In vier Monaten sind Landtagswahlen in Sachsen. Im Moment sieht es nicht nach einer Mehrheit für die in Dresden jetzt regierende große Koalition aus. Was denken Sie, wo Sie am Ende landen werden?

Michael Kretschmer Ich werde mit ganzer Kraft für UNSEREN Weg werben. Das bedeutet für mich, dass wir die Aufgaben der Zukunft offensiv angehen müssen.

Was meinen Sie genau mit „offensiv angehen“?

Kretschmer Wir müssen die Dinge aussprechen, wie sie tatsächlich sind. Und wenn sie falsch sind, müssen wir sie verändern. Ich will, dass wir in Sachsen stolz und optimistisch nach vorne schauen. Dafür arbeite ich, auf jeden Fall bis zum 1. September, 18 Uhr. Die Wähler entscheiden, wie es danach weitergeht.

Welche Zukunft versprechen Sie den Menschen?

Kretschmer Wir haben in Sachsen in den vergangenen 30 Jahren gemeinsam eine solide Basis geschaffen. Darauf können wir jetzt aufbauen und müssen uns die großen Chancen vor allem der Digitalisierung zu Nutze machen. Wir sind ein Industrieland, in dem viele Unternehmen erfolgreich produzieren, deshalb haben wir auch die besten Voraussetzungen, diese Chancen zu nutzen. Wir dürfen uns nicht anstecken lassen von anderen Regionen in Deutschland, die Angst haben vor den Herausforderungen der Zukunft und am liebsten die Industrialisierung gar nicht mehr vorantreiben wollen. Hier in Sachsen wollen wir arbeiten und ich sage deutlich: Wir wollen auch die 40-Stunden-Woche, damit am Ende etwas dabei rauskommt.

Das wollen die Lausitzer seit Jahren auch, dass für sie was „dabei rauskommt“, aber es boomt vor allem in den Metropolen. Die „Leuchttürme“ leuchten. Viele junge Leute mussten aus der Provinz aber wegziehen.

Kretschmer Ich bin sicher, dass wir mit Blick auf den ländlichen Raum eine Umkehr geschafft haben, denn hier sehen wir große Entwicklungsmöglichkeiten. Wir investieren in den Regionen und das wird sich in den nächsten Jahren gerade auch in der Lausitz noch viel stärker bemerkbar machen.

Wo sehen Sie die größten Probleme, bei denen aus Ihrer Sicht am schnellsten investiert werden muss?

Kretschmer Ganz große Themen in den nächsten Jahren gerade auf dem Land sind für mich die medizinische Versorgung und die Pflege. Ein Beispiel: Wir haben zusätzlich 700 Millionen Euro für die Breitbandversorgung bekommen. Die müssen wir auch für eine flächendeckende, moderne und leistungsfähige Medizin im ganzen Land einsetzen. Damit schaffen wir auch bessere Arbeitsbedingungen für mehr junge Mediziner auf dem Land. Die Menschen brauchen gerade bei der medizinischen Versorgung und bei der Pflege vor allem verlässliche Ansprechpartner. Das müssen wir organisieren. Das werden auch in der Lausitz für die kommenden fünf Jahre herausragende Themen sein.

Ist das wirklich die Aufgabe der Politik? Kann die Politik tatsächlich eine „Vollkasko-Mentalität“ bedienen, bei der der Staat allen alles abnimmt. Am Ende auch das Denken?

Kretschmer Die Frage wird selten so differenziert gestellt. Wenn die Menschen wollen, dass es eine Vollkasko-Mentalität gibt, wie Sie das nennen, dann muss man so ehrlich sein, zu sagen, dass wir dann nicht genug Geld haben für anderes. Wir brauchen deshalb ein gesundes Verhältnis zwischen dem, was der Einzelne selbst tun kann, dem, was die Familie übernimmt und was wir als Gesellschaft leisten müssen. Wenn wir alles auf die Gesellschaft verlagern würden, würde uns das die Kraft nehmen für die anderen Zukunftsfragen.

Gerade in Sachsen ist die AfD sehr stark. Deren Politiker propagieren diese Vollkasko-Mentalität. Oft hört man aus dieser Richtung: „Ihr müsst euch nicht ändern. Wir steigen nicht aus der Kohle aus. Der ländliche Raum wird sich trotzdem entwickeln. Alles kann bleiben wie es ist.“

Kretschmer Das ist aber nicht mein Bild von der Zukunft. Wir leben in einem Land, mit Menschen, die anpacken, arbeiten wollen und die auch Freude daran haben, gemeinsam für sich und ihre Kinder die Dinge zu verbessern. Für diese Menschen möchte ich da sein, deren Partner bin ich. Für mich ist der ländliche Raum ganz klar eine Zukunftsregion, wo es im Vergleich zu den Metropolen viele Vorteile gibt, nicht nur für Familien. Diese Vorteile müssen wir in Sachsen weiterentwickeln. Dabei muss es aber bei einigen Grundwerten bleiben, die uns in der Vergangenheit stark gemacht haben.

Welche Grundwerte meinen Sie da?

Kretschmer Leistung, Ehrlichkeit, Zusammenhalt und auch, dass jeder seinen eigenen Beitrag für die Gesellschaft leisten muss und ihm der Staat nicht alles vorschreibt und abnimmt.

Gibt es etwas, wo Sie sagen: Das macht die AfD tatsächlich richtig?

Kretschmer Ich habe es mir abgewöhnt, über politische Gegner zu diskutieren, weil dann einfach die Zeit fehlt für neue, eigene Ideen.

In welchen Bereichen brauchen Sie aus Ihrer Sicht denn dringend neue, eigene Ideen?

Kretschmer Wir wissen, wo in den zurückliegenden Jahren etwas schief gelaufen ist, wo etwas nicht in Ordnung war. Beispielsweise bei der Polizei. Wir stellen jetzt 1000 zusätzliche Polizisten ein. Gleichzeitig haben wir eines der konsequentesten Polizeigesetze geschaffen. Ein anderer Schwerpunkt ist die Bildung. Da haben wir mit der Verbeamtung der Lehrer eine Umkehr erreicht und die Schulsozialarbeit gestärkt. Wir stellen das sächsische Bildungssystem für die Zukunft auf solide Füße. Und dabei geht es keineswegs nur um Gymnasium und Studium. Unser Fokus liegt besonders auf der Oberschule und einer fundierten, dualen Ausbildung. Und auch dabei schauen wir nicht nur auf die Metropolen, wie es manche Wissenschaftler erst kürzlich wieder gefordert hatten. Mir geht es darum, die Vorteile der Metropolen und die Vorteile der Regionen in Sachsen miteinander zu verbinden.

Sie haben ein enormes Arbeitspensum. Glauben Sie, dass sich dieser Einsatz am Ende lohnt?

Kretschmer Also erstens macht es mir wirklich sehr viel Freude. Ich treffen jeden Tag interessante Menschen mit denen ich über gemeinsame Projekte rede und ich lerne dabei auch jeden Tag was dazu. Und zweitens ist es eine der schönsten und lohnenswertesten Aufgaben, die man sich vorstellen kann, in einem so schönen Land wie Sachsen Verantwortung zu tragen.

Sie führen seit Monaten ihre „Sachsengespräche“ im ganzen Land. Welche Erkenntnisse haben Sie dabei über die Sachsen denn schon gewonnen?

Kretschmer Ich bin ja selber Sachse (schmunzelt). Wir gehen mit den Gesprächen ja schon in die zweite Runde. Dabei bin ich froh und auch ein bisschen stolz, dass ich an vielen Stellen sagen kann: „Erinnert ihr euch daran, worüber wir voriges Mal gesprochen haben, und schaut euch an, an welchen Stellen wir geliefert haben.“ Ehrlich: Es tut auch mal gut, zu sehen, wenn die Leute dann nicken und sagen: „Ja stimmt, der hält Wort. Der erzählt uns nicht nur was. Der meint es auch so.“ Das ist die größte Motivation für mich.

Es bleibt die Frage, ob am Ende die Wähler Ihr Bemühen honorieren?

Kretschmer Das werden wir sehen. Ministerpräsident zu sein, ist auch wie ein Hochleistungssport. Ich muss mich konzentrieren und mich auch selbst manchmal zurücknehmen – also nächtelang durchfeiern geht nicht. Sonst kriegt man das nicht hin. Aber ich bin durch und durch Demokrat und am Ende sind die Wähler der Souverän, der auch über meine Arbeit entscheiden wird.

Worauf kommt es mit Blick auf die Lausitz aus Ihrer Sicht jetzt an?

Kretschmer Klug die Weichen stellen. Das ist extrem wichtig, gerade hier in der Lausitz, wo sich uns ganz neue Zukunftschancen eröffnen. Hier kann eine Wirtschaftsregion mit ganz besonderen Entwicklungsmöglichkeiten entstehen. Der Begriff „Sonderwirtschaftszone“ klingt für manche komisch, weil er vielleicht an die früher abfällig bezeichnete „Zone“ im Osten Deutschlands erinnert. In Dresden sagen daher manche: „Wir wollen doch nicht wieder eine Zone sein.“ Aber klar: Die Lausitz wird eine Sonderwirtschaftszone mit dem Geld, mit dem Planungsbeschleunigungsrecht, mit Behörden, die in der Lausitz angesiedelt werden. Das ist für uns doch toll. Jetzt müssen wir nur noch daraus etwas machen.

Kohleausstieg, Energiewende und Strukturentwicklung. Wie bewerten Sie gerade die Zusammenarbeit mit den Nachbarn in Brandenburg und Sachsen-Anhalt?

Kretschmer Ich bin der jüngste der drei Ministerpräsidenten. Wir haben ein exzellentes Verhältnis und vertrauen uns gegenseitig. Auch wenn wir in Details manchmal unterschiedlicher Meinung sind, bleibt entscheidend, dass wir gemeinsam an einem Strang ziehen. Wir werden unsere Interessen nur durchsetzen können, wenn wir sie gemeinsam vertreten.

Was werden die allernächsten Schritte in Bezug auf den Strukturwandel sein?

Kretschmer Ich fahre gemeinsam mit Dietmar Woidke und Reiner Haseloff schon am 6. Mai nach Brüssel. Der Auftritt von drei Ministerpräsidenten ist dort ein echt sehr starkes Signal. Wir brauchen von der EU die rechtlichen Möglichkeiten für die Strukturentwicklung und haben dafür konkrete Vorschläge. Ohne die Unterstützung durch die Europäische Union hätten wir es in der Lausitz in Zukunft schwerer. Deshalb wünsche ich mir für die Europawahl, dass wir ein Parlament bekommen, dass in die Zukunft und nach vorne denkt und uns hilft.

Wünsche Sie sich ein so zukunftsgewandtes Parlament auch für Sachsen?

Kretschmer Also, ich kann mich nicht beklagen. Der Sächsische Landtag ist sehr frohgestimmt und diskussionsfreudig und verfügt über eine große Kreativität auch wenn es um neue Ideen geht.

Und das gilt für alle, die da sitzen?

Kretschmer Das gilt für alle. Natürlich ist klar, dass künftige politische Kräfteverhältnisse am Ende darüber entscheiden, was in Sachsen in Bezug auf die Zukunft möglich wird.

Wie läuft es jetzt in großen Koalition in Dresden mit der SPD?

Kretschmer Wir sind sehr unterschiedlich, aber haben ein großes gemeinsames Vertrauen aufgebaut. Damit haben wir es geschafft, die gemeinsamen Interessen des Landes voranzubringen. Das ist schon etwas Besonderes und hängt am Ende immer auch mit Personen zusammen. Wer kann mit wem und kann auch seine eigene Persönlichkeit zurücknehmen, weil es für das Gesamte wichtig ist. Das funktioniert derzeit aus meiner Sicht in Sachsen sehr gut.

Herr Ministerpräsident,
vielen Dank für das Gespräch.

Mit Michael Kretschmer sprachen Susann Michalk, Regina Weiß,
Christian Köhler und Jan Siegel