Wer die "fließende" Brücke benutzen will, muss mit einem Wort "bezahlen", das er auf ein Papier schreibt und in eine Box wirft. So werden deutsche und polnische Wörter gesammelt. Bei der letzten Überfahrt sollen sie verstreut werden. Der Fluss trägt die Zettel weiter, als Zeugnisse des zweiten Thementages "Brückenpark im Licht".
Das zentrale Projekt innerhalb der Görlitzer Bewerbung für die Kulturhauptstadt Europas 2010 soll erneut auf besondere Art erlebbar sein. Beim ersten Aktionstag unter dem gleichen Motto rückten am 1. Mai Architektur, Medien und Kunst ins Licht. Nun erwartet die Besucher im geplanten Brückenpark ein Literaturfest mit facettenreichem Programm. Es reicht von einer konzertliterarischen Führung in der Synagoge über verschiedene Lesungen bis hin zu einem Konzert mit Eva-Maria Hagen. Die Schauspielerin und Sängerin für den Tag zu gewinnen, sei bei ihrem dicht gefüllten Terminkalender nicht einfach gewesen, räumt Gernot Wolfram ein. Der Schriftsteller ist Kurator für Literatur im Görlitzer Kulturhauptstadtbüro. Von ihm stammt auch die Idee für den "Park der europäischen Wörter". Er entsteht neben dem ehemaligen Konden satorenwerk. Ein Stück der verwilderten Fläche ist inzwischen freigelegt. Dort werden Wörter aus zwölf europäischen Sprachen zu entdecken sein, die sich nicht ins Deutsche übersetzen lassen. "Um den Reichtum in Europas Sprachlandschaft zu zeigen, haben wir bewusst nicht die großen Sprachen genommen", sagt Wolfram. Dafür finden die Parkbesucher Wörter aus dem Jiddischen, Albanischen, Griechischen und Sorbischen.
Schriftsteller und Übersetzer wurden um Vorschläge gebeten. Milan Kundera etwa hat das tschechische "Litost" vorgeschlagen, als Ausdruck für einen qualvollen Zustand. "In anderen Sprachen finde ich kein Äquivalent, obwohl ich mir nur schwer vorstellen kann, dass die menschliche Seele ohne dieses Wort zu verstehen ist", so Kundera. Wie die anderen elf Wörter wird es künstlerisch in Szene gesetzt, verrät Wolfram. Die Auseinandersetzung damit soll Lust auf Europa machen: "Hinter jeder Sprache verbergen sich Landschaften, Menschen, Temperamente."
Ein außergewöhnliches Erlebnis dürfte auch der Besuch in der Black Box werden. Die Schriftsteller Wolfgang Reuter und Uwe von Seltmann sowie der Journalist Boris Heinrich lesen dort aus ihren Werken. Das Publikum lauscht in völliger Dunkelheit Texten, Klängen, Stimmen.
Die zweite Auflage von "Brückenpark im Licht" wird in jedem Fall alles andere als eine "träge Literatur-Ableseveranstaltung", verspricht Wolfram. Vielmehr soll das Fest einen Ausblick geben, wie die geistig-kulturelle Mitte der Europastadt Görlitz/Zgorzelec in Zukunft aussehen könnte.