denen ich das mache, habe ich selbst keinen solchen Fall erlebt, kenne auch nur einen. Ein Kollege hat bei Hornow bei der Begehung eines Ackers eine germanische Begräbnisstätte gefunden. Dort trat dann Edelmetall auf. Das war schon vom Fundspektrum etwas Einmaliges, ein Alleinstellungsmerkmal. Und dort hat dann auch Wünsdorf das Gespräch mit dem Landwirt gesucht. Das war das einzige Mal, dass später auch ein Forschungsprojekt daraus entstanden ist und man dort gegraben hat. Dort haben wir auch als Ehrenamtliche teilgenommen. Ansonsten finden Sie vielleicht nur Scherben, identifizieren sie – Bronzezeit, Kaiserzeit, Mittelalter oder Slawenzeit? – und prüfen, ob der Fundplatz bekannt ist. Dann melden sie ihn, bekommt er eine Nummer. Die Leute brauchen keine Angst haben. Es wäre schön, wenn sie noch viel mehr mit uns zusammenarbeiten würden. Bei jeder Führung hier im Vereinshaus mit Schulklassen sensibilisiere ich die Kinder und sage: Stellt einfach irgendwo einen alten Blumentopf hin, in dem Mama und Papa, wenn sie im Garten arbeiten, die gefundenen Scherben sammeln. Sie glauben gar nicht, was jedes Mal weggeschmissen wird...

Gab es früher ein größeres Bewusstsein für solche Funde?

Malcherowitz Das ist gleich geblieben, denke ich. Man muss einen Faible, einen Spleen für so etwas haben. Die Leute haben auch früher Alltagssorgen gehabt. Es hängt immer von den Lehrern ab, wie sie Geschichte vermitteln. Ich hatte Geschichtslehrer, die haben bei mir den Funken gezündet. Seitdem brenne ich für Geschichte. Aber wenn ich einen Lehrer gehabt hätte, der es stupide, monoton vorgetragen hätte.

Hat Sie denn ein Kind angerufen?

Malcherowitz Wir machen das ja erst seit Kurzem. Wir hatten im Oktober und im November insgesamt drei Schulklassen hier. Da waren Kinder dabei, die gesagt haben: Wir haben was und wir bringen das vorbei. Wir warten jetzt. Mal schauen.

Das ausführliche Interview auf www.lr-online.de.

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Cottbus