In der vorigen Woche flatterte Winfried Gutschwager das Schreiben von der Arbeitsagentur ins Haus, das ihn zu einer „Informationsveranstaltung für landwirtschaftliche Saisonarbeit“ am 22. März um elf Uhr einlud. Verwundert versuchte Gutschwager sofort per Telefon zu klären, dass es sich nur um einen Irrtum handeln könne. Dabei erfuhr er, dass es um die Spargelernte geht. Aber: Der Diabeteskranke hatte während eines über einjährigen Krankenhausaufenthaltes im vergangenen Jahr beide Beine verloren. Die Ärztekommission hat ihn als hundert Prozent schwerbehindert eingestuft. Vom Rententräger bekommt er seit Dezember eine „Rente wegen voller Erwerbsminderung“ .

Alles schriftlich eingereicht
„Das alles liegt dem Arbeitsamt doch schriftlich vor“ , so der Finsterwalder. Noch vom Krankenbett aus hatte er seine Le bens gefährtin mit den Dokumenten zum Job-Center geschickt, damit alles seine Richtigkeit hat.
Am nächsten Morgen erhielt Gutschwager einen Anruf, wonach er den Termin für die Saisonarbeit wahrzunehmen habe, weil er noch Leistung beziehe. Aus Angst, dass er das Arbeitslosengeld II, das seine Lebensgefährtin bekommt, riskiert, tat er, wie ihm geheißen. Die RUNDSCHAU begleitete ihn.
Abgesehen davon, dass nicht nur Winfried Gutschwager Job-Center und die benachbarte Arbeitsagentur schwer aus ein anderhalten kann, konnte am Mittwoch recht schnell geklärt werden, dass eine Arbeit als Erntehelfer für ihn nicht mehr infrage kommt. Ein entsprechender Eintrag - Gutschwager war vor Jahren mal in der Spargel- und später in der Gurkenernte - sei im Computer noch nicht gelöscht worden. Deshalb habe man ihn wie viele andere angeschrieben. „Entschuldigung, das war ein Versehen“ , so eine freundliche Arbeitsvermittlerin vom Job-Center. Aber Winfried Gutschwager ließ sich so schnell nicht abwimmeln, wollte ausschließen, dass ihm Gleiches noch einmal passieren kann. „Warum bin ich überhaupt noch im Computer„ Ich bin Rentner und habe mit dem Arbeitsamt nichts mehr zu tun“ , fragte er. „Ich gehe heute erst weg, wenn ich das schriftlich habe und auch, dass meine Frau weiter Arbeitslosengeld II bezieht.“
Doch die Leistungsabteilung des Job-Centers hat mittwochs keinen Sprechtag. Auch die wiederholte Bitte der Arbeitsvermittlerin, die die Kollegen im Hause anrief, änderte nichts daran. Die Computer in der Leistungsabteilung funktionierten nicht, was eine Auskunft ohnehin unmöglich mache. Gutschwager lebe aber in einer Bedarfsgemeinschaft und käme dadurch in den Genuss von Wohngeld, das seiner Frau angerechnet werde.
Die Arbeitsvermittlerin, die sich des Rollstuhlfahrers angenommen hatte, bat drei Mitarbeiter - darunter auch den Teamleiter der Leistungsabteilung - direkt mit Winfried Gutschwager zu sprechen. Doch keiner der Angesprochenen verließ seinen Bürostuhl. Begründung: Kein Sprechtag, Herr Gutschwager braucht einen Termin.

Termin am 6. April
Dass das nicht so einfach sei, weil er „nicht so gut zu Fuߓ ist, störte die Mitarbeiter nicht. „Ich muss mir immer jemanden organisieren, der mich fährt und trägt“ , erklärte der Rollstuhlfahrer. „Am 27. März vielleicht““ , wurde ihm angeboten. „Ach nein, geht nicht. Da wird das Computerprogramm umgestellt. Dann am 6. April. Früher geht's nicht.“ Auch nicht auf Bitte der Arbeitsvermittlerin.
Wilhelm Lappe, Geschäftsstellenleiter des Job-Centers, verteidigte noch am gleichen Tag die Handlungsweise seiner Mitarbeiter. „Der Mittwoch ist kein Sprechtag. Da soll es keine Ausnahmen geben. Die Mitarbeiter brauchen die Zeit, um sich schwierigen Fällen zu widmen. Der Tag soll ein störungsfreies Arbeiten ermöglichen.“ Im Übrigen sei nicht jeder Rentner gleich erwerbsunfähig, das müsse genauer hinterfragt werden. „Auch ein Beinamputierter könnte theoretisch noch drei Stunden am Tag Telefondienst machen“ , fügte er als Beispiel an.
Eine „Rente wegen voller Erwerbsminderung“ schließe Herrn Gutschwager vom Personenkreis der Erwerbsfähigen aus, heißt es dagegen beim Sozialamt des Landkreises Elbe-Elster. Damit gelten er und seine Lebensgefährtin auch nicht mehr als Bedarfsgemeinschaft, sondern als Haushaltsgemeinschaft, in der es nur einen Erwerbsfähigen gibt - die Frau.