Mit diesem Defizit beschäftigt sich ab Freitag erstmals eine zweitägige Tagung der Kulturstiftung Sachsen und des Sächsischen Industriemuseums. "Wir wollen nicht über Geld und Organisationsformen diskutieren, sondern Impulse für den Umgang mit Industriekultur im 21. Jahrhundert geben", sagt der stellvertretende Direktor der Kulturstiftung, Manuel Frey. Das schließe Traditionspflege, Verbindung mit modernen Technologien und Nutzung von guten Ideen anderer ein. Tief sitzt der Ärger über den Verlauf der Berliner Tourismusmesse. Im Jahr des 200. Geburtstags des Lokomotivkönigs Richard Hartmann oder des 100-jährigen Bestehens der Marke Audi wären Hingucker zu solchen sächsischen Erfolgsgeschichten nicht nur denkbar, sondern notwendig gewesen. "Wir waren dort nicht gewollt. Auf der ITB kokettiert man mit Schlössern und Gärten", beklagt der Direktor des Industriemuseums Chemnitz, Jörg Feldkamp. Ein opulenter FundusDie Fachleute meinen, dass die ITB mit mangelnder touristischer Vermarktung nur eines der Defizite im Umgang mit Industriekultur in Sachsen offenbart habe. Dabei hat der Freistaat mit etwa 20 000 Industrie- und Technikdenkmalen einen opulenten Fundus, aus dem für Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung oder Tourismus geschöpft werden könnte. Gleichzeitig stellt sich die generelle Frage: Was tun mit diesem Erbe? Unmut hat sich besonders im Chemnitzer Raum aufgestaut. Hier sollte längst eine Landesausstellung unter dem Thema Industriekultur stattfinden. "Das hat einen bewusstseinsbildenden Effekt", betont der ehemalige Direktor des Schloßbergmuseums, Thomas Schuler. Die Konzepte waren geschrieben und die Räume ausgewählt. Doch der Freistaat entschied sich stattdessen zweimal gegen die Wiege der sächsischen Industrie: 2004 für die Reformation in Torgau und 2011 für Görlitz mit der "Via Regia". "Es ist enttäuschend, wie wenig Sachsen mit dem Pfund der Industriegeschichte wuchert", sagt Rudolf Boch, Wirtschafts- und Sozialhistoriker an der Technischen Universität Chemnitz. Es gebe ein Missverhältnis zwischen den Kunsteinrichtungen, eine Unterfinanzierung von Museen und eine mangelnde touristische Vermarktung. Ruhrgebiet, Saarland oder Gegenden in England und Frankreich gingen damit intelligenter um. In Sachsen wird auch immer wieder fehlendes finanzielles Engagement der öffentlichen Hand - beispielsweise für Museen oder den Schutz einzigartiger Bauten - beklagt. Doch Kommunen, die oftmals die Eigentümer solcher Objekte sind, haben wenig oder kein Geld für die freiwillige Aufgabe Kultur. Der Freistaat nährt die Staatlichen Kunstsammlungen und bezuschusst die Kulturräume, beim Sächsischen Industriemuseum zieht er sich seit 2004 jährlich um sieben Prozent zurück. Dass sich die Wirtschaft mehr engagieren möge, bleibt offenbar ebenfalls ein Wunschtraum. Nicht zuletzt daran krankt der Museums-Zweckverband. "Wir haben hier bis auf ganz wenige Ausnahmen nicht die großen Unternehmen mit ihren wirtschaftlichen Traditionen wie in Bayern. Die Hoffnung bei der Gründung des Zweckverbandes 1997, den staatlichen Rückzug zu kompensieren, ging nicht auf", gibt Kunstministerin Eva-Maria Stange (SPD) zu. Richtung muss klar seinSie betont, dass der Industriekultur die gleiche Aufmerksamkeit wie der "Sixtinischen Madonna" in der Dresdner Ge-mäldegalerie gebühre. Bei Strukturen sei sie offen in jede Richtung. Ob der Zweckverband weiter bestehe oder Objekte in eine Stiftung eingebracht würden oder etwas ganz anderes entstehe, könne diskutiert werden. Doch zuvor müsse die inhaltliche Richtung klar sein. Stange hält ein Kompetenzzentrum Industriekultur für sinnvoll, das die wissenschaftliche und praktische Arbeit unabhängig von den Zeiträumen der öffentlichen Haushalte bündelt. Die Universitäten Chemnitz oder Freiberg mit ihren wirtschafts- beziehungsweise technikhistorischen Lehrstühlen seien dafür geeignet.