Schon jetzt trägt man mit 25,9 Prozent unter Deutschlands Großstädten die rote Laterne. Viel besser sieht es auch anderswo im Osten nicht aus. Die "Top 7" der Vergreisungsliga - unter 281 europäischen Gebieten - bilden neben der Chemnitzer Region Sachsen-Anhalt, Brandenburg-Nordost, der GroßraumDresden, Thüringen, Brandenburg-Südwest und Mecklenburg-Vorpommern. Zudem fällt in den Regionen Chemnitz und Dresden sowie in Sachsen-Anhalt und Thüringen der Einwohnerschwund mit über zwanzig Prozent besonders drastisch aus. Die Region Leipzig liefert da im Abendland Ost fast noch einen Hauch von Morgenröte. Sie ist die einzige, in der Brüssel bis 2030 einen positiven Saldo aus Sterbefällen und Geburten erwartet. Damit liegt man noch vor den Regierungsbezirken Detmold und Koblenz in Nordrhein-Westfalen oder dem Saarland. Dennoch verzehren 2030 auch 30,3 Prozent der Leipziger bereits ihr Altersruhegeld. Was hat aber Chemnitz, was andere Oststädte auch nur - nicht - haben? Es gibt genug günstigen Wohnraum, große Einkaufstempel, viele Kitaplätze, Museen, ein Fünf-Sparten-Theater und das Erzgebirge vor der Tür. Zwar fehlt ein Hallenspaßbad, dafür finden sich hier 209 Sportvereine. Das Magazin "Handelsblatt - Junge Karriere" reihte Chemnitz erst jüngst bei seinen bundesweit fünf "Provinzperlen" ein. Weniger JugendzuschüsseOffenkundig fällt es schwer, sachliche Gründe für den drohenden Niedergang auszumachen. So nimmt auch das Rathaus das Signal nicht allzu ernst. Von "vagen Prognosen" ist die Rede, von "überholten Zahlen" - und so kürzt man weiter die Jugendzuschüsse. Rathauschefin Barbara Ludwig, die 2006 den agilen Peter Seifert (beide SPD) beerbte, äußert sich fast gar nicht dazu. Doch Analysen warnen schon länger vor jener Tendenz. So liegt laut einer Bertelsmann-Studie von 2008 der Anteil der Haushalte mit Kindern in Chemnitz deutlich unter Sachsens Durchschnitt. Seit Jahren wandern junge Familien ab. Bei der IHK Südwestsachsen sieht man das Problem in fehlenden Jobs, die Gewerkschaft verweist auf niedrige Löhne. Doch nirgendwo verdient man im Osten mehr als in Chemnitz, auch nicht in Dresden. Und die Arbeitslosigkeit liegt deutlich unter der in Leipzig. Die meisten innovativen Metallbaufirmen suchen händeringend Ingenieure. Das Gros der jährlich über 2000 Absolventen der TU Chemnitz verlässt indes nach dem Studium flugs die Stadt, in der einst das Label "Made in Germany" kreiert und das deutsche Patentrecht begründet wurden. Chemnitz hat offenbar ein Imageproblem. Die Stadt scheint irgendwann stehen geblieben. Selbst Kulturmanager Jens Kassner, der den aktuellen Chemnitzer Slogan "Stadt der Moderne" mit ersann, pendelt nun täglich nach Leipzig. Daheim fehlt es ihm gravierend an "Subkultur", wie sie eine Stadt für jüngeres Volk erst spannend mache. Das Rathaus versäume einen "Brückenschlag zwischen wirtschaftlich-technologischer und geistig-kultureller Innovation", rügt Kassner. So ähnele Chemnitz einem "Schlaganfallpatienten". Man müsse sich entscheiden, "weiter in junges Leben zu investieren oder sich als erste Großstadt nur durch Sicherheit und Ruhe auszuzeichnen". Keine kultige SzeneBefragt man jüngere Chemnitzer, fühlen die sich zunehmend ausgegrenzt. "Sobald etwas los ist, was auch uns anspricht, regt sich Widerstand, gleich ob Partys, Sommerkino auf dem Theaterplatz oder Skater im Zentrum", ärgert sich ein 23-jähriger. Andere klagen, dass die alternde Bürgermehrheit alternative Jugendprojekte verhindere. Oder sie vermissen eine kultige Gastroszene. Schon die bunte Fassade eines alternativen Zentrums sorgte jüngst für Unmut bei Älteren. Soziologieprofessorin Christine Weiske von der TU schwant nichts Gutes: "So lange die lokale Gesellschaft wenig Toleranz für Lebenskonzepte aufbringt, die nicht den ihren entsprechen, werden wir das Problem nicht lösen."