Ein Oberstdorfer Hotelier kam zu ihm wegen eines Gamsbartes, den er in Österreich für vermeintlich günstige 300 Euro gekauft hatte. "Keine fünf Euro war der wert", sagt der einzige verbliebene Allgäuer Gamsbartbinder. Dabei sind die 300 Euro des Hoteliers ein eher geringer Verlust. Häufig gehen für gefälschte Gamsbärte 1000 Euro und mehr über den Tisch. Da es in Bayern außer Otto Schall nur noch einen weiteren Bartbinder bei Mittenwald gibt, ist die Nachfrage größer als das Angebot.

Eine aufwendige Tätigkeit
Das Gamsbartbinden - oder wie es im Allgäu heißt, das Gämsbartbinden - ist eine höchst aufwändige Tätigkeit. Hochkonzentriert läuft Schalls Arbeit ab. Fast etwas andächtig packt der drahtige Mann mit dem grauen Bart und den lockigen grauen Haaren seine Utensilien aus, die er für sein selten gewordenes Hobby braucht. Die alte Blechkiste wird geöffnet und es kommt ein Reagenzglas nach dem anderen zum Vorschein. "In den Gläsern bewahre ich die zu kleinen Bündeln gebundenen Gämshaare auf", erklärt Schall. 20 bis 30 Gamsbärte stellt er pro Jahr her.
Der mächtige Kopfschmuck ist seit etwa 1850 auch in diesem eigenwilligen Teil Bayerns der Stolz eines jeden gestandenen Jägers, Volksmusikers oder jagenden Adeligen. Als der bayerische Prinzregent Luitpold damals ins Allgäu kam, gab es - anders als in Oberbayern - in dieser Region zwar viele Gämsen, aber keine Gamsbart-Tradition. Das hat sich gehörig geändert. Über 1000 Prachtstücke dieses ausgesprochen wertvollen Büschels gebundener Haare haben schon Schalls Gamsbart-Binderei an einem Seitenweg nahe der Skiflugschanze von Oberstdorf verlassen.
"Es ist eine wahnsinnige Geduldsarbeit und manchmal ist es auch ein wenig langweilig", räumt der Steinmetz im Ruhestand ein. "Aber es reizt mich einfach, dass das kaum mehr jemand beherrscht." Zehntausend Gamshaare muss er für einen kapitalen Gamsbart in kleine Büschelgruppen zusammenbinden. 40 gleich lange Borsten geben ein Büschel, und 250 solcher Büschel unterschiedlich langer Borstengruppen ergeben nach rund 20 Stunden penibler Fein- und Kleinarbeit einen prächtigen Gamsbart.

Gezupft, nicht geschnitten
Gut und gerne über 1000 Euro kosten gut gemachte Gamsbärte, wobei das teuerste die Borsten sind. Das Binden selbst schlägt mit rund 80 Euro zu Buche. Fünf Gamsböcke müssen gerupft werden, bis die Haare für einen kompletten Gamsbart reichen. Schon als Bub sind Schall und seine Freunde nach jedem Lawinenabgang losgezogen und haben nach Gamsböcken geschaut, die mitgerissen wurden. "So haben wir uns ein Taschengeld verdient", erinnert er sich.
Geschossen werden dürfen die Gämsen kaum. Und so gehört die Lawinenabsuche auch heute noch zu Schalls Haupttätigkeiten im langen Bergwinter. "An Ort und Stelle werden von den Gämsen die Haare gezupft, nicht geschnitten. Sie werden auch beim Binden nicht gekürzt, sondern sortiert und zu kleinen Büscheln mit ganz feinen Schlingen zusammengebunden. Am Schluss darf kein einziges Haar aus dem Gamsbart herausstehen."
Weil Gamsbärte sehr begehrt sind, rufen sie natürlich auch jede Menge Fälscher auf den Plan. "Bei manchen Trachtenfesten sehe ich, dass jeder dritte bis fünfte Gamsbart, der mit großem Stolz getragen wird, eine Fälschung ist", sagt der Experte, der neben vielen Privatexpertisen auch schon zweimal als Gerichtsgutachter in Prozessen in Kempten aufgetreten ist. Pferdehaare und Hirschhaare, versetzt mit ein paar echten Gamshaaren, wurden da zu horrenden Preisen angeboten.
Der Gamsbart-Experte betont: "Das Kennerauge sieht sofort, dass nicht die natürliche Farbe eines prächtigen Gamsbockes der Ursprung des vermeintlichen Prachtstücks ist, sondern lediglich mit Wasserstoffsuperoxid gebleichte Rosshaare."