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In der Lausitz teilen nur sehr wenige das Auto gern

Es klingt fast zu schön, um wahr zu sein: Das Auto steht auf dem Parkplatz, ist immer vollgetankt, braucht keine Inspektion und muss nie zum TÜV. Wenn viel zu transportieren ist, verwandelt sich der Wagen in einen Laster. Und scheint die Sonne, wird er zum flotten Cabrio. Von Jürgen Becker

Reine Phantasie? Für 60 000 Deutsche nicht.
Denn sie machen Car-Sharing, nutzen gemeinsam mehrere Autos, ohne dass sie sie besitzen. Doch was in Dresden, Halle, Leipzig, Chemnitz, Wittenberg oder Potsdam klappt, ist in Cottbus gescheitert. Obwohl selbst die evangelische Kirche für das Konzept geschwärmt hatte.
Car-Sharing bewahre die Schöpfung, lobte der Cottbuser Pfarrer Dietrich Hallmann vor fünf Jahren. Auch die Stadtverwaltung und Cottbusverkehr waren von der umweltschonenden Idee angetan.
Denn beim Car-Sharing teilen sich möglichst viele ein Fahrzeug, um es effektiv auszulasten. Dazu zahlen sie eine einmalige Aufnahmegebühr an eine Firma und werden deren Mitglied. Das Unternehmen schafft dann die Wagen an und verteilt sie auf Standplätze in der Stadt.

Safe öffnen und losfahren
Wer ein Fahrzeug benötigt, meldet sich bei der Unternehmens-Zentrale. Dort erfährt er, ob sein Wunschauto gerade frei ist. Am Standort holt er sich Autoschlüssel und Papiere aus einem Safe und fährt los. Um den Rest kümmert sich die Firma. Abgerechnet wird nach gefahrenen Kilometern und nach Zeit.
Pi mal Daumen ist für jeden, der weniger als 7000 Kilometer im Jahr fährt, Car-Sharing günstiger als die Anschaffung und der Unterhalt eines eigenen Autos. Bundesweit sieben Millionen Führerscheinbesitzer könnten in Zukunft diese vernünftige Art der Mobilität nutzen, hat das Rheinisch Westfälische Wirtschaftsforschungsinstitut errechnet.
Die Branche boomt. Von 1997 bis 2002 verbuchten die deutschen Car-Sharing-Anbieter im Durchschnitt Jahr für Jahr 21 Prozent mehr Kunden. In Sachsen-Anhalt gibt es Car-Sharer in Magdeburg, Halle, Friedensau, Merseburg, Halberstadt, Dessau und Wittenberg. Die Firma Carsharing Sachsen zählt heute etwa 150 Chemnitzer und 2000 Dresdner zu ihren Mitgliedern.
Doch während zum Beispiel in Berlin und Potsdam den Car-Sharern inzwischen 180 Fahrzeuge an 57 Standorten und in Dresden etwa 50 Autos an 14 Stationen zur Verfügung stehen, ist der Car-Sharing-Motor in Cottbus erst gar nicht richtig angesprungen. „Vor einem Jahr mussten wir unsere Dependance dort zunächst einmal wieder stilllegen“ , sagt Statt-Auto-Sprecherin Anja Hertrich. „Das Interesse war zu gering.“
Über die Gründe, warum in Cottbus gescheitert ist, was in Wittenberg oder Potsdam klappt, können Experten nur spekulieren. „Je größer eine Stadt ist, desto besser funktioniert das Car-Sharing“ , hat Dirk Bake, Sprecher des Bundesverbands CarSharing, beobachtet. „Auch in Ballungsräumen, in denen Parkplatznot herrscht, hat das Konzept gute Chancen.“ Vielleicht habe es in Cottbus aber auch nur am Marketing gehakt, mutmaßt Bake, während Verbandschef Birger Holm orakelt: „Möglicherweise hängt das etwas von der Mentalität ab.“
In Dresden ist es Holm gelungen, genug Menschen vom Car-Sharing zu überzeugen. „Ich hatte echtes Glück, denn im Vorstand der Dresdner Verkehrsbetriebe saßen Leute, die voll hinter der Idee standen“ , erinnert sich Holm, der in der sächsischen Hauptstadt das System aufgebaut hat. „Die hatten erkannt, dass Car-Sharing das öffentliche Nahverkehrsangebot erweitert, und das gesamte Marketing übernommen.“ Denn jede Autostation braucht eine Anbindung an Bus und Bahn. Nur die Kombination dieser Fortbewegungsmittel macht für Car-Sharer wirtschaftlich Sinn.

Bahn springt auf Zug auf
Auch die Deutsche Bahn hat das begriffen. Sie ist auf den Car-Sharing-Zug aufgesprungen, arbeitet an der Vernetzung aller Car-Sharing-Firmen in Deutschland. Wer mit der Bahn von Berlin nach Wittenberg, Dresden oder Magdeburg fährt, kann schon unter der gleichen Nummer und zu den gleichen Preisen wie in Berlin ein Auto bestellen.
„Das wäre auch in Cottbus oder Görlitz möglich“ , sagt CarSharing-Verbandschef Birger Holm, der aber lauter Wenns hinzufügt: Ja, wenn es da einen gäbe, der beim Aufbau des Systems richtig rödelt. Wenn die kommunalen Verkehrsbetriebe richtig kooperierten und man denen klar machen könnte, dass man beim Car-Sharing einen langen Atem braucht. Und wenn da die Politiker endlich nicht nur mit ihrem Umweltbewusstsein hausieren gingen, sondern die Mehrwertsteuer für Car-Sharing halbieren würden. „Von der CDU bis zur PDS finden nämlich das Car-Sharing zwar alle schick, aber wenn man sie braucht, hört die Unterstützung auf“ , schimpft Holm.