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"In den Strukturen gibt es Parallelen zum IS"

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (63).
Bundesinnenminister Thomas de Maizière (63). FOTO: dpa
Berlin. 1977 überzog die RAF die Bundesrepublik mit einer Serie von Attentaten. Heute ist Deutschland mit einer anderen Art von Terrorismus konfrontiert.

Innenminister Thomas de Maizière im Gespräch.

Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen dem RAF-Terror damals und dem IS-Terror heute?
de Maizière Beiden gemeinsam sind die blinde Entschlossenheit, die Selbstermächtigung zur Gewaltausübung und die Existenz einer Unterstützerszene. Für eine erstaunliche Gemeinsamkeit halte ich auch die Nutzung moderner Medien für die Propaganda. Die RAF hat neben Flugblättern auf das damals neue Medium Videos gesetzt, um große öffentliche Wirkung zu erzielen und Druck auf den Staat auszuüben. Der RAF-Terrorismus war medial sehr modern. Der IS macht das heute mit den neuen Medien etwas anders. Aber in der Struktur gibt es da Parallelen.

Wo liegen die größten Unterschiede?
de Maizière Der Terror der RAF war ein deutscher Terrorismus, mit wenig internationalen Bezügen. Der islamistische Terror heute ist ein internationales Phänomen. Unterschiedlich ist auch die Motivlage: Der RAF ging es um das Zerschlagen eines kapitalistischen Systems, dem IS geht es um die Errichtung eines Gottesstaates. Die RAF-Terroristen wollten einen Umsturz erreichen. Die IS-Terroristen wollen für Verunsicherung sorgen und eine Veränderung unserer Lebensweise erzwingen. Auch die Ziele sind andere: Der RAF-Terror richtete sich gegen Repräsentanten des öffentlichen Lebens. Wenn dabei ein Chauffeur oder Personenschützer umgebracht wurde, nahm die RAF das billigend in Kauf - was in der Szene durchaus umstritten war. Der IS dagegen zielt wahllos auf Menschen. Es gab damals auch nicht so viel Empathie mit den Opfern wie heute. Die Anteilnahme für die Opfer des IS-Terrorismus ist heute größer.

Wie ist es mit den Tätern?
de Maizière Die RAF-Leute wollten nicht erwischt werden, sie wollten entkommen. Beim islamistischen Terror spielt das eigene Leben für die Täter dagegen zumindest scheinbar keine Rolle - so war es zumindest bisher. In den vergangenen Monaten waren auch hier andere Muster zu beobachten. Bei den jüngsten Anschlägen in Finnland, Frankreich und Spanien, aber auch beim Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt wollten die Täter abhauen und haben das zum Teil auch zunächst geschafft. Mehrere Täter nutzten auf der Flucht Attrappen von Sprengstoffgürteln, damit die Polizei aus Angst vor einer Explosion nicht auf sie schießt. Das ist eine neuere Entwicklung.

Ist linker Terror in Deutschland wie jener der RAF noch mal vorstellbar?
de Maizière Das ist eine schwierige Frage. Nach dem G20-Gipfel haben viele von Terror geredet. Was wir dort erlebt haben - dass verabredet, vorbereitet und mit Tötungsvorsatz Gehwegplatten und Molotowcocktails auf Polizisten, auf andere Menschen geworfen wurden - das ist mehr als nur ein Mordversuch. Trotzdem scheue ich mich, hierfür den Begriff Terrorismus zu verwenden.

Die RAF hat sich aufgelöst. Ist denkbar, dass eines Tages auch der IS-Terror verschwindet?
de Maizière Wir arbeiten daran. Und wir hoffen, dass durch die Lösung internationaler Konflikte der IS-Terror endet. Terror war aber immer schon da. Letztlich ist zum Beispiel auch der Erste Weltkrieg durch einen terroristischen Anschlag auf einen Thronfolger ausgelöst worden. Wir sollten uns aber nicht daran gewöhnen und daran arbeiten, dass wir den Terror besiegen.

Mit Thomas de Maizière

sprach Christiane Jacke