Die Iraner haben, so scheint es, zurzeit ganz andere Sorgen als den Disput um die Gefangennahme der britischen Marineangehörigen. Da sind zum einen die vom UN-Sicherheitsrat beschlossenen Sanktionen wegen des iranischen Atomprogramms, zum anderen die persischen Neujahrsferien. Selbst Wettervorhersagen und Verkehrsinformationen zur Lage auf den Straßen während der Feiertage scheinen zumindest den iranischen Medien wichtiger als das Problem mit London. In dieses Bild passt auch die Tatsache, dass sich bisher kein iranischer Führer außerhalb des Außenministeriums zu der Angelegenheit geäußert hat.

Keine Verbindung zum Atomstreit
Teheran will den Vorfall als rein juristischen Streitpunkt behandeln und ihn nicht politisieren. So wird immer wieder betont, die Seeleute seien illegal in iranische Hoheitsgewässer gekommen und deshalb festgenommen worden. Jetzt müssten sie erklären, was sie da gesucht hätten. Nach Abschluss der Ermittlungen könnten dann britische Diplomaten die Gefangenen besuchen. Von einer Verbindung mit dem Atomstreit will das Außenministerium nach eigenem Bekunden nichts wissen.
Beim Thema "illegaler Grenzübertritt" verstehen die iranischen Grenzsoldaten keinen Spaß. Das hat im November 2005 auch der deutsche Angler Donald Klein erfahren. Er musste dafür mehr als 15 Monate in einem iranischen Gefängnis zubringen. Auch Iraner selbst werden, wenn sie ohne Pass einreisen, wegen illegalen Grenzübertritts verhaftet. Im Fall der 15 Briten stellt sich für Außenstehende die Frage, ob sie in ihren Patrouillenbooten im iranischen oder irakischen Teil des Schatt el-Arab festgenommen worden sind - die Iraner nennen das Gewässer Arwand-Fluss. "Da steht Aussage gegen Aussage", sagt ein Jurist in Teheran.
Das Grenzmarkierungsabkommen im Schatt el-Arab, das 1975 von den verfeindeten Nachbarn Iran und Irak unterzeichnet wurde, ist technisch sehr kompliziert und politisch extrem kontrovers. Die Aufteilung des Seegebietes war einer der Gründe für den iranisch-irakischen Krieg zwischen 1980 und 1988. "Solange das Gegenteil nicht bewiesen ist - und das ist im Arwand-Fluss fast unmöglich -, hat Teheran das Recht, die Briten zu verhören", meint ein politischer Experte. Beobachter halten es für möglich, dass Teheran mit der Festnahme auch militärische Akzente setzen wollte - besonders in der derzeit delikaten Lage wegen des Atomstreits und der von den Iranern empfundenen militärischen Bedrohung durch die USA. "Unsere Streitkräfte haben bewiesen, dass sie jederzeit jegliches militärische Eindringen von Fremdlingen sofort unterbinden", sagte General Ali-Resa Afsch ar, Vizekommandeur des iranischen Militärs.

Fehlende Bestätigungen und Dementis
Spekulationen in der Londoner Presse, wonach die Briten von den paramilitärischen Revolutionsgarden verhaftet worden seien, wegen Spionage angeklagt oder gar mit von den USA im Irak inhaftierten Iranern ausgetauscht werden sollten, wurden in Teheran nicht bestätigt. Mutmaßungen über einen Austausch wurden sogar ausdrücklich dementiert. Dass bislang nur General Afschar sich äußerte, lässt zudem darauf schließen, dass die Militärs und nicht die Revolutionsgarden zuständig sind.
In der iranischen Bevölkerung genießt Großbritannien - im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern und selbst den USA - allerdings kaum Sympathien. Historisch bedingt wird London als der "hinterlistige Fuchs" in der Weltpolitik angesehen, der dem Iran in den letzten Jahrzehnten stets nur Böses antun wollte. Daher wird auch die Verhaftung der Briten wegen illegaler Grenzüberschreitung als richtig empfunden. "Ich habe eigentlich wenig Vertrauen zur (iranischen) Regierung, aber wenn Engländer verwickelt sind, dann muss bestimmt was dran sein (an den Anschuldigungen)", sagte ein Student in Teheran.