Die 55 Jahre alte Frau aus dem Eichenweg im sauerländischen Oberschledorn kann auch am Tag danach nicht fassen, was am Dienstag in ihrer Nachbarschaft los war. "Ich habe jetzt Angst. Richtig Angst. Hier passiert doch so etwas nicht", sagt sie noch immer verstört am Tag nach dem Antiterror-Einsatz. Hunderte Polizisten haben in dem kleinen Örtchen nach bisherigen Erkenntnissen einen Terroranschlag verhindert.
Das Haus, in dem die mutmaßlichen Terroristen lebten, ist so unscheinbar wie der Ort. Ein kleines, hell gestrichenes Einfamilienhaus mit verwittertem Terrassengeländer und braunem Kellergeschoss. Darin sollen die drei Männer einige Tage gewohnt haben, hier wurden angeblich die zwölf Fässer mit Wasserstoffperoxid zum Bombenbau gelagert. "Gesehen hat man von denen nichts", sagt ein Nachbar, "die waren nachtaktiv." Die Männer seinen ihm zwar seltsam vorgekommen, aber an Terroristen habe er im Traum nicht gedacht.
Erinnerungen werden wach an die Bombenleger von Madrid, die sich unmittelbar vor der Verhaftung selbst in die Luft sprengten. Doch die Polizei hatte vor ihrem Zugriff in Oberschledorn die Flüssigkeit in den Fässern bereits durch eine ungefährliche Lösung ersetzt. Monatelang waren die Ermittler den drei Männern auf der Spur. Zuletzt stand in Oberschledorn ein Wohnmobil auf einem Bauernhof 200 Meter von dem Haus entfernt. In dem mit Technik vollgestopften Fahrzeug saßen die Spezialisten des Bundeskriminalamtes.
Laut Bürgermeister Heinrich Nolte (CDU) waren die drei Mieter des Ferienhauses mehrmals in der 900-Seelen-Gemeinde gesehen worden. "Bei einem so kleinen Ort fallen unbekannte Gesichter natürlich auf. Aber das ist eine Ferienregion, deshalb hat sich wohl niemand etwas dabei gedacht." Und wer vermute schon Bombenleger in der Idylle des Hochsauerlandes, fragt er schulterzuckend.
Am Dienstagnachmittag griffen mehrere Hundert Beamte unter Führung der GSG 9 dann zu. "Als ich zu meinem Haus wollte, durfte ich nicht", sagt Ute Scheiding, die in der Straße unterhalb des Tatorts wohnt. "Es hieß, da sei ein Mann mit einem Messer gesehen worden. Ich hatte total Angst um meine Kinder." Doch laut Bürgermeister Nolte lief der Zugriff "hochprofessionell": "Zwei Männer wurden gefasst, einer konnte zunächst flüchten, der wurde aber auch noch gefasst."
Friedewald Dickel war gerade bei der Gartenarbeit, als er die Festnahme der Terror-Verdächtigen fast hautnah miterlebte. "Plötzlich waren überall Leute. Da wurde sofort alles rundum dichtgemacht", sagt der 49-Jährige am Tag nach dem Zugriff. Dutzende von Beamten in Schutzkleidung schwärmten aus und besetzten fast jede Ecke seines Anwesens, das etwa 100 Meter von dem Ferienhaus entfernt liegt. Der flüchtende Verdächtige sei nur wenige Meter weit gekommen. "Der lag sofort auf der Erde", sagt Dickel.
Sein Sohn André machte gerade seine Mathematik-Hausaufgaben. Unvermittelt sei die Straße von vielen Fahrzeugen blockiert worden. "Das waren 30 bis 40 Autos", sagt der 15-Jährige. Die letzten Sekunden vor dem Zugriff seien lautlos gewesen. "Keine Sirene, kein Blaulicht", erinnert sich der Schüler, der später einen Schuss hörte. "Es war besser als in einem amerikanischen Krimi und besser als Hausaufgaben sowieso."
"Ich war völlig verdutzt, als ein Mann in blauem T-Shirt plötzlich über meinen Zaun kletterte", erinnert sich Bernd Padberg. "Er wurde von zwei Männern verfolgt und die waren dann auch schon wieder über den nächsten Zaun." Dort wurde der dritte Verdächtige überwältigt. Beim Gerangel um eine Polizeipistole soll sich dann ein Schuss gelöst und einen Polizisten verletzt haben. Genau diese Stelle suchten die Polizisten gestern noch mit Metalldetektoren ab. Der dritte Verdächtige, von Augenzeugen als junger Mann mit langen schwarzen Haaren beschrieben, habe sich noch gegen die Festnahme gewehrt, wurde dann aber in einen Kleinbus verfrachtet.
Und warum Oberschledorn? Ortsvorsteher Willi Dessel ist ratlos. Verstehen könne er die Ortswahl nicht: "Ich hätten mich ja eher in Dortmund oder Köln verkrochen. Aber vielleicht war Oberschledorn einfach nur Zufall."