Von Miriam Schönbach

Diese eine Taste setzt 100 Bauteile in Bewegung. Sanft schlägt Frank Israel auf die weiße Taste auf dem Flügel und lauscht dem Wohlklang hinterher. Dann greift er nach seiner Intoniernadel. Aus ihrem Kopf schauen drei Spitzen heraus. Noch einmal lässt er den Ton durch die Werkstatt der August-Förster-Manufaktur in Löbau (Kreis Görlitz) fliegen und pikt mit der Nadel in einen mit Filz umspannten Holzkern. „Ich bearbeite den Hammerkopffilz, bis das Klangbild der 88 Töne harmonisch ist“, sagt er. Seit 45 Jahren arbeitet der Intonateur in dem Familienunternehmen. Wieder lässt er 100 Bauteile arbeiten.

Israel ist konzentriert. Sein Instrument trägt die Nummer 165 978 und den Schriftzug „August Förster“. Der Namensgeber hat vor 160 Jahren sein erstes Klavier in Löbau gebaut. „Er hatte sich seine Werkstatt in der ersten Etage eines anderen Hauses eingerichtet. Als das Klavier fertig war, bekam er es jedoch nicht mehr die engen Stiegen hinunter“, weiß Firmensprecher Gabriel Wandt. Der Unternehmensgründer soll sein Klavier dann wieder auseinander – und unten wieder zusammengebaut haben. Das anschließende Konzert legte den Grundstein für Folgeaufträge.

Intonateur Israel bearbeitet den nächsten Hammerkopffilz. In jedem Handgriff steckt Erfahrung aus 160 Jahren Klavierbau. August Förster (1829–1897) hat sich nach seiner Lehre als Tischler auf den Weg in die weite Welt von seinem Geburtsdorf Oberseifersdorf nördlich von Zittau gemacht. Bei seiner Walz landet er beim Löbauer Klavierbauer Hieke und Karl August Eule. Es ist die Hoch-Zeit des Instrumentenbaus. Genau diese Meisterschaft interessiert ihn.

Diese Geschichte lernte Annemarie Kampf als Auszubildende vor fünf Jahren. Auf der Suche nach einem gebrauchten Flügel landet ihre Familie aus dem fränkischen Dinkelsbühl seinerzeit bei der traditionsreichen Manufaktur im Osten Deutschlands. „Nach meinem Bachelor in Germanistik und Kunstgeschichte in Dresden habe ich mich gefragt, was ich in der Zukunft machen will“, sagt die 29-Jährige. Sie entscheidet sich, einen klangvollen Handwerksberuf zu lernen. Ihre Ausbildung ist inzwischen abgeschlossen.

Derzeit arbeitet die Klavierbaugesellin in der Qualitätskontrolle, bei den „Fertigmachern“. Mit Setzeisen und Hammer fügt sie Bleigewichte in die Tasten ein, damit sich jede gleich gut anschlagen lässt. Wieder klingt ein Ton durch die Manufaktur. Für solche komplexen Unikate ist Teamarbeit der 40 Mitarbeiter gefragt – und diese beginnt bereits im Holzkeller. Zwei bis vier Jahre liegen dort verschiedene und vorher gut ausgesuchte Holzsorten zum Trocknen.

Wandt löscht das Licht im „Heiligtum“ und geht weiter durch die verwinkelten Gänge der 1862 errichteten Manufaktur mitten in der heutigen Löbauer Altstadt. Die zahlreichen Anbauten erzählen von ihrem Werden und Wachsen. In der DDR arbeiteten im zwangsverstaatlichten Betrieb 140 Mitarbeiter. Ihre Instrumente bringen Devisen. Chef ist Wolfgang Förster. Der Ur-Ur-Enkel des Firmengründers reprivatisiert den Familienbetrieb nach der Wende, 2008 übergibt er ihn an seine Tochter Annekatrin Förster. „Ich habe Krankenschwester gelernt, weil eine Nachfolge bis 1989 nicht erwünscht war. Eigentlich hatten wir bis dahin keinen Kontakt zum Betrieb“, sagt die 52-jährige Geschäftsführerin. An ihrer Seite arbeitet mit ihrer Nichte Stephanie Wegner bereits die nächste Generation.

Die Kunden des Familienbetriebs kommen heute aus Europa, Asien und Amerika. „Einige unserer Instrumente stehen sogar in Australien und Neuseeland“, sagt Förster. Doch nicht nur ferne Orte, auch namhafte Künstler finden sich in den Auftragsbüchern. Der italienische Komponist Giacomo Puccini bedankt sich bei der Firma mit den Worten „Ich muss Ihnen schreiben, um das August-Förster-Klavier zu verherrlichen... es hat einen leicht hinfließenden Ton, Weichheit und Kraft“. Der russische Komponist Sergej Prokofjew kommt 1937 nach Löbau, um sich einen Flügel auszusuchen. Und dann ist da noch die Geschichte mit Elton John. Der britische Sänger soll sich bei einem Konzert in Österreich einen Flügel für die Suite gewünscht haben – zum Ein- und Ausspielen. „Der Händler ließ ein Förster-Instrument anliefern“, weiß Wandt. Er läuft weiter durch die Manufaktur. Es duftet nach frischem Holz und Lack. Die Förster-Mitarbeiter arbeiten immer an mehreren Instrumenten. Vier Monate benötigen die Profis für ein Klavier, sechs Monate Sorgfalt und Handwerkskunst stecken sie in einen Flügel.

Jeder Mitarbeiter ist ein Experte an seinem Arbeitsplatz, so wie Uwe Phillip. Er zieht 230 Saiten für 88 Töne per Hand auf. Für die hohen Töne benötigt er kurze, dünne Saiten, für die tiefen Töne lange, dickere Drähte. Um den besonderen Klang kümmert sich indes Marcus Rohmund. Der Klavierstimmer sitzt im Stimmraum. Es hört sich an, als würde jemand mit Klanghölzern spielen. „Ich sortiere die Stiele für die Hammer nach Klang“, sagt der 55-Jährige. Er ist blind. Seinen Beruf hat er in einer blindenspezifischen Einrichtung in Chemnitz erlernt. Die Instrumente gehen zum Stimmen sieben Mal durch seine Ohren und Hände.

Rohmund und seine Kollegen werden beim Tag der offenen Tür am 6. April anlässlich des Jubiläums über die Kunst des Klavierbaus erzählen.