Rund 28 000 Viertklässler haben vor Kurzem ihre Bildungsempfehlung für das nächste Schuljahr erhalten. Diese erste große Hürde in der Schulkarriere nehmen Mädchen deutlich leichter als Jungen. Bei 13 000 Schülern schlug der Zeiger Richtung Gymnasium aus. Freuen können sich 7000 Mädchen und 6000 Jungen. Bei denen, die den Weg an die Oberschule nehmen, ist das Bild umgekehrt. Von den 14 500 künftigen Oberschülern desselben Jahrgangs sind 47 Prozent Mädchen und 53 Prozent Jungen. Das ergab eine Kleine Anfrage der Grünen-Landtagsabgeordneten Petra Zais.

Die allerwenigsten Jungen schickte demnach die Bildungsagentur Chemnitz ans Gymnasium, nämlich 37 Prozent. Bei den Regionalstellen Bautzen und Görlitz sind die glücklichen zukünftigen Gymnasiasten zu 41 und 42 Prozent männlich. Die sächsische Schülerauswahl steht schon länger in dem Verdacht, Jungen zu benachteiligen. Insbesondere nachdem 2011 die damalige CDU-FDP-Koalition die Latte für die weiterführende Schule höher hängte. Bis dahin reichte ein Notendurchschnitt von 2,5 für einen Zehnjährigen, das Ticket fürs Gymnasium zu bekommen. Seitdem verläuft die Grenze bei 2,0 Prozent in Deutsch, Mathematik und Sachunterricht. Wer in einem dieser Fächer eine Vier mitbringt, geht an die Oberschule. Kann es aber in der 6. Klasse nochmal probieren. Doch auch diese zweite Tür, die die Bildungsagentur für das Gymnasium öffnet, durchschreiten weniger Jungen. Im nächsten Schuljahr werden es laut vorläufigen Zahlen 555 Jungen sein, die nachkommen - und fast doppelt so viele Mädchen.

Die Oberschule, die 2013 aus der Mittelschule hervorging als Schmiede für den Facharbeiternachwuchs, ist tendenziell männlich. Hier lernten im Schuljahr 2013/2014 laut Statistischem Landesamt 51 000 Jungen und 46 000 Mädchen. An den Gymnasien waren zur selben Zeit die Mädchen um mehr als 4000 in der Überzahl. Darin bestätigen die sächsischen Zahlen die Tendenz, die auch internationale Bildungsstudien der letzten Jahre aufgezeigt haben. Zudem kam die Bildungsorganisation OECD vor einem Jahr zu dem Schluss, dass in Deutschland nach wie vor die Bildungssegmente zwischen den Geschlechtern aufgeteilt sind: Mädchen lesen lieber, Jungs rechnen und bauen. Das aufzubrechen, haben zahlreiche Bildungsreformen noch nicht geschafft. Ob die Jungs, die an Mittel- und Oberschule landen, statt später an den Universitäten, als Bildungsverlierer gelten müssen, ist unter Experten umstritten. Es fehlt letztlich die wissenschaftliche Begründung.

Kultusministerin Brunhild Kurth (CDU) betont indes, dass in Sachsen viele Wege zum Erfolg führten: "Wichtig ist, dass der Schüler beim Lernen gut vorankommt und Erfolgserlebnisse hat." Oberschule sowie Gymnasium bereiteten die Schüler "optimal auf ihre berufliche Karriere vor", so die Ministerin. Die Eltern zu mehr Gelassenheit rät: "Ich freue mich, wenn Eltern die Qualität beider Schularten erkennen."

Die Schere zwischen beiden Schularten geht im Erzgebirgskreis am weitesten auseinander. Wie die Anfrage der Grünen ergab, schafften dort nur 29 Prozent der Viertklässler den Sprung ans Gymnasium - die restlichen 71 Prozent werden Oberschüler.