Sie warfen Regierungschef Wladimir Putin Versagen vor. Wieder nahmen einige von ihnen Polizei-Prügel oder Haft in Kauf, um ihr Demonstrationsrecht wahrzunehmen. Doch so sehr der Volkszorn in Krisenzeiten wächst und Forderungen nach einem Machtwechsel laut werden, eine breite Bewegung gegen Putin ist noch nicht in Sicht. "Das einzige Heilmittel gegen die Krise ist die Revolution" steht auf einem Plakat der Kommunisten, die sich am Triumph-Platz in Moskau in 1000er-Stärke versammelt haben. Das Polizeiaufgebot hier ist groß. Schon seit Tagen patrouillieren auch in der Metro verstärkt Sicherheitskräfte, um spontane Proteste zu verhindern. "Wir lassen uns nicht einschüchtern. Sagen Sie mir, wie ich von nur 3000 Rubel Rente im Monat leben soll!", zürnt der frühere Ingenieur Igor. Sein Einkommen entspricht nach dem 30-prozentigen Währungsverfall der letzten Wochen nur noch etwa 60 Euro. Putin habe lange Zeit politisch von den hohen Rohstoffpreisen profitiert. Die Angst vor einer neuen Rubelkrise sitzt bei allen Russen tief. Freilich haben weder die Kommunisten noch die vielen anderen zersplitterten Oppositionsgruppen bei ihren Kundgebungen echte Rezepte gegen die Krise. Aber der Ton wird schärfer. Immer wieder kommt es zu Schlägereien, werden Rauchbomben gezündet. Die zersplitterte liberale Opposition liefert sich ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei. Dutzende werden festgenommen. "Wir leben unter einem verbrecherischen Regime", ruft der Vorsitzende des Verbandes sowjetischer Offiziere, Alexej Fomin, bei einer Demo. "Demokratie? Meinungs- und Redefreiheit? Freie Wahlen? - Alles reine Fiktion!", schimpft der Veteran. Solche Töne schlug bisher fast nur die kremlkritische Bewegung Das andere Russland um Garri Kasparow an. Laut Umfragen sehen nur noch weniger als die Hälfte der Russen ihr Land auf dem richtigen Weg. Gleichwohl sind Putin und Kremlchef Dmitri Medwedew bei der Mehrheit weiter extrem populär. Die von Putin geführte Kremlpartei Geeintes Russland zog am Wochenende Tausende Anhänger zusammen, um Einheit zu demonstrieren. Bei einer Kundgebung am Kreml gab ein Funktionär Durchhalte-Parolen aus: "Nur der Schwache gibt auf. Auf den Starken, der ein Ziel hat und nach vorn schaut, wartet aber bekanntlich der Erfolg!"