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"In den Schulen muss viel mehr geschehen"

Aus gesundheitlichen Gründen geht Ulrike Poppe ein Jahr vorfristig in den Ruhestand. Maria Nooke, die aus Forst stammt, wird ihre Nachfolgerin.
Aus gesundheitlichen Gründen geht Ulrike Poppe ein Jahr vorfristig in den Ruhestand. Maria Nooke, die aus Forst stammt, wird ihre Nachfolgerin. FOTO: zb
Cottbus. Nach siebeneinhalb Jahren gibt Ulrike Poppe den Job als Brandenburgs Beauftragte für die Aufarbeitung der DDR-Diktatur auf.

Am 30. September geht Ulrike Poppe als Brandenburgs Beauftragte zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur in den Ruhestand. Im März 2010 hatte sie den Posten angetreten. Brandenburg war das letzte der ostdeutschen Länder, das eine solche Funktion eingerichtet hatte. Die RUNDSCHAU sprach mit Ulrike Poppe über ihre Erfahrungen in diesem Job.

Frau Poppe, als Sie diese Arbeit begannen, waren gerade stasibelastete Polizisten aufgeflogen, und es gab heftige Debatten über stasibelastete Landtagsabgeordnete. Wurde Brandenburg damals vom lange mangelnden Aufklärungswillen eingeholt?
Poppe Ich denke schon. Es war längst überfällig, sich ernsthafter als bisher mit den Folgen der Diktatur auseinanderzusetzen. Als die rot-rote Koalition im Herbst 2009 antrat, und dann Stasibelastungen von Abgeordneten publik wurden, gab es große Eile, den Posten zu besetzen. Ich erfuhr dann auch sofort, dass es einen großen Bedarf an Beratung gab.

Beratung von Politik und Behörden oder auch bei Opfern?
Poppe Beides. Bei den Opfern des DDR-Regimes gab es einen großen Nachholbedarf. Viele kamen mit der Bürokratie nicht klar, wenn sie eine Rehabilitierung anstrebten oder Entschädigungsleistungen beanspruchten. Zwar hatte bis dahin der Berliner Landesbeauftragte mit mobiler Beratung im Land ausgeholfen, aber das reichte nicht aus. Und öffentliche Stellen suchten Unterstützung bei Entscheidungen, wie mit stasibelasteten Amts- oder Mandatsträgern umzugehen ist.

Wie weit sind denn diese beiden Beratungsaufgaben inzwischen erledigt?
Poppe Auf der Opferseite gibt es nach wie vor einen erheblichen Beratungsbedarf. Auch so viele Jahre nach dem Ende der DDR gibt es Menschen, die sich bisher noch nicht entschließen konnten, in ihre Stasi-Akte zu schauen. Manche beschäftigen sich erst mit dem Renteneintritt damit, dass ihnen vielleicht für Zeiten, in denen sie wegen politischer Verfolgung nicht in ihrem Beruf tätig sein durften, auch Rentenpunkte zustehen könnten.

Wie beurteilen Sie die Wahrnehmung der DDR-Geschichte heute in Brandenburg? Was herrscht vor, realistischer Blick oder Verklärung?
Poppe Es gibt beides. Als Berlinerin hatte ich das Vorurteil, die Brandenburger wollen gar nicht aufarbeiten. Dann aber erfuhr ich bald, dass es durchaus überall im Land Menschen gibt, die sich mit der Aufarbeitung beschäftigen und Initiativen entfalten, damit die DDR-Geschichte nicht in Vergessenheit gerät. Es gibt natürlich auch die, die sagen, lasst die Vergangenheit ruhen.

Wer heute jünger als 30 ist, hat keine persönliche Erinnerung an die DDR. Das Bild dieses Staates wurde und wird für diese Menschen neben der Familie vor allem durch die Schule geprägt. Reichen die Bemühungen dort aus?
Poppe In den Schulen muss viel mehr geschehen als bisher. Deshalb bieten wir Lehrer-Fortbildungen an, um den Lehrern auch Ideen an die Hand zu geben, wie man die Geschichte der DDR-Diktatur an die jüngere Generation vermitteln kann.

Das heißt, nicht alle Lehrer engagieren sich dafür?
Poppe Es gibt Lehrer, die entwerfen mit ihren Schülern hervorragende Geschichtsprojekte. Manche aber scheuen sich noch davor, sehen in dem kritischen Blick auf die DDR vielleicht sogar eine westliche Bevormundung und haben selbst ein Problem damit, die DDR als das zu sehen, was sie war, eine Diktatur. Diese Hemmnisse sind aber überwindbar. Das braucht jedoch Zeit.

Wie begründen Sie, dass diese Auseinandersetzung mit der DDR heute noch Relevanz hat?
Poppe Demokratie ist kein dauerhafter Selbstläufer. Sie bedarf der Beteiligung und der Verteidigung. Wer sich das Leben in einer Diktatur nicht vorstellen kann, wird vielleicht die Bedeutung grundlegender Rechte wie Meinungs- und Pressefreiheit nicht genug würdigen und sich daher nicht für deren Erhalt engagieren. Geschichtskenntnis macht niemanden automatisch zum Demokraten, aber sie ist ein wichtiger Baustein.

Es gibt in Brandenburg wenige authentische Orte der DDR-Diktatur wie das Cottbuser Menschenrechtszentrum oder die Potsdamer Gedenkstätte in der Linden-Straße. Ist das ein Problem für die Erinnerungsarbeit?
Poppe Ich denke doch, dass wir viele Erinnerungsorte haben, vor allem entlang der ehemaligen Grenze. Um das ehemalige West-Berlin herum führt der Mauer-Radweg, da trifft man immer wieder auf Stelen, auf denen über Schicksale von Maueropfern informiert wird.

Wenn Sie auf Ihre siebeneinhalbjährige Tätigkeit zurückblicken, gibt es etwas, woran Sie sich besonders gern erinnern werden?
Poppe Ich werde mit guten Gefühlen auf diese Zeit zurückblicken. Ich bin vielen Menschen begegnet, die sich für die Aufklärung historischer Ereignisse und das Gedenken an die Diktaturopfer engagieren. Und ich habe eine wunderbare Zusammenarbeit in meinem Team erlebt.

Gibt es etwas, was Sie ihrer Nachfolgerin Maria Nooke mit auf den Weg geben können?
Poppe Ich möchte ihr auf den Weg geben, in ihre Arbeit das Potenzial der brandenburgischen Bürgerinitiativen und Vereine einzubeziehen. Aber das weiß sie selbst, sie kommt ja aus einer Forster Initiative. Sie wird meine Arbeit mit Engagement und guter Kenntnis der relevanten Themen fortführen. Da bin ich mir sicher.

Mit Ulrike Poppe

sprach Simone Wendler

Zum Thema:
Ulrike Poppe wurde 1953 in Rostock geboren. Sie wuchs in Berlin auf und engagierte sich in den 80er-Jahren in der kirchlichen Friedensbewegung und in oppositionellen Kreisen. 1983 wurde sie zusammen mit Bärbel Bohley sechs Wochen lang in der Stasi-Untersuchungshaftanstalt Berlin-Hohenschönhausen inhaftiert. Poppe gehörte zu den Gündern der Bürgerbewegung "Demokratie jetzt", für die sie von Dezember 1989 bis März 1990 am zen-tralen Runden Tisch in Berlin saß.Von 1992 bis Februar 2010 arbeitete sie als Studienleiterin an der Evangelischen Akademie Berlin-Brandenburg.Ulrike Poppe ist Mitglied in Vorständen und Beiräten verschiedener Organisationen, die sich mit der DDR-Geschichte auseinandersetzen, darunter der Robert-Havemann-Gesellschaft und der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. (sim)