Ein ohrenbetäubender Knall, die Hand in Fetzen – was passieren kann, wenn ein illegaler Böller explodiert, demonstriert Alexander R. mit einem Mausklick: Der Sprengstoffexperte des Landeskriminalamtes Sachsen (LKA) zeigt ein Videoexperiment auf seinem Computer. Es folgen weitere Bilder, keine Nachstellungen, sondern echte: Ein Zimmer in Trümmern – hier hat ein Mann versucht, mehrere Böller zu einem Großen zusammenzubasteln. Eine abgerissene Hand, blutige Ohren. Und das Röntgenbild von einem jungen Mann, der sich mit einem Böller eine tödliche Schädelverletzung zuzog.

„Viele kennen sich nicht aus, unterschätzen die Gefahr“, erklärt Alexander R. Er oder einer seiner sieben Kollegen des LKA werden gerufen, wenn gefährliche Böller entsorgt werden müssen oder Briefkästen und Telefonzellen in die Luft fliegen. „Das ist in der Regel Pyrotechnik ohne Zulassung.“ Nicht nur kurz vor dem Jahreswechsel, sondern das ganze Jahr über gebe es in Sachsen zahlreiche Vorfälle – pro Jahr etwa bis zu 200, schätzt er. In diesem Jahr seien die Experten bisher zu etwa 40 Tatorten gerufen worden.

Kurz vor dem Jahreswechsel allerdings haben illegale Böller Hochkonjunktur. Eine Entwicklung, die auch die Bundespolizei in Pirna bestätigt. „In den vergangenen Tagen und Wochen hat es einen deutlichen Anstieg gegeben“, sagt Sprecher Sascha Reichelt. Zudem würden derzeit deutlich größere Mengen als gewöhnlich geschmuggelt. „Oft finden wir einen ganzen Rucksack, wenn nicht sogar den ganzen Kofferraum voller Böller.“ Bei den Mengen sei kaum davon auszugehen, dass die Schmuggler damit eine schöne Silvesterparty feiern wollten. Vieles sei wohl für den Verkauf gedacht, vermutet Reichelt. Allein die Bundespolizei Chemnitz hat seit Anfang Oktober bereits zwölf Verstöße gegen das Sprengstoffgesetz festgestellt.

„Die größte Gefahr: Man weiß einfach nicht, was drin ist“, erklärt Polizeisprecher Reichelt. Im Prinzip könnten die Böller jederzeit hochgehen. Gefährlich nicht nur für den Käufer, sondern auch für Schmuggler, die die Knaller meist im Kofferraum – in der Nähe des Tanks – transportierten.

Vor allem bei Jugendlichen sind die Feuerwerkskörper ein Renner. „Weil sie lauter knallen und billiger sind als bei uns“, erläutert LKA-Experte Alexander R. Grundsätzlich stammten alle diese Böller aus China, „werden aber in Tschechien und Polen von vietnamesischen Händlern angeboten“. Zwar gelte auch dort die europäische Sprengstoffrichtlinie, nach der der Verkauf verboten ist. Oft werde das aber nicht so eng gesehen. Die Feuerwerkskörper hätten kein Prüfsiegel der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) und auch kein europäisches „CE“-Zeichen. Sie enthalten zudem anderes Material und mehr Knallsatz als deutsche Feuerwerkskörper.

Immer stärker im Kommen sind Kugelbomben, die aus einem Rohr verschossen werden. Manche haben sogar die Größe eines Handballs. „Die hängen an der langen Lunte an Wäscheleinen auf den Märkten“, sagt Alexander R. Viele denken, dass die lange Lunte auch lange brennt und nehmen sich Zeit. Ein gefährlicher Trugschluss. „Sie brennen extrem schnell durch und dann ist die Hand ab.“ Erlaubt sei der Einsatz nur bei einem professionellen Großfeuerwerk mit speziellem Erlaubnisschein. Die illegalen Böller würden mit kontrollierten Sprengungen vernichtet – insgesamt etwa rund 100 Kilogramm pro Jahr.

Sorgen bereitet den Experten derzeit ein relativ neuer illegaler Feuerwerkskörper: „Delova Rana“ – auf Internetforen auch als „Monsterlaute Bombe“ bezeichnet. Er enthält rund 50 Gramm Explosivstoff. „Das ist wie eine kleine Handgranate“, beschreibt Alexander R. Der Feuerwerkskörper enthält eine spezielle Perchlorat-Aluminium-Mischung, die in Deutschland nur bei einem Profifeuerwerk zugelassen ist. Zum Vergleich: In einem zugelassenen deutschen Böller befinden sich höchstens sechs Gramm Schwarzpulver, im „Colour Salute“ etwa zwei bis drei Gramm Perchloratmischung .