"Dabei ist die Suizidrate in den neuen Ländern höher als im alten Bundesgebiet", sagt der Direktor der Dresdner Universitätsklinik für Psychiatrie, Werner Felber. Dies sei jedoch nicht überraschend. Generell gebe es ein "gewisses Ost-West-Gefälle". Während sich in Russland und den baltischen Staaten 40 Menschen pro 100 000 Einwohnern selbst töteten, liege diese Zahl in den Niederlanden bei acht, erläutert der ehemalige Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

Sachsen hat höchste Suizidrate
In Deutschland weisen die höchsten Suizidraten Erhebungen zufolge Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt auf, die niedrigsten Werte Nordrhein-Westfalen, Saarland und Hessen. Bei den Großstädten melden Hamburg und Bremen die meisten Freitode.
"Deshalb ist es auch nicht gerade überraschend, dass in der DDR die Selbsttötungsrate im Durchschnitt um 50 Prozent höher lag als in der Bundesrepublik", sagt der Leipziger Historiker Udo Grashoff. In Ostdeutschland wählten jährlich etwa 5000 bis 6000 Menschen den Freitod und damit durchschnittlich 30 pro 100 000 Einwohner. In Westen habe diese Zahl bei 20 gelegen. Damit nahm dem Wissenschaftler zufolge die DDR seit ihrem Bestehen im weltweiten Vergleich der Selbsttötungsraten einen Spitzenplatz ein.
Grashoff legt erstmals eine Analyse über Selbstmorde in der DDR von 1949 bis 1990 vor. Das Buch des in Halle an der Saale geborenen studierten Biochemikers "In einem Anfall von Depression . . . " beruht auf der Auswertung mehrerer tausend Suizidfälle.
"Die Entwicklung bei den Selbsttötungen hat mit dem politischen System wenig zu tun", betont Grashoff. "Die DDR hat die hohen Suizidraten geerbt. Diese gab es auf dem Territorium bereits im 19. Jahrhundert." Die Hauptursache liege eher in der protestantischen Tradition vieler ostdeutscher Landstriche, wogegen Selbsttötungen in katholisch geprägten Gebieten generell geringer seien. "In letzteren gilt es als eine Todsünde, sich selbst zu töten", erklärt Grashoff.

Alte Menschen gefährdet
Überdurchschnittlich hoch war dem Autor zufolge in der DDR die Zahl der Suizide bei alten Menschen. In der Hälfte aller Fälle seien es Rentner gewesen. Im Westen habe die Quote bei etwa 30 Prozent gelegen. Fehlende Lebensperspektiven, Einsamkeit und Krankheiten sieht er als Gründe für die hohe Zahl von Todesfällen in dieser Altersgruppe. Jedoch stelle die "sehr hohe Selbsttötungsneigung alter Menschen" nichts DDR-Typisches dar. Dies habe es schon um 1900 in Sachsen gegeben.
Den generellen Rückgang der Suizide seit Mitte der 80er-Jahre führt Klinikprofessor Felber wesentlich darauf zurück, dass das giftige Stadtgas durch Erdgas ersetzt wurde. Jede Zweite, der in der DDR den Freitod wählte, habe nämlich den Gashahn aufgedreht - etwa ein Fünftel der Männer und ein Drittel der Frauen.
In 90 Prozent der Fälle nehmen sich den Untersuchungen zufolge Menschen aufgrund von Depressionen das Leben, hat Felber festgestellt. Außergewöhnliche Belastungen, Probleme oder Konflikte in den Beziehungen mit nahe stehenden Personen seien oft die Auslöser. In den meisten Fällen gibt es Felber zufolge vorher jedoch keine Hinweise auf eine Selbsttötungsabsicht. In 40 bis 60 Prozent der Suizide würden Abschiedsbriefe bei der Leiche gefunden.
Udo Grashoff: "In einem Anfall
von Depression . . . " -
Selbsttötungen in der DDR,
Ch. Links Verlag, Berlin,
29,90 Euro,
ISBN 3-86153-420-7