Die Lausitz ist ein Energieland, das Saarland auch. Doch das Saarland ist Energieland geblieben, obwohl der Brennstoff nicht mehr aus dem eigenen Boden kommt, seitdem vor mehr als drei Jahren die Steinkohle-Förderung beendet wurde. Bei Braunkohle lohnt sich die Stromerzeugung nur, wenn die Kraftwerke direkt neben der Lagerstätte stehen und die Kohle vom Bagger in den Brennkessel fällt. Steinkohle hingegen kann aus allen Teilen der Welt herangefahren werden, ihre Verstromung bleibt dennoch lohnenswert. Daher gibt es im Saarland immer noch eine Kraftwerkslandschaft mit einer Gesamtleistung von rund 2400 Megawatt.

Kohle und Stahl waren an der Saar vor mehr als 50 Jahren die prägenden Wirtschaftszweige. Beide Branchen beschäftigten mehr als 100 000 Menschen. Heute gibt es nur noch die Stahlindustrie mit rund 12 000 Beschäftigten. Der Steinkohle-Bergbau ist seit dem 30. Juni 2012 Geschichte. Dennoch hat das Saarland den Weg weg vom Bergbau gut gemeistert. Die Arbeitslosenquote liegt bei 7,2 Prozent. Die Arbeitsplatz-Verluste des Bergbaus konnten mehr als kompensiert werden.

Wie hat das Saarland das erreicht, und was kann die Lausitz davon übernehmen? Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten, da die Zeiten heute andere sind. Als der Niedergang der Kohle Anfang der 1960er-Jahre begann, expandierte in Deutschland die Automobilindustrie, und das Saarland profitierte davon. Denn die Arbeitnehmer waren industrieerfahren und Schichtarbeit gewohnt.

Heute arbeiten rund 46 000 Menschen in der Automobil-Branche. Große Arbeitgeber sind Ford, Bosch, der Getriebebauer ZF oder der Reifenhersteller Michelin. Alle diese Unternehmen siedelten sich vor knapp 50 Jahren im Saarland an. Aber auch die Saarbergwerke, die den Steinkohle-Bergbau betrieben, beschränkten sich nicht allein auf die Kohleförderung. Sie bauten unter anderem jene Kraftwerke, die heute noch das Energieland Saar prägen.

Die personelle Anpassung ist außerdem teuer erkauft. Zum einen wurde die Steinkohle seit Anfang der 1960er-Jahre subventioniert, was bei Braunkohle nicht der Fall ist. Zum anderen war immer klar, dass kein Kumpel "ins Bergfreie" fallen darf, betriebsbedingte Kündigungen waren ausgeschlossen. Dafür sorgte die kampferprobte Gewerkschaft Bergbau und Energie (IGBE, heute IGBCE). In zahlreichen Kohlerunden hat sie die sozialverträgliche Personalanpassung immer wieder ertrotzt. Daher zog sich dieser Prozess über Jahrzehnte hin. Allerdings wurden Bergleute auch in andere Bereiche vermittelt. Sie arbeiten heute als Altenpfleger, Saarbahn-Fahrer oder in Industrie-Betrieben, von denen es im Saarland nach wie vor überdurchschnittlich viele gibt.

Impulse gingen auch von der Universität des Saarlandes aus, um die sich seit den 1980er-Jahren zahlreiche forschungsnahe Institute ansiedelten - vordringlich im Bereich Informatik und neue Materialien. Die erhofften Arbeitsplatz-Gewinne erfüllten die Erwartungen jedoch nicht. Immerhin: Im IT-Bereich wurden in den vergangen 20 Jahren 60 Unternehmen mit mehr als 3000 Arbeitsplätzen gegründet.

Positiv wirkte sich im kleinen Saarland aus, dass die Wege kurz sind. Ein fernes Potsdam gibt es nicht. Sollte eine Branche oder ein Betrieb straucheln, wird so lange nach kreativen Lösungen gesucht, bis es passt. Oder wie der Saarländer sagt: "Das wird schon gedeichselt."

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Zum Thema:
Lothar Warscheid, Jahrgang 1953, ist Wirtschaftsredakteur bei der "Saarbrücker Zeitung". Seit fast 26 Jahren verfolgt er das Wirtschaftsgeschehen an der Saar. Große Teile des Strukturwandels hat er hautnah miterlebt. Ende Januar hat die LAUSITZER RUNDSCHAU ihre große Zukunftsserie "Lausitz 2030" gestartet. Seither haben viele Gastautoren aufgezeigt, wie die Lausitzer in 15 Jahren leben werden. Mischen auch Sie sich ein unter: www.lr-online.de/lausitz2030