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Inszenierung der Emotionen

Nach knapp sechs Stunden herrscht nur noch nüchterne Geschäftsmäßigkeit. Mit ganzen 15 Gegenstimmen winkt die Basis den Koalitionsvertrag mit der Union durch. Der ausdrücklichen Bestätigung Franz Münteferings als künftigem Vize-Kanzler wagt lediglich ein Genosse zu widersprechen. Von Stefan Vetter

Dabei hatte Matthias Platzeck noch unmittelbar zuvor am Rednerpult sinniert, dass man eine Regierungskonstellation für gut befinden soll, "mit der keiner gerechnet hat und die keiner herbeigesehnt hat". Auch Franz Müntefering weiß das natürlich nur zu gut. Er bringt es gleich zum Auftakt auf den Punkt: "Vieles auf diesem Parteitag ist anders, als wir dachten." Über das neue Grundsatzprogramm wollten die rund 500 Delegierten in der weitläufigen Veranstaltungshalle auf dem Messegelände von Karlsruhe debattieren. Und über das Wohl und Wehe der Wehrpflicht. Stattdessen stehen der abrupte Rückzug des Vorsitzenden auf der Tagesordnung, die letzte Rede Gerhard Schröders als Bundeskanzler und "ein Brot, dessen Aufstrich nicht allzu dick ist", wie ein Delegierter höhnte. Gemeint ist eben jener Koalitionsvertrag mit der ungeliebten Union.

Klassiker-Variationen
Für einen, der sich anschickte, stärkster SPD-Chef seit Willy Brandt zu werden, aber am banalen Konflikt um den nächsten Generalsekretär scheiterte, zeigt Müntefering erstaunlich wenig Emotionen. Gewiss, er hat seine Zeit im Chefsessel akribisch vermessen: "Nach 606 Tagen scheide ich aus." Kürzer war vor ihm noch kein sozialdemokratischer Vorsitzender im Amt. Dann sagt Müntefering noch, dass es eine "schöne Zeit" war, auch "manchmal heftig". Aber sonst„ Der Sauerländer tut das, was er zuletzt oft getan hat, um seine Partei bei der Stange zu halten. Er variiert seinen Klassiker: "Opposition ist Mist." Regieren sei nicht leicht, aber immer noch besser als "ohne Einfluss", sagt er diesmal. Und wenn mit der Koalitionsvereinbarung die Bäume auch nicht in den Himmel wachsen, so atme sie doch einen "hinreichend soziald emokratischen Geist". Tarifautonomie und Atomausstieg gerettet, Elterngeld und Reichensteuer beschlossen. "Das ist alles keine Kleinigkeit." Und die Mehrwertsteuer, deren Anhebung die SPD im Wahlkampf noch als "Merkelsteuer" brandmarkte“ "Das war kein leichter Schritt", murmelt Müntefering. Sei's drum. Der Beifall für den scheidenden Chef ist gemessen an früheren Müntefering-Auftritten nicht überschwänglich. Viele Delegierte erheben sich eher pflichtgemäß zum Applaus. Doch die Macht der Bilder wirkt: Müntefering lässt sich vom scheidenden Kanzler umarmen. Solchen Gesten hat sich der oberste Parteisoldat sonst immer entzogen. Dann reckt er die Daumen nach vorn und verbeugt sich militärisch knapp. Müntefering sucht den Eindruck zu vermeiden, dass da einer von der politischen Bühne abtritt. Und in gewisser Hinsicht is t es ja auch ein Neuanfang. Müntefering kämpft nur in veränderter Rolle für die sozialdemokratische Sache. Als Vizekanzler und Arbeitsminister.
Dagegen nimmt Gerhard Schröder tatsächlich Abschied vom politischen Leben. Er hat die Partei mit der Agenda 2010 in eine ihrer tiefsten Krisen gestürzt, aber auch mit einem beispiellosen Wahlkampf aus der Lethargie gerissen. Durch Schröder bleibt die SPD weiter im Regierungsboot, obwohl sie doch schon alle Felle wegschwimmen sah. Aus diesem politischen Wechselbad inszeniert die Parteitagsregie eine Gefühlsaufwallung erster Güte. Schon als Müntefering dem Niedersachsen kurz nach Redebeginn den schlichten Satz zurief: "Wir danken dir von Herzen", fing der Saal an zu beben. Es folgten fast acht Minuten stehende Ovationen. Und Gerhard Schröder kämpfte mit den Tränen. Aber es gibt noch Steigerungsmöglichkeiten. Bevor Schröder ans Pult tritt, verdunkelt sich der Saal und ein kleiner Film "mit Impressionen einer erfolgreichen Kanzlerschaft" kommt zur Aufführung. Einmal so gestimmt, ist es dann auch fast egal, was Schröder hinterher sagt. Sein Plädoyer für den Koalitionsvertrag gleicht zuweilen bis ins Komma dem Vortrag Münteferings. Nur den Dank gibt Schröder natürlich an den scheidenden Vorsitzenden zurück. Am Ende haben sich alle Probleme scheinbar in Luft aufgelöst: "Es waren sieben gute Jahre für unser Land, für die Menschen, für unsere Sache", zieht Schröder Bilanz.

Zu viel Harmonie
So viel Harmonie schmeckt nicht jedem. Ihm sei unklar, wohin die Agenda-Reise gehen solle, klagt ein Delegierter in der anschließenden Diskussion. "Da wurden keinerlei Perspektiven aufgezeigt", macht sich ein anderer Luft. Doch solche Stimmen bleiben in der Minderheit. Das könnte sich freilich noch ändern. Heute sollen die Delegierten den Parteivorstand neu wählen. Manche sehen darin ein Ventil, aus dem der Unmut entweichen könnte.