Christiansen hatte mit ihren Gästen vor der Fußball-Weltmeisterschaft über das Thema „no go areas“ im Osten Deutschlands diskutiert.

Nicht mal eine Woche später jagten Rechtsextreme beim Stadtfest in Guben ein Häuflein Linksautonomer den frisch sanierten Boulevard Frankfurter Straße entlang. Mindestens vier junge Menschen wurden dabei zum Teil schwer verletzt.

Am Montag machten sie im Amtsgericht Guben ihre Aussagen. Übereinstimmend schilderten sie ihren Stadtfestbesuch am 3. Juni 2006 als ein Spießrutenlaufen auf der Festmeile.

Zuvor hätten sich dort wie auf Verabredung Neonazis getroffen und „Scheiß Zecken“ oder „Sieg Heil“ gebrüllt. Böses ahnend, so die Schilderung eines Zeugen in schwarzer Kluft und Irokesenschnitt, hätten sich die linken Jugendlichen am Grenzübergang versammelt, um das Stadtfest, die Frankfurter Straße zurück, wieder zu verlassen. „Wir dachten, in der Gruppe sind wir sicherer.“

Nazis trommeln Schläger zusammen. Weiter auf Seite 2.



Devise „nichts wie weg“

Ein Trugschluss, wie sich zeigen sollte. Der junge Gubener berichtete, wie er am Schopf gepackt, ein paar Meter mitgeschleift und dann mit dem Kopf zwei Mal gegen einen Imbisswagen geschleudert wurde. Noch schlimmer erging es einem 31-jährigen Punk aus Frankfurt (Oder). Er habe keine Erinnerung an das Stadtfest, sagte er. Mit Schädel-Hirn-Trauma, Prellungen im Gesicht und zwei ausgetretenen Schneidezähnen sei er irgendwann im Krankenhaus aufgewacht. Seine Freundin und weitere Zeugen füllten die Erinnerungslücke. Der 31-Jährige sei umgerissen und am Boden liegend zusammengetreten worden.

Die Neonazis hätten viel telefoniert, gab die Freundin des Verprügelten zu Protokoll. „Egal, wo man hingeguckt hat, waren plötzlich nur noch Rechte zu sehen.“ Auch einem Mitarbeiter der Gubener Jugendinitiative „Open Gate“ schien die rechte Attacke gezielt abgestimmt. Der Pädagoge hatte an diesem Abend mit Freunden ebenfalls das Stadtfest besucht – und geriet, als „Zecke“ beschimpft, mit in den Strudel rechter Gewalt.

Er habe sich verantwortlich gefühlt für die 20 bis 30 angegriffenen Jugendlichen und versucht, sie aus der Gefahrenzone zu bringen, so der 27-Jährige. „Die Leute einsammeln und nichts wie weg“, sei die Devise gewesen. Als er zwei Prügelnde erblickte und einschreiten wollte, habe ihn ein Freund weggezogen. Wenig später sei er selbst zu Boden gerissen worden. „Als ich mich aufrichten wollte, zog mir jemand eine Flasche über den Kopf.“ Mit einem Hämatom und Schürfwunden an den Händen kam der Gubener noch glimpflich davon.

Schlimmer als die körperlichen seien jedoch die seelischen Verletzungen, so die Überfallenen. „Ich traue mich auf keine öffentliche Veranstaltung mehr, ich schaue mich ständig um“, sagte der geschädigte Zeuge aus Frankfurt (Oder). Hinzu komme das Gefühl, von der Polizei im Stich gelassen worden zu sein.

Woran sie die Rechtsextremen erkannt hätten, fragten Richterin und Staatsanwalt die Zeugen. An den Parolen, der Kleidung, dem Verhalten, hieß es.

Angeklagter steht zu seiner braunen Ideologie: Mehr auf der nächsten Seite.


Über die Zahl der rechten Angreifer indes machten die Zeugen unterschiedliche Angaben. Einige seien vermummt gewesen. Wer im Einzelnen, welche Tat begangen habe, sei in der Hektik nicht zu erkennen gewesen.

Nur zwei der nach Zeugenaussagen bis zu rund 50 am Angriff beteiligten Rechtsextremen saßen gestern auf der Anklagebank. Der 23-jährige Lagerarbeiter Willi R., mittlerweile mit Wohnsitz in Cottbus, räumte auf Nachfrage eines der vier Opfer-Anwälte, seine rechte Gesinnung ein. Er gab auch zu, den im Gerichtssaal anwesenden Gubener mit Irokesenfrisur an den Haaren gepackt und zwei Mal mit dem Kopf gegen den Imbisswagen geschleudert zu haben. Dafür entschuldigte er sich gestern nochmals. Wer aus dem rechten Lager weiter an der Attacke beteiligt gewesen war, könne er jedoch nicht sagen. Willi R. wollte allein gegen die Linken angetreten sein. Ja, so mutig sei er, sagte er auf Nachfrage.

Polizisten sagen aus

Außer Willi R. ist noch Silvio G., 27-jähriger Maschinenführer mit abgebrochener Tischlerlehre aus Guben, der gemeinsam begangenen gefährlichen Körperverletzung angeklagt. G. verweigerte jede Aussage und wurde von den ersten vier Zeugen auch nicht als Täter wiedererkannt.

Allerdings geht das Stelldichein der Zeugen im Amtsgericht Guben noch weiter. Das Gericht hat drei weitere Verhandlungstage angesetzt. Unter anderem werden Polizisten und Security-Mitarbeiter aussagen. Beiden Angeklagten drohen Haftstrafen.