Allerdings: In Elmau war diese Fähigkeit kaum gefragt.

Für Merkels Durchbruch auf der ganz großen Bühne war ihr erster G8-Gipfel vor acht Jahren in Heiligendamm ungleich wichtiger, wie der Vergleich zeigt. Damals war die Kanzlerin noch frisch im Amt, nicht jeder der Teilnehmer nahm sie vorher wirklich ernst. Das Treffen an der Ostseeküste war ihre Reifeprüfung. In Heiligendamm bestimmten drei Alphatiere Atmosphäre und Themen: Zum einen der damals gerade gewählte französische Präsident Nicolas Sarkozy, der außer einem bizarren Presseauftritt in offenbar leicht angetrunkenem Zustand aber weiter nicht auffiel.

Viel schwieriger war zum anderen George W. Bush, der auftrat, als ob ihm der Rest der Welt egal sei. Auf der anderen Seite Wladimir Putin, der schon damals anfing, sich unwohl zu fühlen im Kreis der West-Mächte. Beide hatten im Vorfeld über die US-Raketenabwehr in Ost-Europa heftig gestritten. Angela Merkel schuf in jenem Juni so etwas wie den "Geist von Heiligendamm", eine familiäre Tagungsatmosphäre, fast ein beschwingtes Urlaubsgefühl. Der Strandkorb, in dem das Familienfoto aufgenommen wurde, war dafür das Sinnbild. Bush und Putin fanden im Vieraugen-Gespräch einen Kompromiss in Sachen Raketenabwehr, und dann leierte die Kanzlerin Bush noch das Zugeständnis aus den Rippen, dass über das Weltklima nun doch die Uno verhandeln solle. Damit konnte der Prozess für ein neues Kyoto-Abkommen weitergehen. Merkel war so euphorisiert über ihren Erfolg, dass sie damit sofort vor die Presse ging, das Papier mit dem Kompromiss in der Hand.

Das Ziel, die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, war damals nur sehr verklausuliert erwähnt. Mehr ließ Bush nicht zu. Eine verbindliche Festlegung aller G7-Staaten darauf gelang Merkel erst jetzt in Elmau. So lange dauern manchmal die Prozesse. Heiligendamm war Merkels Durchbruch auf der internationalen Bühne. Die Staatschefs der Welt schätzen seitdem ihre Fähigkeit zur Moderation. Alpha-Männchen können ihr Ego nicht so zurückstellen, wie sie es kann.

In Elmau freilich fehlten scharfe Gegensätze zwischen den Gipfelteilnehmern. Putin war ausgeladen, und der jetzige US-Präsident Barack Obama ist viel multinationaler orientiert als Bush es war. Konflikte untereinander gibt es nicht. Diesmal war Angela Merkel weit mehr gute Gastgeberin als engagierte Vermittlerin. Außerdem musste sie sich nicht mehr profilieren, sie ist schon lange die mächtigste Frau der Welt.

Allerdings ist auch die Bedeutung der Treffen geschrumpft. 2007 lancierte Merkel noch die Idee eines "Heiligendamm-Prozesses". Damit wollte sie Schwellenländer wie China und Indien einbeziehen. Freilich immer noch als eine Art Zaungast. Darüber ist die Geschichte schnell hinweggegangen. Das G20-Format ist inzwischen viel wichtiger als G7. In Elmau verzichtete Merkel nach dieser Erfahrung auf solche oder andere Reformvorstöße.

Angela Merkel dürfte nach nunmehr fast zehn Kanzlerjahren gelernt haben, dass die Mühlen auf der internationalen Ebene viel langsamer mahlen als man denkt. Ehrgeizige Ideen bringen Schlagzeilen, helfen aber meist nicht weiter. Worauf es ankommt, ist, diese Mühlen irgendwie in Schwung zu halten. Wenn es sein muss mit Weißwurst und Weizen.

Zum Thema:
Die Polizei hat beim G7-Gipfel mit deutlich mehr Demonstranten und Gewalt gerechnet. 300 bis 500 Aktivisten in Garmisch-Partenkirchen seien "eindeutig gewaltbereite Autonome" gewesen, sagte Polizeisprecher Hans-Peter Kammerer am Montag. Bislang habe es aber "keine nennenswerten Störungen" gegeben. Die Polizei habe durch ihre massive Präsenz deutlich gemacht: "Wer nicht friedlich demonstriert, könnte danach ein Problem bekommen." Diese Strategie sei aufgegangen. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) hatte vor Beginn des G7-Treffens gesagt, er rechne mit 2000 bis 3000 gewaltbereiten Demonstranten. Nach Angaben Kammerers wurden acht Polizisten verletzt, einer von ihnen schwer. Dieser habe bei der Demonstration am Samstag Feuerlöschpulver eingeatmet. 72 Menschen seien vorübergehend in Gewahrsam genommen worden.