Eigentlich war es in Ferguson schon fast so etwas wie eine gewöhnliche Protestnacht. Demonstranten hatten sich auf einer Straße versammelt, Polizisten standen ihnen gegenüber - wie so oft seit den tödlichen Schüssen auf den schwarzen Teenager Michael Brown im vergangenen August. Einige Protestler plaudern, irgendwer hat eine Gitarre mitgebracht und spielt einen Song in der Dunkelheit, wie Videos zeigen. Doch dann fallen drei Schüsse - auf die Polizei.

Was folgt, sind chaotische Minuten. Einige Menschen schreien, andere rennen davon oder werfen sich zu Boden und kauern auf dem Asphalt. Man hört einen Mann unter Schmerzen stöhnen. Polizisten ziehen ihre Waffen, bringen sich in Deckung und halten Schutzschilde hoch.

Reporter hocken mit Kameras neben ihnen. "Ein Cop wurde angeschossen", sagt jemand im Video eines Augenzeugen. Ein 32-jähriger Polizist wird im Gesicht getroffen, sein 41-jähriger Kollege an der Schulter. Kaum sind die Schüsse verhallt, ruft jemand in Richtung Polizei: "Bei einem Bekenntnis vor neun Monaten wäre das nicht passiert!"

Und in der Tat wäre in der Vorstadt von St. Louis im US-Staat Missouri wohl einiges anders gelaufen, wenn der schwarze 18-Jährige an jenem 9. August nicht am helllichten Tag von einem weißen Polizisten erschossen worden wäre. Das Misstrauen zwischen den vorwiegend weißen Beamten und der afroamerikanischen Bevölkerung hat sich derart hochgeschaukelt, dass auch sieben Monate nach dem Vorfall kein Ausweg in Sicht scheint. In der Nacht zum Mittwoch scheint es aber wie schon vergangenen Sommer neben der großen Menge friedlicher Demonstranten eine kleine Gruppe Gewalttätiger zu geben.

Bei einer nächtlichen Pressekonferenz gibt sich Polizeichef Jon Belmar gefasst. "Diese Polizisten standen dort, und auf sie wurde geschossen, nur weil sie Polizisten waren." Die Schüsse vor der Polizeiwache sollen nicht aus der Menge gefallen sein, sondern von einer Anhöhe nahe einer Wohnsiedlung auf der anderen Straßenseite.

Doch selbst wenn ein Einzelgänger den Finger am Abzug hatte: Die Lage im von Unruhen geplagten Ferguson hat einen neuen Tiefpunkt erreicht.

Es geht längst nicht mehr nur um den Tod Browns, um eine zu aggressiv durchgreifende Polizei oder das Verhältnis zwischen Weißen und Schwarzen. Afroamerikaner werden von der Polizei in Ferguson systematisch schikaniert und in Kontrollen mit Bußgeldern belegt, um die klamme Gemeindekasse zu füllen, wie das Justizministerium feststellte. Nach einer Reihe von Rücktritten hat auch Polizeichef Thomas Jackson aufgegeben und seinen Job an den Nagel gehängt.

Und die Stadt mit 21 000 Einwohnern steht wohl nur als pars pro toto für ein viel größeres Problem. Viele der Gemeinden in der Gegend würden finanziell nur überleben, indem sie - fast ausschließlich - Afroamerikaner mit Bußgeldern belegten, sagt St.-Louis-Stadtrat Antonio French einem lokalen Radiosender. "Wenn Ferguson eine Insel der Ungerechtigkeit wurde, läge es immer noch in einem Meer der Ungerechtigkeit."

In Ferguson könnten sich die Dinge zum besseren wenden, auch weil die Stadt nun ins nationale Rampenlicht gerückt ist. Doch was geschieht in der Umgebung? Auch in den nahe gelegenen Gemeinden Calverton Park, Edmundson und Bella Villa sollen Schwarze regelrecht ausgenommen werden. Und was, wenn das Problem nicht nur im Bezirk St. Louis, sondern im ganzen Staat Missouri oder in ganz USA grassiert? Nach Ansicht von French ist Ferguson nur ein "kleines Puzzlestück".

Präsident Barack Obama hält sich in der Krise um Ferguson auffällig bedeckt. Er will nicht nur als Präsident der Schwarzen gelten. Doch für einen tiefgreifenden Wandel wird Washington sich dem Problem nicht mehr verschließen können. "Ich glaube nicht, dass es irgendwie gelöst werden kann", meint Brendan Roediger, Jura-Professor an der Saint Louis University. "Das System ist faul bis ins Mark."