Das ist eine neue Qualität der fremdenfeindlichen Pegida-Bewegung. Einen Tag nach dem "Abendspaziergang" entschuldigt sich Organisator Lutz Bachmann für seinen Hauptredner. "Einen gravierenden Fehler habe ich gestern begangen, als unser Gastredner Akif Pirinçci ans Mikrofon trat und seine ersten Sätze verlas", gab Bachmann am Dienstag auf der Facebook-Seite von Pegida zu. Die Rede sei so nicht abgesprochen gewesen. Und dann noch das: Der starke Mann der "patriotischen Europäer", gegen den ein Verfahren wegen Volksverhetzung läuft, zeigt sich "froh, dass die Masse der Spaziergänger derart plumpe Hetze ablehnt".

Diese Töne sind neu, und zum ersten Mal schreitet Bachmann so ein und geht auf Distanz zu einem Hauptredner. Das zeigt, dass Pegida nach einem Jahr voller Wut und Provokation in der Sackgasse steckt. Bachmann hat bisher immer noch einen draufgesetzt, um seine Leute bei der Stange zu halten. Nach der Pegida-Logik blieb den Oberen nichts übrig, als immer radikaler zu werden, um weiter Aufmerksamkeit zu bekommen. Denn die, die geblieben sind, wollen keine Zwischentöne hören. Sie wollen mehr vom schrillen Geschrei. Pirinçci war sogar ihnen zu schrill.

Montagabend auf dem Theaterplatz. Die Pegida-Menge hört dem Hauptredner Akif Pirinçci zu. Leicht ist das nicht, denn der 56-jährige Skandalautor spricht in prall gefüllten Sätzen. Als er gegen Politiker als "Gauleiter gegen das eigene Volk" wettert, wird noch heftig gejohlt. Dann wird es aber doch zu kompliziert. Bei "Vaterlandsverrätern deutscher Herkunft", die nach Pirinçcis Tonart "unter dem Deckmantel einer pathologisch-masochistischen Willkommenskultur" und inspiriert von "Multikulti-Scheiße" im Bunde mit einer "grünlinks-versifften Systempresse" diesen "Scheiß-Staat" anscheinend "umvolken" wollen, können viele nicht mehr folgen. Das Gemurmel wird lauter. Nach einer knappen halben Stunde bricht Organisator Lutz Bachmann den Pirinçci-Auftritt ab.

Von dessen Rede bleibt am Ende ein gerader Satz hängen: "Es gäbe vielleicht andere Alternativen, aber die KZs sind leider gerade außer Betrieb." Wegen dieses Satzes ermittelt jetzt die Staatsanwaltschaft gegen den türkischstämmigen Autor, der früher Krimis schrieb, jetzt aber Bücher namens "Deutschland von Sinnen. Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer" und "Die große Verschwulung. Wenn aus Männern Frauen werden und aus Frauen keine Männer".

1900 Polizisten sicherten die Pegida-Demonstration zum ersten Jahrestag ab. Wie viele Demonstranten sie in der Dresdner Innenstadt in Schach halten mussten, ist schwer zu schätzen.

Es waren wohl zwischen 30 000 und 40 000. Nur dem "beherzten und mutigen Handeln der Polizeibeamten" sei es zu verdanken, dass es "in der extrem aufgeheizten Stimmung" nicht zu Ausschreitungen kam, sagte Innenminister Markus Ulbig (CDU) am Tag danach. Erleichterung nach den schlimmsten Befürchtungen, die die Sicherheitsbehörden für den Abend hatten.

Gewalt gab es trotzdem. Mindestens ein Mann wurde bei einer Auseinandersetzung am Rande schwer verletzt. Autos wurden demoliert. Vor der Demo am frühen Abend trafen am Schlossplatz mehrere Hundert Pegidas mit Gegendemonstranten zusammen. Gegenstände flogen und Böller wurden gezündet, die Beamten konnten die Gruppen nur mit Mühe auseinanderhalten. Während der Kundgebung auf dem Theaterplatz wollten einzelne Störer die Polizeiabsperrung durchbrechen.

Lutz Bachmann konnte an diesem Abend an die 15 000 Anhänger um sich versammeln. Deutlich mehr als bei den vergangenen Veranstaltungen. Der Jahrestag hatte das Interesse neu geweckt. Er selbst wetterte wie üblich gegen "Lügenpresse" und "Volksverräter", feierte die Erfolgsgeschichte seiner Bewegung aus dem Nichts heraus und beschwor die Gemeinschaft der selbst ernannten "patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlands". Außerdem will er jetzt Bundesinnenminister Thomas de Maizière verklagen. Der hatte die Pegida-Organisatoren als "harte Rechtsextremisten" bezeichnet.

Nach dem missglückten Auftritt des Hauptredners Pirincci kam die Stimmung nicht mehr recht in Gang. Besser dagegen die auf der anderen Seite. Mit geschätzten 15 000 Leuten waren die Gegendemonstranten gegen Pegida so stark wie lange nicht mehr. Getrommelt hatten Vereine, Gewerkschaften und Bündnisse unter dem Motto "Herz statt Hetze".

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Mit Katzen-Krimis wurde er berühmt, nun hetzt er gegen Ausländer, Muslime und Schwule: Akif Pirinçcis (Foto: dpa) Leben in Stichpunkten: Geboren 1959 in Istanbul; 1969 Umzug nach Deutschland; Pirinçci wächst in der Eifel auf; 1989 erscheint "Felidae", der erste in einer Reihe von Krimis, in denen Katzen die Hauptrolle spielen; die Bücher der Serie verkaufen sich millionenfach und werden in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt; 1994 läuft der Zeichentrickfilm "Felidae" nach der Vorlage von Pirinçcis gleichnamigem Krimi im Kino - 2009 wird sein Buch "Die Damalstür" (2001) mit Mads Mikkelsen und Jessica Schwarz unter dem Titel "Die Tür" verfilmt; 2014 veröffentlicht er sein erstes Sachbuch, "Deutschland von Sinnen: Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer", in dem er gegen Grüne, Linke und moderne Moralvorstellungen wettert.