Es ist 12.30 Uhr, als sich die kleine, zierliche Frau mit den kurzen Haaren erhebt. Bundespräsident Joachim Gauck führt Inge Deutschkron zu ihrem Sessel direkt vor dem Podium der Parlamentsspitze. Die 90-Jährige redet im Plenarsaal im Sitzen. Mit fester Stimme beginnt sie ihren Vortrag über ihr "zerrissenes Leben".

Vor genau 80 Jahren war Adolf Hitler in der Alten Reichskanzlei in der Wilhelmstraße zum Reichskanzler ernannt worden. "Damit begann das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte", sagt Bundestagspräsident Norbert Lammert zum Auftakt des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.

Auch Inge Deutschkron beginnt mit diesem Ereignis. Als Zehnjährige hat sie die bejubelte Machtübernahme der Nazis in Berlin erlebt. "Dicht an dicht, so standen sie am Straßenrand, in jener Nacht des 30. Januar 1933, Männer und Frauen, Junge und Alte", erinnert sie sich. Sie berichtet, wie die "neuen Herren" in Uniformen noch am Abend des Tages triumphierend mit brennenden Fackeln durch das Brandenburger Tor marschierten.

Es ist eine bewegende Gedenkstunde. Musikalisch erklingen im Plenarsaal jüdische Totengebete und Gedenkhymnen. Inge Deutschkron erzählt, wie sich das Leben zu Hause in Berlin nach Hitlers Machtantritt fast schlagartig änderte. "Du gehörst jetzt zu einer Minderheit", sagte ihr ihre Mutter damals. Sie selbst habe den Satz überhaupt nicht verstanden, weil die jüdische Herkunft der Familie bis dahin überhaupt keine Rolle spielte.

Von weiteren einschneidenden Erlebnissen erzählt die spätere Journalistin. Etwa als ihr Vater, ein bekennender Sozialdemokrat, den Brief von seiner Entlassung als Gymnasiallehrer in Händen hielt: "Nie zuvor und nie wieder habe ich meinen Vater so empört gesehen." Und sie berichtet von ihren Ängsten, die sie vor ihren Eltern verbarg. "Oft konnte ich des Abends nicht einschlafen und horchte auf die Tritte im Treppenhaus." Oder von den Erfahrungen mit dem "gelben Lappen", dem Stern, den Juden auf ihrer Kleidung bald tragen mussten. Oder vom Umzug in ein "Judenhaus", wo Wäschewaschen, Telefone oder sogar der Verzehr von Eiern verboten waren. Besonders eindringlich sind die Passagen über die Deportation der letzten Berliner Juden in die Vernichtungslager, der sie und ihre Mutter in Verstecken entkamen. "Dann waren sie alle weg, meine Familie, meine Freunde", sagt die Rednerin. "Ich begann mich schuldig zu fühlen. Dieses Gefühl von Schuld verfolgt mich bis heute, es ließ mich nie wieder los", fügt sie hinzu.

An einigen Stellen schwingt aber auch tiefe Bitterkeit mit. Etwa als Inge Deutschkron erzählt, wie sie nach dem Krieg daran gegangen sei, die Wahrheit über die zurückliegende Zeit zu Papier zu bringen. Viele Deutsche hätten abgewinkt: "Vergessen Sie das doch. Es ist doch schon so lange her." Und immer noch empört ist sie über den ersten Nachkriegs-Kanzler Konrad Adenauer, weil der im Bundestag behauptet habe, eine Mehrheit der Deutschen sei gegen die Nazi-Diktatur gewesen. "Ach, wäre das nur die Wahrheit gewesen", seufzt sie.