Rote Nelken haben sie mitgebracht. "Das gehört einfach dazu", sagt Manfred Wiemer. Zusammen mit gut fünfzig anderen Lausitzer Linken steht er am Samstag vor dem Karl-Liebknecht-Denkmal an der Luckauer Stadtmauer. Jahr für Jahr ist es das gleiche Ritual: Kurz vor dem Todestag des einstigen SPD-Reichstagsabgeordneten und KPD-Mitgründers Liebknecht, der von 1916 bis 1918 in Luckau im Gefängnis saß, lädt die örtliche Linkspartei zu einer Karl-Liebknecht-Ehrung am Denkmal ein.

Zu DDR-Zeiten vom Bildhauer Theo Balden erschaffen, stand es einst in Luckau auf dem Markt. Nach der Wende wurde die Statue an die Stadtmauer versetzt. "Eine neue Pumpe auf dem Markt war denen damals wichtiger", sagt eine alte Dame. Wehmut und Verbitterung schwingt in ihren Worten mit. "Aber dieses Mal kommt der Minister." Und in der Tat, wenige Minuten später fährt der schwere Dienst-Audi von Brandenburgs Justizminister Volkmar Schöneburg auf den Parkplatz an der Stadtmauer. Er habe "sofort zugesagt", als ihn die Luckauer Linken für die Ehrung anfragten, sagt er der RUNDSCHAU. Zu DDR-Zeiten promovierte Volkmar Schöneburg über das "Kriminalwissenschaftliche Erbe der KPD", und auch, als Schöneburg nach der Wende an der Gesamtausgabe der Werke des ehemaligen Reichsjustizministers Gustav Radbruch mitarbeitete, stolperte er immer wieder über Liebknecht. Am Samstag versammeln sich die meist älteren Genossen in einem Halbkreis um das Denkmal. Fast alle haben Blumen mitgebracht. Zustimmend nicken sie, als Schöneburg seine eigene Tätigkeit als Brandenburger Justizminister mit Karl Liebknecht in Verbindung bringt. "Für einen Justizpolitiker ist Liebknecht bis heute eine intellektuelle Fundgrube", sagt Volkmar Schöneburg. Seine Schriften zum Strafvollzug habe er auch in Vorbereitung des heutigen Brandenburger Strafvollzuggesetzes mit Interesse neu gelesen. Bis heute lasse sich aus den Texten Liebknechts ableiten, dass aller Strafvollzug der Resozialisierung zu dienen habe, Kriminalität ein soziales Problem und die beste Kriminalitätsprävention eine gute Sozialpolitik sei.

Und bevor der Minister zu einem Rundgang über das ehemalige Gefängnisgelände aufbricht und sich mit dem Ortsvorsitzenden der Linken, Dietmar Poertzsch, und den örtlichen Parteimitgliedern zu einer Kaffeerunde trifft, tritt Volkmar Schöneburg zusammen mit seiner Büroleiterin vor das Denkmal. Gemeinsam legen sie einen Kranz nieder, rot ist er, "Justizminister Dr. Volkmar Schöneburg" steht mit goldenen Lettern auf der Schleife. Einen Moment verharren sie schweigend zu Füßen Liebknechts, dann treten andere, meist sehr viel ältere Genossen mit Gestecken und Nelkensträußen herbei, legen sie am Denkmal nieder. So, wie sie es schon immer gemacht haben, in den verschneiten Wintertagen um den 15. Januar herum.

Zum Thema:
Tausende Menschen haben am gestrigen Sonntag in Berlin an die vor 94 Jahren ermordeten Kommunistenführer RosaLuxemburg und Karl Liebknecht erinnert. Die Polizei sprach von rund 10 000 Teilnehmern. Bei einer Kranzniederlegung auf dem Friedhof in Friedrichsfelde nahmen unter anderem die Vorsitzenden der Linkspartei, Katja Kipping und Bernd Riexinger sowie Bundestags-Fraktionschef Gregor Gysi und der griechische Oppositionsführer Alexis Tsipras teil.