Unterlagen, Bücher, Aktenordner - verdi-Gewerkschaftssekretär Ralf Franke entschuldigt sich für die Unordnung auf seinem Schreibtisch. Noch sieben Wochen sind es bis zum Zweiten Sozialforum Deutschland. Es wird das größte Treffen von Globalisierungskritikern in der Bundesrepublik sein. Zu organisieren gibt es alle Hände voll, die Papiertürme sind eine natürliche Begleiterscheinung. Derzeit beschäftigt den Gewerkschafter die Werbung. Plakate müssen gedruckt, Klebeflächen festgelegt werden. Ralf Franke gehört zu einem Team aus acht Leuten, das sich vor Ort vor allem um die logistische Seite der Vorbereitungen kümmert. Die Quartiere in drei Turnhallen gehören dazu. Ebenso die Versorgung durch das Cottbuser Studentenwerk. 200 Helfer werden gebraucht. Zum Lausitzer Organisatoren-Kreis kommen sechs Unterstützer aus ganz Deutschland, mit Erfahrung vom Ersten Sozialforum 2005 in Erfurt.

Soziale und ökologische Grundrechte
Die Schriftstellerin Daniela Dahn wird zur Eröffnung des Sozialforums kommen. Verdi-Chef Frank Bsirske ist zur Diskussion über „Arbeitswelt und Menschenwürde“ geladen. Und den SPD-Sozialexperten Karl Lauterbach würde Ralf Franke gern für eine Lesung auf die Bühne holen. In der Stadthalle wird diskutiert, im Audimax geht ein Seminar zu Ende während nebenan in der Mensa der Uni hungrige Aktivisten-Mägen beruhigt werden. Der „Raum für alle“ ist vier Tage lang offen - jeder darf dort seinen Gesprächsbedarf austoben. Und am Sonnabend wird ganz Cottbus Veranstaltungsort, wenn sich ein Demonstrationszug unter dem Motto „Die bessere Welt gemeinsam gestalten“ durch die Straßen wälzt. Auf die kurzen Wege, die Cottbus seinen Gästen zu bieten hat, sind die Veranstalter besonders stolz. Denn die Globalisierungskritiker wollen Hunderte Veranstaltungen auf die Bühnen der gesamten Stadt wuchten.
Was aber will das Sozialforum„ Eine Diskussionsrunde idealistischer Weltverbesserer sein, deren Ideen so schnell verpuffen, wie sie ausgesprochen wurden“ „Es soll außerparlamentarischer Gegenpol zu den Räten der Kommunen, zu Landtag und Bundestag sein“ , erläutert Franke. Argumentieren für jedermann ist Programm. Die Bewegung wolle sich bei politischen Entscheidungsträgern Gehör verschaffen. „Das Konkrete besteht in der menschlichen Begegnung“ , versucht Hugo Braun, den Kern herauszuschälen. Der Düsseldorfer ist Attac-Mitglied und für die Öffentlichkeitsarbeit des Forums verantwortlich. Der Konsens ist kein Muss, das Nachdenken über Politik, über Alternativen zur bestehenden Politik eigentliches Ziel. Franke: „Damit das Ergebnis kontrovers sein kann, wird über nichts abgestimmt.“
Als eine Parallelveranstaltung läuft deshalb die „Versammlung der Sozialen Bewegungen“ am 21. Oktober. Hier wollen Aktivisten ein Papier verabschieden, das als Signal an die Welt gemeint ist. Inhalt könnten die Wahrung der Grundrechte des Menschen im sozialen wie ökologischen Bereich sowie eine Position zu Fragen der Privatisierung etwa im Gesundheitswesen sein. Mit ihren Forderungen wollen die Globalisierungskritiker dann an die Öffentlichkeit gehen.
Breit angelegt ist das Themenspektrum des Sozialforums. Schwerpunkte setzen acht Konferenzen zu Bereichen wie „Ökologische und soziale Verantwortung“ , „Für eine Politik des Friedens“ oder „Soziale Frage und Rechtsextremismus“ . Daneben können Initiativen und Verbände Veranstaltungen anmelden. Gewerkschaften, Umweltgruppen, Friedensinitiativen planen eigene Beiträge.
Eine Konfrontation mit Rechtsex tremen scheint programmiert. „Sie sollen keine Möglichkeit finden, unter unserem Dach ihre Parolen zu streuen“ , unterstreicht Braun. Szenekundige würden jede Anmeldung prüfen. Unbekannte Gruppen würden genau kontrolliert, kündigt Ralf Franke an.
Mehr als 30 Workshops und Veranstaltungen sind bisher fest geplant. Kapazität gibt es für bis zu 300. Dass die Anmeldungen nur schleppend anlaufen, schiebt Franke aufs Sommerloch. Noch seien viele Aktivisten im Urlaub, sagt er. „Ich würde mir mehr Beteiligung von Gruppen aus der Lausitz wünschen“ , bemängelt Hugo Braun. Es gebe in der Region nicht so viele soziale Gruppen, das werde überschätzt, hält Ralf Franke dagegen. Die soziale Bewegung sei in der Lausitz nicht so gewachsen wie in Westdeutschland. Erklärtes Ziel des Sozialforums ist deshalb, politisches Engagement zu stärken.

In der Mitte Europas
Cottbus mitten in Europa. Die geografische Lage haben die Veranstalter des Sozialforums bewusst gewählt, „um Brücken nach Polen und Tschechien zu schlagen“ , so Hugo Braun. Dort sei das Interesse am Treffen der Globalisierungskritiker groß. Eine der acht Konferenzen wird „Die Lausitz in Europa“ heißen. „Wir möchten diese Region und ihre europäische Funktion ins Gespräch bringen“ , erläutert der Düsseldorfer Attac-Aktivist Braun.
Image-Pflege für die Lausitzmetropole, auch das will das Treffen der Globalisierungskritiker leisten. Nicht zuletzt soll durch die Großveranstaltung die Stadt Cottbus im Kopf der Besucher als positives Erlebnis haften bleiben. „Wenn die Besucher des Sozialforums sich hier gut aufgehoben fühlen, werden sie wiederkommen oder den Ort weiter empfehlen“ , hofft Ralf Franke.

Zum Thema Zweites Sozialforum Deutschland
 Vom 18. bis 21. Oktober in Cottbus
Teilnehmergebühr: Alle Tage plus Massenquartier für Verdienende 50 Euro
Alle Tage plus Massenquartier für Nichtverdienende 20 Euro
Tagesticket (ohne Unterbringung) für Verdienende zehn Euro
Tagesticket (ohne Unterbringung) für Nichtverdienende fünf Euro
www.sozialforum2007.de