Doch als der Spezial-Lieferwagen die Stelle erreicht, von der aus die Bärin "Palouma" in die freie Wildbahn entlassen werden soll, kommt tierischer Krach aus den bewaldeten Berghängen: Versteckte Bären-Gegner versuchen, Palouma mit Schreien und Krachern zu verschrecken. Die Aussetzungs-Aktion wird abgeblasen, der Bärentransport trollt sich. Stunden später geht der große Moment in größter Diskretion über die Bühne - gut 45 Kilometer entfernt im Dorf Burgalays.
Bei Frankreichs Umweltministerin Nelly Olin verraucht der Ärger über die "blödeste denkbare Demonstration" nicht so rasch: "Die Demonstranten haben die Entschlossenheit der Regierung nicht recht verstanden", brummt die Konservative nach ihrer Rückkehr von der Bären-Aktion in Paris. Palouma gehe es jedenfalls nach ihrer gut eintägigen Anreise aus Slowenien in dem Sonderfahrzeug mit Klimaanlage, Wasservorrat und Videokameras gut. Auch ihr Aussetzen sei unter "sehr guten Bedingungen" verlaufen. Olin hofft nun, dass "letztlich die Vernunft über die Leidenschaft obsiegen" werde.

Pyrenäenbär ausgestorben
Ist im Frankreich des 21. Jahrhunderts Platz für frei lebende Bären? Die Frage sorgt tatsächlich für so manche Gefühlswallung. Vor anderthalb Jahren hatte noch große Betroffenheit geherrscht, als ein Jäger das letzte aus den Pyrenäen stammende Weibchen "Cannelle" erschossen hatte. Damit wurde das Aussterben der echten Pyrenäenbären besiegelt. Die 14 bis 18 noch in den Bergen lebenden Braunbären stammen aus anderen Flecken Europas und haben ein etwas anderes Erbgut. Die Regierung in Paris ließ in den nächsten Wochen insgesamt fünf Tiere aus Slowenien holen, damit die eingewanderten Bären nicht auch noch aussterben.
Bären-Gegner wie Philippe Lacube kümmert diese Aussicht kaum. "Wir Pyrenäer sagen Nein zur Wiederansiedlung des Bären", ruft Lacube laut und stapft mit einer Kuhglocke in der Hand aus dem Wald. Während Gendarmen aus Sorge vor Störenfrieden Straßenkontrollen in der Umgebung von Arbas vorgenommen hatten, hatte er sich mit etwa 80 Gesinnungsgenossen durch das Gehölz angepirscht, um die Freilassung von Palouma zu verhindern. "Wir haben unseren Platz in diesem Gebirge, das ist unser Alltag, unsere Welt. Nicht die des Bären", sagt Lacube.

Angriff auf Schafe
Grimmig verweisen er und seine Vereinigung Aspap darauf, dass die 14 bis 18 bereits in den Pyrenäen lebenden Bären zuletzt oft bedrohlich nahe an menschliche Siedlungen herankamen. Dort wurden in den vergangenen Wochen mehrere Schafe gerissen und Bienenkörbe verwüstet. Die Behörden des an Spanien und Andorra grenzenden Regierungsbezirkes Ariège wiesen Wildhüter an, "nicht tödliche Schüsse" auf den dringend tatverdächtigen Bären "Boutxy" abzugeben, sein "unangemessenes Verhalten zu korrigieren". Das gefräßige Tier soll Plastik-Geschosse auf den Pelz bekommen - damit es "ein atypisches Verhalten mit einer schmerzhaften Erfahrung verbindet".
Bärenfreunde hoffen, dass sich die etwa vierjährige Palouma besser benimmt. Schließlich spielt ihr Name nicht nur auf das Paloumère-Massiv bei Arbas an, in dem sie eigentlich ausgesetzt werden sollte, sondern auch auf den regionalen Ausdruck für eine Friedenstaube.
Das Verhalten der neuen Frau Petz in den Pyrenäen wird sehr genau beobachtet werden: Sie trägt nicht nur einen Markierungs-Knopf im Ohr, sondern auch einen Peilsender um den Hals, der drei Jahre lang Auskunft über ihr Leben im Wald geben soll.