Am 16. November wird er als neuer Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz ins Amt eingeführt. Im Gespräch mit der RUNDSCHAU erklärt Propst Christian Stäblein, was ihm der Reformationstag bedeutet und warum er gegen immer mehr verkaufsoffene Sonntage ist.

Propst Stäblein, was bedeutet Ihnen der Reformationstag?

Stäblein Am Reformationstag werden wir als Landeskirche in diesem Jahr in Berlin in der Zionskirche an 30 Jahre Friedliche Revolution erinnern und das Gespräch mit Jugendlichen suchen. Da geht es um die Botschaft von der Freiheit, dass mich Gott gerecht spricht. Ich kann und muss das nicht selber tun und ich kann also für den Nächsten da sein: Diese Botschaft feiern wir am Reformationstag mit Gottesdiensten in allen Kirchen. Und wir bringen diese Botschaft ins Gespräch. Letztes Jahr waren wir am Reformationstag in Cottbus, haben in der Universität Gottesdienst gefeiert, die Fragen von Reformation und die eines Strukturwandels ins Gespräch gebracht. Beides ist wichtig. Die Feiern, die ich an diesem Tag genieße. Und die Gespräche, die wir über den Glauben und über das, was die Menschen bewegt, suchen.

Martin Luther lebte vor 500 Jahren. Ist er eigentlich heute noch aktuell?

Stäblein Die Grundeinsicht Luthers, dass wir mit der Bibel, mit der Heiligen Schrift, mündige Christinnen und Christen sind, dass Gott uns allen gleich nah sein will, dass der Einzelne und die Einzelne vor Gott zählt, dass wir von Gott geliebt und angenommen sind, wie wir sind, mit unseren Fehlern und dass jeder und jede ihre Würde hat - ja, das ist alles ungeheuer aktuell und gibt uns gerade heute auch Orientierung. Zweifellos haben wir uns in den letzten Jahren auch an schwierigen Seiten Luthers abgearbeitet. Das war wichtig. Es darf ja nicht das Falsche aktualisiert werden.

Viele Brandenburger nutzen den Tag zum Einkaufen in Berlin. Ist das eigentlich im Sinne des Erfinders?

Stäblein Wir hätten uns gefreut, wenn der Reformationstag auch in Berlin zum Feiertag geworden wäre. Es gab ja Umfragen, die gezeigt haben, dass die Menschen einen Sinn für diesen Tag haben. Ein Nachdenken darüber, was uns als Gesellschaft trägt, woher wir kommen, was unsere Perspektiven und Wünsche sind, säkular, ökumenisch, interreligiös, das halte ich für gut und wichtig. Ich kaufe auch sehr gerne ein. Aber Konsum hält uns nicht zusammen.

Braucht es generell Änderungen beim Ladenschluss – zum Beispiel weniger verkaufsoffene Sonntage?

Stäblein Es braucht generell ein Bewusstsein dafür, dass wir als Gesellschaft gemeinsame Pausen brauchen. Wenn wir immer mehr Sonntage aus bisweilen besten Motiven heraus verkaufsoffen machen, werden wir immer weniger gemeinsame Zeiten zur Besinnung haben. Das halte ich für ein großes Problem, wir werden gewissermaßen „besinnungslos“.

In Brandenburg geht nach zehn Jahren Rot-Rot eine neue Landesregierung an den Start. Was wünscht sich die Kirche von dieser Veränderung?

Stäblein Ich bin froh, dass die Regierung jetzt an den Start geht und die Probleme der Menschen in Brandenburg und die Herausforderungen der Zeit, die ja immens sind, angehen kann. Ich denke etwa an den Strukturwandel, der in der Lausitz ansteht. Das ist eine Aufgabe, bei der es gilt, die Menschen mitzunehmen. Es geht um Vertrauen und um Perspektiven. Bei der Suche nach Antworten stehen wir gerne kooperierend zur Seite. Wir sind als Kirche nahe bei den Menschen, in jedem Ort sind wir mit vor Ort. Der Wahlausgang war ja insgesamt eine Warnung. Wir müssen die Demokratie stärken, dafür müssen die Menschen gehört und beteiligt werden, sie müssen erfahren, dass ihre Fragen und Nöte aufgenommen werden. Die Bewältigung von Sachproblemen schwächt die Extremisten und Populisten.

Im November werden Sie als Bischof der Ekbo in Ihr Amt eingeführt. Wie blicken Sie auf diesen Tag?

Stäblein Gespannt und mit Vorfreude. Und mit noch viel größerem Respekt. Es ist eine tolle Aufgabe, die mir die Synode und die Menschen in der Kirche zutrauen. Aber es ist vor allem eine Aufgabe, die mich demütig sein lässt. Es braucht Mut zum richtigen Wort zur richtigen Zeit. Und es sind zum Glück viele Menschen, die mit mir auf dem Weg sind, ein gutes Team. Wir haben vermutlich etliche Umbrüche als Kirche in den nächsten Jahren vor uns. Aber mir ist nicht bange. Den Menschen in Brandenburg, in der schlesischen Oberlausitz und in Berlin sind Umbrüche ja wahrlich vertraut. Schließlich gilt es immer getrost zu bleiben: Nicht wir erhalten die Kirche, das tut Gott allein. So sind wir frei, miteinander nach den richtigen Wegen zu suchen.

Was muss – aus Ihrer Sicht – ein guter Bischof leisten?

Stäblein Ein offenes Ohr haben, immer wieder. Für die Fragen und Sorgen der Menschen, der Gemeinden. Und auch ein offenes Ohr für Gottes Wort, das in jeder Zeit neu ausgelegt werden will. Dazu: genau hingucken. Ein Bischof ist wörtlich einer, der hinguckt, das ist die Bedeutung dieses Wortes Bischof, das aus dem Griechischen stammt: der „episkopos“ guckt herum, guckt hin, ein Hingucker, wenn Sie so wollen. So, hörend, gibt er immer wieder der Kirche ein Gesicht in der Öffentlichkeit. Das ist schon auch die Aufgabe eines Bischofs, mit vielen anderen das Gesicht der Kirche zu sein. Und erkennbar zu machen, wofür evangelischer Glaube und evangelische Kirche stehen und auch einstehen. Und schließlich ist es eine wichtige Aufgabe des Bischofs, die verschiedenen Meinungen, Glaubensrichtungen, Positionen, Überzeugungen in der einen Kirche zusammenzuhalten.

Was wird das erste Ziel des neuen Bischofs Christian Stäblein werden?

Stäblein Da bleibe ich bei dem, was ich schon als Propst getan habe. Zu den Menschen fahren. Zuhören. Gemeinden besuchen. Zusammenkünfte von Mitarbeitenden. Immer wieder genau hinhören, was ansteht, was fehlt, was bedrückt. Es geht darum, davon zu hören und zu reden, wie Gott und die Menschen zusammenkommen.

Mit Christian Stäblein
sprach Benjamin Lassiwe