Washington schweigt - vorerst. Doch hinter den Kulissen tobt der Richtungsstreit. Während die Waffendeklaration aus Bagdad, fast zehnmal so dick wie Leo Tolstois Mammutwälzer "Krieg und Frieden", bei den Vereinten Nationen in New York hinter verschlossenen Türen studiert wird, ringen 400 Kilometer weiter in Washington die altbekannten Falken und Tauben um die Oberhand.
Dass die Offenlegung aus Bagdad ein Machwerk aus Lügen und Verschleierungen ist, gilt in Washington als ausgemachte Sache. Die Geister scheiden sich daran, wie damit umzugehen ist.
Das Lager der kompromisslosen Irak-Kritiker um Vizepräsident Richard Cheney will Bagdad möglichst schnell der schweren Verletzung von UN-Resolutionen bezichtigen, um den Startschuss zum Angriff geben zu können. Cheney und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld machen kein Hehl aus ihrer Überzeugung, dass Saddam mit Gewalt gestürzt werden müsse.
Das Säbelrasseln in Washington hat auch die Waffeninspekteure im Irak schon auf die Palme gebracht. Dann sollten die Amerikaner ihr Material endlich auf den Tisch legen, meinte der Leiter des Inspektionsteams in Bagdad, Dimitri Perricos, ungehalten. "Was wir zu sehen bekommen und was Präsident Bush vielleicht sieht, ist - gelinde gesagt - sehr unterschiedlich", meinte er.
Die Diplomaten um Außenminister Colin Powell predigen dagegen Zurückhaltung. Niemand soll den USA den Vorwurf machen können, beim Abrechnen mit dem Irak sei die ganze UN-Schiene nur Vorwand für einen ohnehin beschlossenen Krieg gewesen. Das Powell-Lager will die Waffeninspekteure gezielt mit Hinweisen versorgen und setzt darauf, dass sie dann die Massenvernichtungswaffen finden, die Bagdad leugnet. Dann könne der Marsch auf Bagdad vor aller Welt gerechtfertigt werden. Das aber kann Monate dauern.
Deshalb bläst die konservative Presse bereits zum Krieg. Nachdem Bush und andere felsenfest behauptet haben, der Irak besitze Massenvernichtungswaffen, müsse auf die Waffendeklaration aus Bagdad nun umgehend reagiert werden, schrieb die "Washington Times". Sie steht Verteidigungsminister Rumsfeld nahe. "Die Regierung hat keine andere Wahl, als die Dinge beim Namen zu nennen. Wenn die USA Saddam eine neue Chance geben, nachdem er über seine Waffenprogramme gelogen hat, obwohl sie dies schon als letzte Chance bezeichnet hatten, untergräbt das die Glaubwürdigkeit des Präsidenten."
"Man sollte die Krise jetzt herbeiführen, weil es in den nächsten sechs Monaten bestimmt keinen besseren Auslöser für eine Krise geben wird", sagte Kenneth Pollack, ehemaliger Irak-Experte des US-Geheimdienstes, der "Washington Post". Fritz Ermarth, ehemaliger enger Mitarbeiter von Bush senior, sagte der "New York Times": "Jeder, der behauptet, er wisse, was der Präsident denkt, sagt, dieser sei entschlossen, mit Saddams Waffenprogramm und Regime ein für alle Mal Schluss zu machen."
Dennoch, der Richtungsstreit ist längst nicht ausgefochten. Die Regierung in Washington spielt auf Zeit. "Wir werden die Ehrlichkeit und Vollständigkeit (des Berichts) erst beurteilen, wenn wir sie umfassend geprüft haben, und das wird einige Zeit in Anspruch nehmen", kündigte Bush an. Um gleich wieder Druck zu machen: "Bis jetzt haben wir nicht die grundsätzliche Änderung in Verhalten und Einstellung gesehen, die die Welt verlangt."