Der Öffentlichkeit blieb weitgehend verborgen, wer in den vergangenen zwei Monaten in einer Wohnung im Gemeindehaus der evangelischen Kirchengemeinde Guben lebte. Fünf Männer aus Eritrea wohnten hier für jeweils mehrere Wochen. "Der Gemeindekirchenrat hat das für jeden Einzelnen beschlossen", bestätigt Pfarrerin Elisabeth Rosenfeld diese Fälle von Kirchenasyl.

Mussie H. war der letzte der Schützlinge, der Anfang November das Kirchenquartier verließ. Der Fall des 39-Jährigen ist beispielhaft dafür, was auch seine Landsleute in den Schutz der Kirche trieb. Im September 2014 war er über das Mittelmeer nach Italien gekommen. Zwei Monate später stellte er in Deutschland einen Asylantrag.

Erste Ankunft in der EU

Im April 2015 wurde sein Antrag jedoch abgelehnt und seine Abschiebung nach Italien angeordnet. Dort war er als Flüchtling registriert worden. Hintergrund der Entscheidung, ihn nach Italien zurückzuschicken, ist das Dublin-Abkommen: Danach müssen Flüchtlinge in dem EU-Land Asyl beantragen, das sie zuerst betreten. Meist sind das die südlichen Länder der EU-Außengrenze: Italien, Griechenland, Bulgarien.

Aus "besonderen humanitären Gründen" kann Deutschland jedoch auf die Dublin-Regelung verzichten und die Asylverfahren an sich ziehen. Wenn Deutschland jedoch auf eine Rückschiebung in ein anderes EU-Land besteht, bleiben dafür nur sechs Monate Zeit. Dann wird Deutschland automatisch zuständig.

Für Mussie H. lief diese Frist im November aus. Er verließ danach die Gemeindewohnung. "Mein Mandant hat nichts mehr zu befürchten, sein Asylantrag wird jetzt in Deutschland geprüft", sagt sein Anwalt Mark Swatek.

Auch die anderen Eritreer suchten in Guben den Kirchenschutz, um einer Rückschiebung nach Italien zu entgehen. Mehr als 80 Prozent der Kirchenasyle bundesweit betrafen 2014 Dublin-Verfahren. In diesem Jahr sieht es ähnlich aus.

Gemeinden entscheiden

Mit etwa 200 bis 250 sei die Zahl der Kirchenasyle insgesamt in Deutschland seit mehr als einem Jahr stabil, so Barbara Killat, Landespfarrerin für Integration und Migration bei der Evangelischen Kirche Berlin- Brandenburg- schlesische Oberlausitz (Ekbo). "Das ist immer nur das letzte Mittel, aber Gemeinden können sich nach ernsten Überlegungen dafür entscheiden", so Killat. Eigentlich sei aber jedes Asyl eines zu viel: "Das sollte eigentlich nicht nötig sein."

Dass es doch nötig sei, zeige die Erfahrung, so Killat. Etwa 90 Prozent der Kirchenasyle führten dazu, dass die Flüchtlinge danach eine rechtlich geregelte Aufenthaltserlaubnis erhielten, machte auch Bischof Markus Dröge im Sommer deutlich. Kirchenasyl stehe jedoch nicht außerhalb der Rechtsordnung. Es gehe nur darum, in sensiblen Einzelfällen Zeit für eine gründlichere Prüfung zu schaffen.

Inzwischen haben die Kirchen in Deutschland eine ökumenische Bundesarbeitsgemeinschaft zum Thema Asyl in der Kirche gegründet und im Februar mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) eine Abmachung getroffen.

Darin einigten sich beide Seiten, dass nur eine drohende Überstellung nach dem Dublin-Verfahren nicht ausreicht, um die Kirchentüren zu öffnen. Es müsse immer im Einzelfall eine besondere Härte vorliegen. Beide Seiten benannten außerdem Ansprechpartner, um die Kommunikation zu verbessern. Noch in diesem Jahr soll eine Auswertung des Projektes erfolgen.

Auch bei den jüngsten Gubener Kirchenasyl-Fällen sei das Bamf schnell unterrichtet worden, versichert Pfarrerin Elisabeth Rosenfeld. Jeder aufgenommene Flüchtling sei anwaltlich vertreten gewesen und wurde von der Flüchtlingsberatung der Diakonie zur Aufnahme in das Kirchenasyl empfohlen.

Freiwillige Helfer nötig

Voraussetzung für die Aufnahme, so Rosenfeld, sei auch gewesen, dass genügend Gemeindemitglieder bereit waren, sich an der Versorgung der Betroffenen zu beteiligen und ihnen Gesellschaft zu leisten: "Die konnten ja in dieser Zeit nicht auf die Straße gehen, nichts einkaufen." Ein kirchliches Altenheim in der Nachbarschaft habe sich an der Versorgung beteiligt.

Die fünf Eritreer in Guben waren nicht die ersten Kirchenasylfälle in der Region, die Flüchtlingen eine Abschiebung nach Italien ersparten. Vor einem Jahr bezog ein christlicher Iraner ein Kirchenquartier im Dahme-Spreewald-Kreis, das er im März wieder verlassen konnte.

Zur selben Zeit fand eine iranische Familie, die zum christlichen Glauben übergetreten war, Schutz in einer Bautzener Kirche. Im Iran wird die Abkehr vom Islam streng bestraft, bis hin zur Todesstrafe. Auch hier übernahm Deutschland nach Ablauf der Sechs-Monats-Frist das Asylverfahren. Die Familie konnte die Kirchenräume verlassen.

Elisabeth Rosenfeld, die Gubener Pfarrerin, befürchtet, dass Kirchenasyl auch in Zukunft immer wieder nötig sein wird. Das hänge auch von der weiteren Flüchtlingspolitik in Deutschland ab. Sie selbst wird zum Jahresende siw Stadt Guben verlassen und in der kirchlichen Flüchtlingsarbeit der Ekbo tätig sein.

Zum Thema:
Mitte November befanden sich 446 Menschen in Deutschland an 281 Orten im Kirchenasyl, darunter 98 Kinder. 90 Prozent der Asyle betrafen Dublin-Fälle.Da Flüchtlinge sich nur einige Wochen oder Monate im Kirchenasyl befinden, kann aus Monatszahlen nicht leicht auf die jährliche Gesamtzahl Betroffener hochgerechnet werden.Von 212 im Jahr 2014 beendeten Kirchenasylen endeten 206 positiv. Die Betroffenen erhielten mindestens eine Duldung. Dreimal reisten die Flüchtlinge freiwillig aus, in zwei Fällen tauchten sie unter. Ein Kirchenasyl wurde 2014 geräumt.Die Geflüchteten, die 2014 Schutz im Kirchenasyl suchten, kamen überwiegend aus Afghanistan, Tschetschenien und dem Iran. Asyl gewährten im Vorjahr 296 evangelische, 85 katholische, 35 freikirchliche und zwei jüdische Gemeinden. Außerdem gab es zwölf ökumenische Asyle. Quelle: BAG Asyl in der Kirche