Für Professor Rolf Krämer ist alles vollkommen offen. "Wir befinden uns im Voruntersuchungsverfahren, bisher gibt es noch keinen Anfangsverdacht." Krämer ist Vorsitzender der Kommission der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) in Cottbus, die Plagiatsvorwürfen nachgeht. Das Gremium hat zurzeit den Auftrag, die Doktorarbeit von Detlev Dähnert, Leiter Bergbauplanung beim Energiekonzern Vattenfall, unter die Lupe zu nehmen.

Dähnert hatte 1999 an der BTU über technische und soziale Probleme bei Umsiedlungen promoviert. Auf einer Internetseite mit dem Namen "Vattenplag" wurde ihm vor vier Wochen vorgeworfen, dabei abgeschrieben zu haben. Die Seite tauchte im Forum der bekannten Plagiatsjäger von Vroniplag auf. Journalisten bekamen einen Tipp und berichteten. Nur zwei Tage vorher war "Vattenplag" erst im Netz eingerichtet worden.

Anders als die an der TU Berlin noch in der Prüfung befindlichen Plagiatsvorwürfe gegen den Forster Bürgermeister Jürgen Goldschmidt (FDP), macht sich Vroniplag den Verdacht gegen Dähnert nicht zu eigen. Und während Vroniplag zwar auf Anonymität seiner Aktivisten achtet, ist das Netzwerk für Journalisten jedoch erreichbar. Bei "Vattenplag" ist das anders.

Auch der Prüfkommission der BTU gelang es nicht, mit den Autoren der Seite über die dort angegebene Mail-Adresse in Kontakt zu kommen. Denn die Kommission hatte zunächst Mühe, die Unterlagen, aus denen abgeschrieben worden sein soll, zusammen zu bekommen. Die Papiere aus den 90er-Jahren sind wie die Doktorarbeit von Dähnert nicht in digitaler Form verfügbar und auch in Papierform nicht weit verbreitet.

Die Vattenplag-Seite selbst ist eine Unterdomain, die kostenlos von jedem eingerichtet werden kann. Ein Name, eine Anschrift und eine Mail-Adresse reichen aus. "Wir können bei der Vielzahl der Nutzer nicht überprüfen, ob alle Angaben zur Person wahrheitsgemäß ausgefüllt oder noch aktuell sind", sagt Ansas Meyer von der Firma, die diesen werbefinanzierten Service anbietet. Geprüft werde stichprobenweise und bei Verdacht auf Missbrauch.

Als Inhaber der Seite Vattenplag wurde eine "Initiative Redliche Wissenschaft" eingetragen. Unter der angegebenen Adresse in Berlin befindet sich ein riesiger Bürokomplex. Inzwischen ist die angegebene Mail-Adresse nicht mehr erreichbar. Deshalb wurde die Seite jetzt gesperrt. Wer vor Kurzem dort die angegriffene Dissertation und Quellen-Dokumente herunterladen wollte, hatte ohnehin keinen Erfolg.

Die "Grüne Liga", Umweltgruppe Cottbus stellt Interessenten auf Anfrage das Material gern zur Verfügung, so der Hinweis der Umweltaktivisten auf ihrer Internetseite. Die Daten habe er von der Vattenplag-Seite heruntergeladen, gleich nach den Presseberichten, sagt Rene Schuster von der Grünen Liga.

Sicher werden es Kritiker von Dähnert sein, die das ins Netz gestellt haben, vermutet er. "Vorstellen kann man sich das, jeder Umsiedlungsbetroffene hätte ja ein Motiv." Und auch für das Agieren aus der bewusst gesuchten Deckung der Netz-Anonymität hat er eine Erklärung: "Es gibt hier schon Leute, die Angst haben, in der Kohlefrage öffentlich ihre Meinung zu äußern."

Die Kommission der BTU prüft noch, ob es überhaupt einen Anfangsverdacht auf geistigen Diebstahl bei der Dissertation von Detlev Dähnert gibt. Erst wenn sich der bestätige, würde ein Hauptverfahren eingeleitet, so Kommissionschef Krämer. Es ist das zweite Mal, dass sich das Gremium mit solchen anonym geäußerten Vorwürfen auseinandersetzen muss. Im ersten Fall, der nicht über das Internet öffentlich gemacht wurde, war an dem Vorwurf nichts dran.

Professor Debora Weber-Wulff lehrt internationale Medieninformatik in Berlin. Sie verteidigt auch in Zusammenhang mit Plagiatsvorwürfen die Anonymität des Internets als "hohes Gut", fordert aber einen differenzierten Umgang damit: "Nicht alles, was im Internet veröffentlicht wird, stimmt. Wir müssen lernen, was verlässliche Quellen sind." Ein Forum, wo jeder seine Meinung veröffentlichen könne, sei eben etwas anders, als die Hauptseite einer Institution.

Verlässlich sind für Weber-Wulff Informationen aus dem Netz, die von zwei voneinander unabhängigen, glaubwürdigen Quellen berichtet werden. Ein Impressum mit erreichbarer Mail- und Postadresse und nachprüfbarer Anschrift sei dabei eine Voraussetzung.

Professor Günter Schulz, Präsident der Hochschule Lausitz (FH) in Senftenberg, beurteilt die Entwicklung ambivalent. Einerseits gehe geistiger Diebstahl an die Substanz und sei nicht zu tolerieren. Andererseits sei das Internet ein sehr schnelles und wo gewollt auch anonymes Medium: "Sie können da schnell jemanden stigmatisieren." Die Schlagzeile eines Verdachtes werde stärker wahrgenommen als eventuell später ein Dementi.

Zu dem anonym veröffentlichten Plagiatsvorwurf gegen Dähnert will sich Schulz inhaltlich nicht äußern: "Das muss die BTU klären." An der Fachhochschule Lausitz ist Dähnert seit zehn Jahren Honorarprofessor. "Aus dieser Zusammenarbeit kenne ich ihn als wissenschaftlich redlichen Partner", so der Hochschulpräsident.

Auch Matthias Koziol, Vizepräsident der BTU in Cottbus, sieht es als problematisch an, wenn anonym Plagiatsverdächtigungen ohne jede Prüfung durch Fachgremien verbreitet werden.

"Es wäre seriös, erst in die Öffentlichkeit zu gehen, wenn klar ist, dass der Verdacht berechtigt ist." Jeder könnte sich dafür an die Einrichtung wenden, an der der Doktortitel vergeben wurde. "Man beschädigt jemanden, wenn sich der Vorwurf gegen ihn nicht erhärtet", warnt Koziol.