Einerseits wird das Aussterben von Tierarten beklagt. Andererseits haben wir wieder Wölfe, Luchse, Biber, Seeadler, die Kegelrobbe – und andere Tiere, die als ausgerottet galten. Darüber und über das Verhältnis von Mensch zu Tier sprach die RUNDSCHAU mit Andreas Kinser von der Deutschen Wildtier Stiftung.

Herr Kinser, sind wir also in Sachen Artenvielfalt auf einem guten Weg?

Kinser Leider nicht. Es gibt einige wenige, dafür aber recht prominente, große Arten, die wiedergekommen sind. Wir haben aber Riesenverluste bei vielem, was eher klein ist. Bei Insekten, bei Feldvögeln und auch bei Pflanzen.

Der Eindruck, die Natur kehrt oder schlägt sogar zurück, ist falsch?

Kinser Ja. Er ist durch die manchmal fast schon spektakuläre Rückkehr bestimmter Arten verzerrt. Insgesamt geht das Artensterben weiter.

Welche Rolle spielt der Naturschutz zum Beispiel für die Wiederkehr des Wolfes?

Kinser Kaum eine. Der Wolf konnte sich in Deutschland erst ausbreiten, als die DDR am Ende war und auch auf ostdeutschem Territorium die Jagd verboten wurde. Selbst bei Kranichen oder Seeadlern, deren Populationen enorm angewachsen sind, liegt das vor allem daran, dass sie mit unseren Kulturlandschaften gut zurechtkommen. Das gelingt aber nur wenigen Arten.

Wölfe sind von allein zurückgekommen, andere Arten wie Luchs und Biber wurden wieder angesiedelt. Ist das nicht auch ein Eingriff in die Natur?

Kinser Ob man Wildtiere aktiv ansiedelt oder nicht, muss sehr gut überlegt werden. Wir von der Deutschen Wildtier Stiftung glauben, dass man das bei nur sehr wenigen, ausgewählten Arten machen sollte. Beim Luchs war das in Ordnung, weil er sich nur sehr langsam in der Fläche ausbreitet. Wir machen noch eine zweite Ausnahme – und zwar beim Feldhamster. Er ist regional bereits komplett ausgestorben und gleichzeitig gibt es eine sehr erfolgreiche Zucht mit geeigneten Tieren.

Und wozu brauchen wir den Wolf?

Kinser Ich antworte mit einer Gegenfrage: Brauchen wir klassische Musik? Für ein imaginäres ökologisches Gleichgewicht brauchen wir den Wolf nicht. An einigen Stellen hilft er dabei, alte und kranke Tiere aus Populationen zu entfernen. Aber die Wölfe werden uns nicht ernsthaft dabei helfen, hohe Schalenwildpopulationen zu reduzieren. Aber neben der schon erwähnten Faszination für Wildtiere sollte es auch so etwas wie Demut geben, angesichts der Tatsache, dass da eine Wildtierart von allein zurückgekehrt ist.

Und was ist mit den gerissenen Schafen?

Kinser Das darf man natürlich nicht ignorieren. Mit dem Problem muss in Zukunft lösungsorientiert und unbürokratisch umgegangen werden. Fairerweise ist aber zu sagen, dass die Wölfe sich zu über 95 Prozent von Wildtieren ernähren und ganz natürlich bei uns leben.

Ihre Stiftung hat das Reh zum Tier des Jahres 2019 gemacht. Es gibt ein Problem bei Rehen: Jahr für Jahr geraten Tausende Kitze in die Mähmaschinen bei der Grünlandmahd.

Kinser Ja. Und darauf wollen wir aufmerksam machen, obwohl wir uns üblicherweise um bedrohte Arten kümmern. Wer einmal ein Rehkitz gesehen hat, dessen Beine abgeschnitten wurden und das versucht aufzustehen, den lässt der Gedanke daran so schnell nicht los.

Kann man den Umgang mit der Natur und den Schutz von Wildtieren gewissermaßen ökonomisieren?

Kinser Da wird es spannend. Wenn wir bei der Wiesenmahd bleiben: Von der sind auch sehr viele Vögel betroffen. Auch denen ist geholfen, wenn die Mahd verschoben wird. Wir sind der Meinung: Artenschutz muss zum Produktionsziel in der Landwirtschaft werden. Nur: Wenn die Landwirte damit Geld verdienen sollen, muss die EU entsprechende Vorgaben machen. Letztlich ist der größte Hebel für den Artenschutz in Brüssel zu suchen.

Mit Andreas Kinser
sprach André Bochow