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| 02:42 Uhr

Immer die Schönheit im Blick

Prof. Rolf Kuhn: Bauhaus-Spuren in der Region aufnehmen und daraus eine touristische Attraktion machen.
Prof. Rolf Kuhn: Bauhaus-Spuren in der Region aufnehmen und daraus eine touristische Attraktion machen. FOTO: vrs
2019 wird das Bauhaus 100 Jahre alt. Zeugnissen seiner prägendsten Periode ist auch die Euroregion Spree-Neiße-Bober auf der Spur. Über die Lausitz und die "unbekannte Moderne" sprach die RUNDSCHAU mit Prof. Rolf Kuhn, der als langjähriger Dessauer Bauhaus-Direktor ein Jahrzehnt lang die IBA Fürst-Pückler-Land leitete.

Im Volksmund sind das die Bauhaus-Bauten. Gegen diesen Begriff hat Bauhausgründer Walter Gropius zwar bis zu seinem Tode gekämpft. Weil Moderne und Funktionalismus eben kein Stil wie das Barock sein sollten. Nach Gropius folgt die Form der Funktion. Und wenn sich die Funktion ändert, muss sich auch die Form ändern. Im Nachhinein muss man sagen, Bauhaus war natürlich stilprägend. Die liegenden Fenster der Siedlung Törten in Dessau sollten die ganze Straße entlang ein Band ergeben. Also: Die Form ist nicht immer nur der Funktion gefolgt, sondern sollte schon ein eigenständiges Bild erzeugen.

Ja, aber warum "unbekannte Moderne"?
Damit ist die Zeit der 1920er- und Anfang der 1930er-Jahre und jene Orte, die nicht im Mittelpunkt standen, gemeint. Mit der Bauhaus-Gründung 1919 in Weimar ist der Startschuss gegeben worden, wenngleich damals noch viel experimentiert wurde. Die Einflüsse kamen aus aller Welt. Und anfangs hielten die Gründer um Gropius auch wenig vom industriellen Bauen. Doch es wurde schnell klar, dass sich auch die Architektur auf die neuen technischen Entwicklungen, auf die Industrie einlassen musste.

Das die Dessauer Bauhaus-Epoche dann ja auch geprägt hat. . .
Ja, sie war in der zweiten Periode von 1925 bis 1932 in Dessau maßgeblich von der Industrialisierung und der neuen Sachlichkeit geprägt. Und das war auch notwendig, wenn man industriell Häuser oder Stühle herstellen wollte. Da musste man vom aufgesetzten Dekor und vielen anderen Schnörkeln wegkommen.

Was war für Sie als langjährigem Bauhaus-Direktor das Prägendste an dieser "Moderne"?
Das Tollste für mich war: Obwohl die Bauhaus-Architekten auf Dekore verzichteten, die etwas schön machen sollten, so haben sie bewusst immer eine Schönheit ihrer Gebäude, Wohnungsgegenstände bis hin zum Geschirr angestrebt. Übrigens: Der Plattenbauweise in der DDR, die auch dem Funktionalismus folgte, hat genau dieser Anspruch auf Schönheit gefehlt. Am Bauhaus dagegen haben Maler und Künstler wie Kandinsky, Klee, Feininger die Architektur mit beeinflusst.

Wie hat sich das niedergeschlagen?
Zum Beispiel an der Art, wie Fenster und Türen proportioniert und zueinander sowie in die Fassade gesetzt waren. Selbst Stahlbetonträger wurden nicht verkleidet und so positioniert, dass sie einen Raum nicht schlechter, sondern besser gemacht haben. Das ist für mich eine hohe Kunst der Ästhetik. Trotz der funktionellen Notwendigkeiten hatte man immer die Schönheit der Gebäude mit im Blick.

Und weshalb widmet sich die Lausitz mit Partnern in Polen diesem Thema?
Weil das 100. Bauhausjubiläum ein Anlass ist, diese Spuren in der gemeinsamen Region aufzunehmen und daraus vielleicht eine touristische Attraktion zu machen. Ich bin in der Lausitz in meiner Zeit als IBA-Geschäftsführer auf das ehemalige Haus Wolf in Gubin gestoßen. Das war das erste moderne Haus des später international berühmt gewordenen Mies van der Rohe aus den 1920er-Jahren. Mit unserer Mies-Memory-Box haben wir damals die nicht mehr vorhandene Villa wieder auferstehen lassen.

Was macht dieses Thema so interessant für die Euroregion Spree-Neiße-Bober?
Für den damaligen IBA-Mitarbeiter Lars Scharnholz war Gubin so etwas wie eine Initialzündung, das Institut für neue Industriekultur aus der Taufe zu heben. Zeugen der Bauhaus-Architektur dies- und jenseits der Grenze aufzuspüren, gehörte zu einem Forschungsvorhaben. Das Projekt "Unbekannte Moderne 2019" nimmt nun eine Entwicklung auch in unserer Region auf, die sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten nicht alleine in Deutschland und Polen abzeichnete, sondern auch als internationaler Trend zu identifizieren ist.

Das heißt: Bauhaus-Architektur in der Region soll zu einem kulturtouristischen Angebot werden?
Zumindest bestehen in der Euroregion dafür gute Voraussetzungen. Denn die Bauten der Klassischen Moderne werden - sicher auch vor dem Hintergrund des 100. Bauhaus-Geburtstages - zunehmend als kulturtouristische Angebote qualifiziert und mit bestehenden Tourismuszielen insbesondere im Bereich der Industriekultur verbunden. Und da die Lausitz einschließlich der Grenzregion etwas zu bieten.

Weshalb gibt es so viele Zeugnisse dieser Zeit in der Euroregion?
Dies mag damit zu tun haben, dass die Architekten damals das neue Zusammenspiel von Statik, Funktion und Ästhetik nicht gleich in Berlin gewagt haben. Da ist man offenbar eher in die "pädagogische Provinz" gegangen, um nicht gleich verrissen zu werden. Außerdem musste es auch Bauherren geben, die dieser Entwicklung aufgeschlossen gegenüberstanden.

Welche Zeitzeugnisse sind besonders begehrt?
Natürlich die Wohnbauten der 1920er-Jahre in Berlin und Breslau, die "moderne Architekturlandschaft" in und um die Bauhausstadt Dessau sowie herausragende Einzelbauten wie das Haus Schminke in Löbau von Hans Scharoun, die Hutfabrik in Luckenwalde von Erich Mendelsohn oder die Gewerkschaftsschule von Hanns Meyer in Bernau. Es gehören aber auch das einstige Kaufhaus Schocken in Cottbus oder Häuser der ehemaligen Ilse Bergbau AG in Großräschen dazu.

Bis zum touristischen Highlight ist es aber noch ein weiter Weg?
Sicher. Aber es ist ein glänzender Ansatz, diese Idee zu verfolgen. Zunächst werden Lars Scharnholz und sein Team eine Karte mit den herausragenden Moderne-Bauten in der Euroregion anfertigen. Dann wird es darauf ankommen, das touristische Angebot zu platzieren. Ich bin überzeugt, dass die Lausitz gute Chancen hat, die in Vergessenheit geratenen Bauten der Moderne ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken. Dabei wird das Angebot über die Grenze nach Polen hinweg einen besonderen Reiz ausmachen.

Was hat die "unbekannte Moderne" heutigen Architekten und Planern noch zu sagen?
Sehr viel. Ich bin davon überzeugt: Wir profitieren bis heute von dieser Bauhaus-Periode der neuen Sachlichkeit. Es sind natürlich viele neue, bessere Materialien hinzugekommen. Aber die Grundidee, die Industrialisierung aller Baubereiche in Beziehung zu setzen und gleichzeitig Schönheit im Blick zu behalten - da ist bis heute nichts Besseres entstanden. Diese Periode der "Moderne" war für die Art des Bauens ein Segen. Wenn ich mir heutige neue Wohngebiete anschaue, dann fallen sie in Bezug auf Ordnungsprinzipien und den künstlerischen Anspruch des Bauhauses größtenteils durchs Rost. Das hat nichts mit dem Druck, kostengünstig bauen zu müssen zu tun. Darauf haben die Architekten der Klassischen Moderne der Bauhaus-Epoche auch geachtet, aber die Schönheit und die Wirkung des Gesamtensembles nie aus dem Blick verloren.

Mit Rolf Kuhn

sprach Christian Taubert

Zum Thema:
Mit "Unbekannte Moderne 2019" will die Energieregion Lausitz-Spreewald ein neues kulturtouristisches Angebot innerhalb der deutsch-polnischen Euroregion Spree-Neiße-Bober entwickeln und im Rahmen des 100. Bauhausjubiläums 2019 international präsentieren.Das deutsch-polnische Institut für Neue Industriekultur (INIK) in Cottbus, das 2005 aus der IBA hervorging, wird Bauten der Moderne in der Lausitz präsentieren. Dabei wird in Lubuskie eng mit der Landeskonservatorin Dr. Bielins-Kopec zusammengearbeitet. Bisher sind schon mehr als 30 Standorte in Südbrandenburg und Lubuskie auf der Liste der "Unbekannten Moderne 2019".Jene Bauten stehen für Weltoffenheit und Demokratiewillen, aber auch für Zukunftsglaube und Fortschrittsdenken. Architekten, die auch hier gewirkt haben, gingen in den 1930er-Jahren in die Welt. Ihre Spuren haben sie auf allen Kontinenten hinterlassen.Langfristig soll ein zweisprachiges Wegeleitsystem, eine Wanderausstellung und ein Reiselesebuch entstehen. In Cottbus ist darüber hinaus eine umfangreiche Fachausstellung zum Thema geplant.