Die genannten Kohlefelder liegen in Bagenz-Ost, in Klettwitz-Nord, Jänschwalde-Nord, Spremberg-Ost, Jänschwalde-Süd und Süd-West sowie Neupetershain. 23 Dörfer (u.a. Bagenz, Lindchen, Klinge) könnten potenziell von einem möglichen Tagebau betroffen sein - darunter Orte, die schon vor Jahrzehnten von der Kohle bedroht wurden. So war das Sallgaster Schloss (Nähe Finsterwalde) samt ökologisch wertvollem Park schon Ende der 80er-Jahre in Gefahr. Massive Bürgerproteste und eine Initiative der Kirche führten 1990 zu dem Beschluss, Sallgast nicht abzubaggern. Damals läuteten die Kirchenglocken im Ort eine ganze Stunde lang.
Gestern erfuhr Bürgermeister Frank Tischer aus dem Radio von der potenziellen Bedrohung. „Seit Jahren arbeite ich im Braunkohleausschuss mit - immer ging es nur darum, die geschundene Landschaft zu heilen, nie war die Rede davon, dass die Kohlebagger wieder anrücken. Andererseits: Die Energiepreise steigen, die Kohle wird gebraucht.“ Pfarrer Klaus Geese hat von September 1989 bis Juni 1990 den Widerstand gegen die drohende Abbaggerung von Sallgast mit organisiert, auch die Bergheider Einwohner bis zur Abbaggerung ihres Dorfes begleitet. Inzwischen ist er Pfarrer in Finsterwalde. „Das wäre eine Absurdität ohne Ende angesichts der gegenwärtigen Klimadiskussion.“
Wie Sallgast steht auch der benachbarte Ortsteil Klingmühl heute wieder auf der Liste möglicher Tagebau-Opfer. 1991 war das kleine Dorf am Tagebaurand bis auf 15 Einwohner geschrumpft - ab 1996 konnten drei Dutzend Grundstücke in Klingmühl gekauft und bebaut werden.
Regina Griebner gehört zu denen, die immer in dem Ort geblieben sind. „Ich bin 1954 hier geboren und habe mich nie umsiedeln lassen.“ Viele besorgte Nachbarn riefen gestern bei ihr an. „Die dachten, das geht gleich in den nächsten Tagen los mit den Baggern.“ Aber Regina Griebner bleibt gelassen: „Ist ja nur eine Studie. Was in einigen Jahrzehnten mit der Kohle wird, kann heute keiner sagen.“
In der Stellungnahme des Energiekonzerns Vattenfall liest sich das so: „Aktuelle Aussagen der Medien sind Spekulation und können zum derzeitigen Planungsstand nicht bestätigt werden.“ Marco Bayer, ein Sprecher des Unternehmens: „Wir haben bisher drei Zukunftsfelder definiert. Um unsere Fördermenge von rund 60 Millionen Tonnen Braunkohle stabil zu halten, haben wir das Vorranggebiet des Tagebaus Nochten und das Teilfeld II im Tagebau Welzow-Süd in der Planung.“ Zusätzlich wird ab 2010 im stillgelegten Tagebau Reichwalde wieder Kohle gefördert.
Erst, wenn die Energiestrategien der einzelnen Bundesländer vorlägen, ließe sich verantwortungsbewusst über weitere bergbauliche Vorhaben nachdenken, so Bayer. „Zwischen dem, was in der Landesstudie als machbar genannt wird, und dem, was Vattenfall dann für unternehmerisch sinnvoll hält, können enorme Unterschiede liegen. Umsiedlungen jedenfalls würden wir nur in Betracht ziehen, wenn es unbedingt notwendig ist.“
Auch Klaus Freytag, Präsident des Landesbergamtes, beruhigt: „Die Studie, die die TU Clausthal anfertigt, ist noch gar nicht abgeschlossen. Wir haben im vergangenen Jahr begonnen, Daten zu sammeln. Wo liegt überhaupt noch Kohle„ Was ist technisch machbar“ Ende Mai wollen wir der Politik unsere Daten vorlegen, mit der Kohle als einem Baustein für das Energiekonzept des Landes.“ Ob und in welchem Ausmaß auch langfristig auf Braunkohle gesetzt wird, müsse dann unter Berücksichtigung von Umwelt und Sozialverträglichkeit und in Bezug auf die Standortsicherung diskutiert werden. Klaus Freytag: „Und schließlich eröffnet das Land nur Möglichkeiten, die Braunkohle zu verstromen. Was Vattenfall in 25 Jahren eventuell daraus macht, ist absolut offen.“
Steffen Kammradt, Sprecher des Potsdamer Wirtschaftsministeriums: „Die Studie gibt eine Orientierung für die langfristige Rohstoffsicherung. Sie wird in die laufenden Arbeiten zur Fortschreibung der Energiestrategie 2010 einbezogen. Danach müssen die weiteren Planungsschritte im Zusammenwirken der Beteiligten erfolgen.“
Trotz allem gibt er zu bedenken: „Wer ja sagt zur Braunkohleverstromung, muss auch ja sagen zum Braunkohleabbau. Und damit auch zur Ausweisung neuer Abbaugebiete. Das gehört zum ehrlichen Umgang mit diesem Energieträger.“

Zum Thema Kapazität der Tagebaue
Bei gleichbleibender Fördermenge geht der Energiekonzern Vattenfall von folgenden Kapazitäten aus: Jänschwalde wird im Jahr 2019 /20 ausgekohlt sein, Cottbus Nord 2014 /15, Welzow-Süd 2027 / 30 und Nochten in den Jahren 2026 / 30.
Mit der Braunkohle versorgt Vattenfall unter anderem die Braunkohlenkraftwerke Jänschwalde, Schwarze Pumpe und Boxberg.