Zum ersten Mal wird die neue US-Regierung, vertreten durch Vize-Präsident Joe Biden, die Leitlinien der künftigen Außenpolitik Washingtons darlegen. In seiner Aufgabe als Konferenzleiter steht Ischinger nicht an, diese eingehend zu kommentieren. Er kann aber als Moderator der daran anschließenden Diskussion Akzente setzen. Und der stets eloquent auftretende Ischinger kann dafür sorgen, dass sich bei den Gesprächen am Rande der Sicherheitskonferenz die richtigen Partner finden. Moderieren, kommentieren, Aussagen aufgreifen und anderen präsentieren - dieser auf der Sicherheitskonferenz auf Ischinger wartende Job ist für ihn nicht neu. Er war in den vergangenen Jahren als Botschafter in Washington und London einer der profiliertesten deutschen Diplomaten. Obwohl der 62-Jährige für die Sicherheitskonferenz seinen Posten in London räumte, legte er Wert darauf, weiter den repräsentativen Titel Botschafter zu behalten. Darüber dürfte sich auch sein neuer Arbeitgeber freuen: Neben der Sicherheitskonferenz ist Ischinger seit 2008 auch eine Art Außenminister des Versicherungskonzerns Allianz. Dieser will seine guten Kontakte nutzen, um in China, Russland, Indien und den USA erfolgreicher aufzutreten. Die Kunst der Diplomatie Ischinger wurde am 6. April 1946 im baden-württembergischen Nürtingen geboren. Nach dem Jura- und Völkerrechtstudium arbeitete er von 1973 bis 1975 in New York für den damaligen UN-Generalsekretär Kurt Waldheim. Die Kunst der Di plomatie lernte Ischinger, der in Bonn, Genf und Harvard studierte, unter anderem in den 80er-Jahren im Büro des damaligen Außenministers Hans-Dietrich Genscher (FDP). Sein Meisterstück lieferte Ischinger 1995, als er im Auftrag des Auswärtigen Amts mit dem US-Diplomaten Richard Holbrooke zunächst das Dayton-Abkommen mit aushandelte, durch das der bosnische Bürgerkrieg beendet wurde. Vier Jahre später war es erneut Ischinger, der als Außen-Staatssekretär maßgeblich an der Beilegung des nächsten Balkan-Konfliktes mitwirkte: Für das Ende des Kosovo-Krieges war ausschlaggebend, dass es unter Mithilfe des Schwaben gelang, Russland bei den Bestrebungen für eine politische Lösung mit ins Boot zu holen. Nachdem er sich so in der Balkan-Politik ausgezeichnet hatte, ging Ischinger unter der rot-grünen Bundesregierung als Botschafter nach Washington, wo er sein Amt an einem Schicksalsdatum - dem 11. September 2001 - antrat. In der US-Hauptstadt fiel Ischinger die heikle Aufgabe zu, nach dem Zerwürfnis zwischen US-Präsident George W. Bush und Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) über den Irak-Krieg beim Glätten der transatlantischen Wogen zu helfen. Beauftragter für Kosovo Ischingers Reputation in Washington blieb von dem Streit unbeschädigt - obwohl er durchaus wacker die deutsche Position gegen den Irak-Krieg vertrat. Nach dem turnusmäßigen Ende seiner Tätigkeit in Washington wechselte der in zweiter Ehe verheiratete Vater von drei Kindern 2006 nach London. Im August 2007 machte ihn die EU zu ihrem Kosovo-Beauftragten. Dass er nun in München ansässig ist, ist für Ischinger aus privaten Gründen eine deutliche Verbesserung zu Washington oder London. Er ist ein leidenschaftlicher Fan der Berge und hat ein Diplom als Ski-Lehrer. Wenn am Sonntagnachmittag die Konferenz endet, kann er sich wieder stärker diesem Hobby widmen.