Je nach Zählart hat es zehn Tage oder 40 Stunden gedauert, bis SPD und Grüne in Niedersachsen ihren Koalitionsvertrag unter Dach und Fach hatten. Mit stolz geschwellter Brust stehen der designierte SPD-Ministerpräsident Stephan Weil und sein künftiger grüner Umweltminister Stefan Wenzel am Sonntag in Hannover vor den Kameras. "Ich glaube nicht, dass es viele Beispiele dafür gibt, wie man Koalitionsverhandlungen so schnell und auch geräuschlos abwickeln kann", sagt Weil.

Anschließend teilt er mit, wie sich SPD und Grüne die Ministerposten aufgeteilt haben. Künftig werden neben Weil fünf SPD-Minister und vier Grüne am Kabinettstisch Platz nehmen. Hinzu kommt der Leiter der Staatskanzlei, den ebenfalls die SPD stellt. Die Frau von Alt-Kanzler Gerhard Schröder, Doris Schröder-Köpf, wird sich für die SPD um Integrationspolitik kümmern.

Beide Verhandlungspartner sind sich einig, dass der zu Papier gebrachte Kompromiss ein Erfolg für alle sei. Dieser Satz ist vor allem an die Adresse der Parteibasis gerichtet, denn nächste Woche muss der Vertrag noch von SPD- und Grünen-Parteitagen abgesegnet werden. Probleme an der Basis sind bei den vereinbarten Zielen aber kaum zu erwarten. Am 19. Februar soll Weil im Landtag von den rot-grünen Regierungsfraktionen zum Nachfolger von David McAllister (CDU) als Regierungschef gewählt werden. Dafür zählt jede Stimme, denn SPD und Grüne haben nur ein Mandat mehr als FDP und CDU.

Am 1. Februar hatten sich SPD und Grüne erstmals in Hannover zusammengesetzt, um "konstruktiv und harmonisch" die schwarz-gelbe Landesregierung nach zehn Jahren abzulösen. Es folgten 40 Verhandlungsstunden und eine Vielzahl interner Beratungen, bis das zweite rot-grüne Regierungsbündnis in Niedersachsen steht.

Dank ihres Rekordergebnisses von 13,7 Prozent können die Grünen im Vergleich zur ersten rot-grünen Koalition (1990 bis 1994) die Zahl ihrer Minister auf vier verdoppeln. Der bisherige Oppositionsführer im Landtag, Stefan Wenzel, wird Umweltminister, der wegen seiner Ablehnung von Massentierhaltung und Gentechnik als "Bauernschreck" bekannte Christian Meyer Agrarminister. Das Wissenschaftsministerium geht an Gabriele Heinen-Kljajic, wen die Grünen ins Justizministerium schicken, stand am Sonntag noch nicht fest.

Nach den Verhandlungen müssten nun Taten folgen. "Vor uns liegen fünf Jahre harte Arbeit", sagt Weil. Die miserable Haushaltslage mit mehr als 55 Milliarden Euro Schulden will Weil in den Griff bekommen. Dazu werde sich Niedersachsen aktiv in Berlin einbringen und für bessere steuerliche Rahmenbedingungen kämpfen.

Zum Thema:
Umwelt: SPD und Grüne fordern den Ausschluss von Gorleben aus der Suche nach einem Atommüllendlager in Deutschland. Innenpolitik: Der niedersächsische Verfassungsschutz muss nach Ansicht von Rot-Grün dringend reformiert werden. Dazu zählt eine stärkere parlamentarische Kontrolle. Bildung: Die Studiengebühren sollen bis spätestens 2014/2015 wegfallen. In den Gesamtschulen wird das Turbo-Abitur abgeschafft. Landwirtschaft: Stärkere Förderung der bäuerlichen Familienbetriebe, strengere Reglementierungen für neue Großställe. Verkehr: Die Planungen für die Projekte A 20 und A 39 werden weitergeführt.Soziales: Eine Ausbildungsumlage für Pflegeberufe soll ins Leben gerufen werden, um Nachwuchskräfte zu gewinnen.