Die Jecken-Uhr tickt. Auf der Internetseite des Vereins Cottbuser Karneval (VCK) läuft die Zeit rückwärts. Die Sekunden, Minuten, Stunden werden gezählt bis zum Sturm auf das Rathaus. „Pünktlich am 11.11. um 11.11 Uhr wird die Macht übernommen“ , lässt VCK-Präsident Wolfram Ludwig (47) keinen Zweifel daran, dass in der fünften Jahreszeit wie seit Hunderten von Jahren die Jecken die Regentschaft antreten. Frei nach der Devise „Vom Kreml bis zum Weißen Haus lassen wir die Narren raus“ wird ein „närrisches Kommando“ den Ehrensenator des Lausitzer Karnevalverbandes und designierten Oberbürgermeister, Frank Szymanski, sowie den amtierenden Rathauschef Holger Kelch nach der Verabreichung von Beruhigungstropfen aus dem Rathaus tragen, ließ Präsident Günter Hiebel von der Interessengemeinschaft Cottbuser Carneval (ICC) vorab wissen.
Unter dem Motto „Film ab! Der VCK in Hollywood“ setzt der VCK am Abend im Cottbuser Brauhaus das närrische Treiben fort. Hollywood-Größen wie Marilyn Monroe und Frank Sinatra werden mit dabei sein, verspricht VCK-Präsident Ludwig. Die ICC eröffnet in der Stadthalle mit dem russischen Nationalballett die fünfte Jahreszeit. Weitere Shows in der Stadthalle und der Zug der fröhlichen Leute am 18. Februar 2007 in Cottbus sind Fixpunkte für Funkenmariechen, Prinzessinnen, Senatoren, Minister, Pappnasen und Kappenbrüder der Region.
Rheinländer waren es, die 1854 in Cottbus die Karneval-Saat einbrachten. „Die ist inzwischen gut aufgegangen“ , schätzt Wolfram Ludwig ein. Der Karnevalverband Lausitz, dem auch der VCK angehört, zählt inzwischen 48 Vereine aus Brandenburg, Berlin, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Gekrönt ist inzwischen das diesjährige Lausitzer Regentenpaar. Doch was ist das? Prinz Rüdiger I. (alias Rüdiger Strenge, 37) und Prinzessin Antje II. (Antje Gärtner, 27) kommen aus - Mittenwalde (Dahme-Spreewald). Ludwig wehrt Attacken, wonach der Lausitz die Narren ausgehen, vehement ab. „Die Lausitz expandiert, zumindest beim Karneval“ , pariert er derartige Angriffe. Nahezu ein Glücksfall sei die Repräsentanz aus Mittenwalde. „Jedes Jahr kommen die mit 200 Leuten und drei Tiefladern zum Umzug nach Cottbus. Die gehören zu uns“ , so Ludwig.

Lob für Wittichenau
Auch anderenorts zieh'n die Jecken los, um ausgelassen zu feiern. In Wittichenau bei Hoyerswerda beispielsweise. Und das schon zum 301. Mal. 1706 gab es den ersten Karneval. Nichts konnte ihn aufhalten, auch nicht die SED-Oberen in der DDR, die die Jecken in dem kleinen Städtchen stets argwöhnisch beobachtet hatten. „Die Zeit war manchmal interessanter als heute. Wir haben immer wieder probiert, wie weit man gehen kann“ , blickt Gottfried Glaab zurück. Der 62-Jährige hatte einst die Präsidentschaft von seinem Vater übernommen und war viele Jahre bis Mai 2006 oberster Kappenbruder im Ackerbürgerstädtchen. „Wittichenau - das ist Volkskarneval“ , charakterisiert er die fünfte Jahreszeit im ostsächsischen Landeszipfel. „Da feiern die ganze Stadt und das Umfeld. Selbst der Bürgermeister und die Landrätin steigen mit deftigen Reden in die Bütt“ , stimmt ihm der Präsident der sächsischen Karnevalverbandes, Günter Bührichen aus Weißwasser, zu. Der sächsische Oberjecke adelt die Wittichenauer geradezu: „Die stehen den Kölnern und Mainzern in nichts nach: geschliffene Reden, gelungene Sketche, musikalische Leckerbissen.“
In der Elbe-Elster-Region treibt der bekannte Plessaer Karneval Blüten bis in den letzten Winkel. Beispielsweise auch in der Gemeinde Winkel bei Wahrenbrück. Als Schlumpf unter Schlümpfen hatte sich einst der heutige Chef des Gasthofes „DREI Rosen“ , Jens Uhlemann, als Knabe in den Plessaer Umzug eingereiht. Jetzt ist er Vizepräsident des Winkelischen Carnevalklubs (WCc). Bei der Auftaktfete rechnet Uhlemann morgen mit 150 Leuten und einem bis auf den letzten Platz gefüllten Saal in seiner Schänke. 200 Einwohner hat Winkel, 65 machen im WCc mit, dessen Geburtsstunde auf den 11.11. 1998 um 11.11 Uhr datiert.

Allianz der Karnevalisten
Bevor sich die winkelschen Närrinnen und Narren nach dem Motto „Im 9. Jahr lässt mit Helau, der Bauer mal heraus die Sau“ menschlich und tierisch dem Thema „Bauernhof“ widmen, reihen sie sich morgen um 11.11 Uhr in eine besondere Allianz ein. Karnevalisten aus Falkenberg und Uebigau-Wahrenbrück haben sich verabredet und demonstrieren beim Erstürmen des Falkenberger Rathauses Gemeinsamkeiten, die es kommunalpolitisch in beiden Städten so nicht gibt.
In Daubitz (Niederschlesischer Oberlausitzkreis) wird morgen nahezu der ganze Ort auf den Beinen sein. Wie der Minister für Öffentlichkeitsarbeit des Daubitzer Karnevalklubs, Tilmann Havenstein, der RUNDSCHAU nach deren aufwändiger närrischer Recherche bestätigt, wird die Queen höchstpersönlich den Daubitzern zur 30. närrischen Saison gratulieren. Im Buckingham-Palast sei sehr wohlwollend aufgenommen worden, dass sich die Närrinnen und Narren des Ortes mit den Briten und deren königlichem Adelsgeschlecht befassen, versichert Minister Havenstein mit närrischem Augenzwinkern und einem erwartungsvollem „Helau!“ .

Hintergrund Karneval, Fastnacht und Fasching
 Das Wort Fastnacht und seine regionalen Abwandlungen (Fassenacht, Fasnacht, Fasent) werden in Hessen, Rheinhessen, in der Pfalz, am Mittelrhein sowie in Baden, Schwaben und dem Saarland verwendet.
Vom Fasching wird in Brandenburg, Sachsen, Hamburg, Bayern und Franken gesprochen.
Das Wort Karneval bezieht man in Deutschland in erster Linie auf den rheinischen Karneval.
In Deutschland gibt es 4500 Karnevalsvereine mit zwei Millionen Jecken . Dem Karnevalverband Berlin-Brandenburg , gehören 130 Vereine mit etwa 11 700 Mitgliedern an.
Dem Verband Sächsischer Carneval gehören 181 Vereine an. 13 000 Mitglieder organisieren vielfältige Veranstaltungen, die alljährlich über 600 000 Gäste anziehen.