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| 15:42 Uhr

Im Januar 1975 raste eine MiG 21 in Cottbus in ein Wohnhaus

Das Foto zeigt ein NVA-Jagdflugzeug in der Wand eines Wohnhauses in Cottbus, Schmellwitzer Straße 2, im Januar 1975. Das Flugzeug steckte mit seiner gesamten Länge im Gebäude.
Das Foto zeigt ein NVA-Jagdflugzeug in der Wand eines Wohnhauses in Cottbus, Schmellwitzer Straße 2, im Januar 1975. Das Flugzeug steckte mit seiner gesamten Länge im Gebäude. FOTO: BStU (LR-COS-REM-326)
Cottbus. Im Januar 1975 ereignete sich in Cottbus das schwerste Unglück mit einem Militärflugzeug in der DDR. Über die sechs zivilen Todesopfer kursieren bis heute falsche Angaben. Die RUNDSCHAU fand ihre Namen in Stasiakten. Simone Wendler

Der 14. Januar 1975 war ein Dienstag. Die 20-jährige Rosemarie A. lebte damals in Cottbus in einem Wohnblock in der Schmellwitzer Straße. Ein fünfgeschossiger Plattenbau mit mehreren Eingängen, wie sie in großer Zahl überall in der DDR errichtet wurden. Der zweite Aufgang war ein "Ledigenwohnheim" des nahegelegenen Textilkombinates.

Rosemarie A., die aus Wittenberge kam, hatte kurz vor zehn Uhr noch Besuch von ihrem Freund, den sie im Frühjahr heiraten wollte. Der ging nach kurzer Zeit wieder und verließ das Haus. Rosemarie A. war eine halbe Stunde später tot. Bis zur Unkenntlichkeit verbrannt lag sie im Korridor einer Wohnung in der dritten Etage.

Dort war zehn Minuten nach zehn ein NVA-Flugzeug vom Typ MiG 21 SPS hineingerast. Es befand sich auf einem routigemäßigen Übungsflug und trug keine Munition. Bis zur anvisierten Landebahn des Cottbuser Militärflugplatzes waren es nur noch etwa zwei Kilometer. Jeweils einer der schmalen seitlichen Tragflächen durchschlug die Wohnungen rechts und links des Treppenhauses in dieser Höhe.

800 Liter Kerosin

Eine Betonwand, die längs in Flugrichtung stand, stoppte nach Schilderung eines Feuerwehrmannes die Maschine, bevor sie auf der Rückseite des Hauses herauskam. Rund 800 Liter Kerosin aus den zerstörten Tankstoffbehältern entfachten ein Feuerinferno mit Temperaturen um eintausend Grad Celsius.

Dem fielen auch Helga R. und Rosita N. zum Opfer. Die beiden jungen Frauen, 20 und 21 Jahre alt kamen aus Drochow, einem Dorf, das heute zur Gemeinde Schipkau (Oberspreewald-Lausitz) gehört. Sie bewohnten gemeinsam ein Zimmer im Ledigenheim, in dem sie an diesem Samstagvormitag auch zusammen starben.

In der Nachbarwohnung fand die 19-jährige Christine M. aus Wittmannsdorf, heute ein Ortsteil von Luckau, den Tod. Das fünfte zivile Todespfer war die 52-jährige Polin Maria S.. Sie war ein halbes Jahr vorher dauerhaft in die DDR übergesiedelt und in ihrem Heimatland keine Angehörigen mehr hatte.

Im Krankenhaus gestorben

Ein weitere Frau, vermutlich eine 26-jährige Polin, die mit einer schweren Rauchgasvergiftung auf die Intensivstation des Cottbuser Krankenhauses eingeliefert wurde, starb dort später. Fünf weitere Bewohner des Unglückshauses wurden schwer verletzt, meist weil sie in Panik aus den Fenstern sprangen.

Sie erlitten schwere Knochenbrüche und innere Verletzungen. Einer Frau wurde ein Arm abgetrennt, als sie beim Sprung in die Tiefe auf das Metallgeländer einer Kellertreppe aufschlug.
Der 33-jährige Pilot der Unglücksmaschine, Peter Makowicka, hätte überleben können. Trotz Aufforderung des Flugleiters, sich mit dem Schleudersitz herauszukatapultieren, versuchte er das Flugzeug, das dramatisch an Höhe verlor, noch über die dichte Bebauung in Schmellwitz hinweg zu ziehen.

Wäre das Flugzeug früher abgestürzt, hätte es vermutlich Hunderte Tote gegeben. Die Maschine raste über die Produktionshallen des Textilkombinates, eine Schule, einen Kindergarten, Wohnhäuser. Zwei Tage nach seinem Tod wurde Makowicka postum der "Kampforden für Verdienste um Volk und Vaterland" der DDR in Gold verliehen.

Offene Wartungsklappe

Die Ursache des folgenschweren Unglückes war die Fahrlässigkeit eines Flugzeugtechnikers. Eine Wartungsklappe, die sich im Fahrwerksschacht befand, war von ihm nicht ordnungsgemäß mit allen Schrauben befestigt worden. Das eingeklappte Fahrgestell verhinderte jedoch während des Fluges zunächst, dass sich die Klappe lockerte.

Mit der interaktiven Karte bekommen Sie einen Überblick über den Flugzeugabsturz 1975. Unglücksort, das DRK, Textilkombinat, die Landebahn des Flugzeuges, das Krankenhaus, der Hausblock in der Schmellwitzer Straße und die Berufsfeuerwehr sind eingezeichnet. Wenn Sie mehr über die einzelnen Standorte erfahren möchten, klicken Sie bitte auf die roten Markierungen.

Als Makowicka beim Landeanflug das Fahrwerk ausfuhr, löste sich die Klappe, das Triebwerk zog Nebenluft und ging aus. Die Maschine stürzte ab. Der Flugzeugtechniker, der die Wartungsklappe nicht ordnungsgemäß verschraubt hatte, wurde drei Monate nach dem Unglück vom Militärobergericht zu fünf Jahren Haft verurteilt.

Der Unglücksort in der Schmellwitzer Straße in Cottbus wurde nach dem Absturz sofort weiträumig abgesperrt. Das Flugzeugwrack wurde noch am Nachmittag geborgen und die Hauswand ausgebessert. Militärstaatsanwaltschaft und Polizei nahmen die Ermittlungen auf. Der unmittelbare materielle Schaden betrug 750.000 DDR-Mark.

Evakuiert im Nachthemd

Dass es nicht mehr Todesopfer und Schwerverletzte gab, war ein Glücksfall. Denn allein in dem Hauseingang, in dem die Maschine einschlug, lebten 61 Menschen. Der überwiegende Teil von ihnen war zum Zeitpunkt des Unglücks jedoch nicht zu Hause.

182 Bewohner des gesamten Neubaublockes, darunter 41 Kinder wurden wähernd der Lösch-, Bergbungs- und Aufräumungsarbeiten evakuiert. Unter ihnen waren 82 polnische Gastarbeiterinnen. Einige trugen nur Nachtwäsche am Leibe, mit der sie aus dem Haus gerannt waren. Sie schliefen nach der Nachtschicht, als das Flugzeug einschlug.

Diese und andere Details, die Indentität der Todesopfer und die Zahl der Verletzten waren bisher der Öffentlichkeit in der Region nicht bekannt. Diese Informationen finden sich in erhalten gebliebenen Unterlagen de Ministeriums für Staatssicherheit, die die RUNDSCHAU einsehen konnte. Daraus geht auch hervor, dass die Wut vieler Cottbuser über das Flugzeugunglück und die Angst vor weiteren derartigen Katastrophen groß waren.

Nur einen Tag nach dem Absturz lieferten zahlreiche Spitzel schriftliche Berichte dazu ab. Darin wurde klar, was viele Cottbuser forderten: Die Düsenjäger mit ihrer Einflugschneise über dichte Wohnbebauung müssen weg. Im Textilkombinat drohten Arbeiter mit Streik und Unterschriftensammlungen, wenn die Jagdflieger weiter über sie donnern.

Mütter wollten ihre Jüngsten nicht mehr in Kindergärten in der Einflugschneise bringen. Mieter in der Nachbarschaft des Unglücksortes gingen zum Rat der Stadt und forderten Wohnungen in anderen Stadtteilen. Schon vorher hatten die Cottbuser unter dem ständigen Fluglärm der Jagdflieger gelitten. Der Absturz mit Todesopfern und Schwerverletzten brachte für viele das Fass zum Überlaufen.

Einer der nach Auffassung der Staatssicherheit zu "aufmüpfig" eine andere Wohnung für sich und seine Familie forderte, bekam Besuch vom Geheimdienst. Er wurde laut Stasi-Bericht "ernsthaft verwarnt". Der Mann hatte in einer "Eingabe" an den Rat der Stadt Cottbus formuliert: "Ich dulde nicht, dass meine Familie weiterhin in einer Gegend wie dieser Einflugschneise einem Glücksspiel ausgesetzt wird."

Ein Stasizuträger mit dem Decknamen "Waltraud" meldete, dass sogar unter den Mitarbeitern des Rates des Bezirkes die Verlegung der Jagdflieger raus aus Cottbus gefordert wurde.

Flugplatzbau in Holzdorf

Doch die Angst vor einem weiteren Unglück mit Toten war offenbar auch bei den Verantwortlichen von Partei und Regierung groß. Denn als Konsequenz des Absturzes im Januar 1975 wurde bald danach mit dem Bau des Militärflugplatzes Holzdorf (Elbe-Elster) an der Grenze zu Sachsen-Anhalt begonnen.

1982 wurde das Jagdgeschwader von Cottbus nach Holzdorf verlegt und durch Kampfhubschrauber ersetzt, von denen für die Bewohner der Stadt nicht so eine hohe Gefahr ausging. Eine MiG 21, die zwölf Jahre später in das Cottbuser Bildungszentrum stürzte (RUNDSCHAU berichtete ausführlich), war in Drewitz stationiert. Sie stürzte nur in der Stadt ab, weil der Pilot auf dem Flugplatz notlanden wollte.

Trauerfeier unter Beobachtung

Die Angehörigen der jungen Lausitzerinnen, die bei dem Absturz im Januar 1975 in Cottbus ums Leben kamen, wurden materiell unterstützt, aber auch ängstlich beobachtet. Besonders eine Familie hatte die Staatssicherheit dabei im Blick, weil die gerade "Westbesuch" hatte.

Drei Tage nach dem Absturz fand im Textilkombinat eine Trauerfeier für Betriebsangehörige statt. Die Staatssicherheit hatte Sorge, dass diese Familie, die "unserer Republik nicht wohlgesonnen ist", den Wunsch äußern könnte, an dieser Feier teilzunehmen. Es herrschte Einigkeit darüber, dass alles getan werde müsse, um das zu verhindern.

Schwager bringt Todesnachricht

Einige Angehörige der Opfer wohnen heute noch in der Lausitz. Dazu gehören die Geschwister von Helga R. aus Drochow. "Ich bin am Abend vorher noch zusammen mit ihr im Bus nach Senftenberg zum Bahnhof gefahren", erinnert sich ihre heute 60-jährige Schwester Christa L.. Helga musste nach Cottbus, weil sie Nachtschicht gehabt habe, die Erste nach einer langen Krankschreibung. "Sie hatte noch gar keine Lust, wieder arbeiten zu gehen und ich habe noch aus Spaß gesagt, ich schreibe dir eine Entschuldigung", erinnert sich die Schwester der Toten.

Die Todesnachricht habe am nächsten Tag ihr Mann gebracht, sagt Christina L. . Der sei damals gerade in Cottbus auf der Bezirksparteischule gewesen: "Die wurden dann alle zur Unglücksstelle hin geschickt, um zu helfen." Da habe er erfahren, dass seine Schwägerin unter den Todesopfern ist.

Sie selbst sei damals hochschwanger gewesen, sagt Christa L.. Aus Sorge um das kommende Baby habe die Familie sie nicht mit auf die Beerdigung der Schwester gelassen. Helga, zu der sie ein sehr gutes Verhältnis hatte, habe ihr noch Kindersachen aus dem Urlaub mitgebracht. "Die hat sich sehr mit mir auf mein Baby gefreut und dann hat sie es nicht mehr gesehen."

Vier Wochen nach dem Tod von Helga R. kam die Tochter ihrer Schwester zur Welt. Beide Ereingisse sind für Christa L. durch die zeitliche Nähe für immer verknüpft. Vor wenigen Tagen fuhr Christa L. mit dem Auto zur Geburtstagsfeier ihrer längst erwachsenen Tochter. Auf dem Weg dahin, erzählt sie, habe sie unterwegs am Straßenrand anhalten müssen. Die Erinnerung an den Tod ihrer Schwester Helga sei wieder wach geworden: "Das ist jetzt schon 39 Jahre her, aber ich vergesse das bis heute nicht."

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.detailArticle .articleHeader hgroup {display:none !important}.detailArticle .articleHeader .vorspann {display:none !important}Ein Feuer, wie aus einem Flammenwerfer

Ein Feuerwehrmann erinnert sich an die schwierige Brandbekämpfung nach dem Absturz

Der Cottbuser Ulrich Böhrold war sein ganzes Berufsleben lang Feuerwehrmann, mit Leib und Seele. Der 68-Jährige hat dabei auch viele Tote gesehen. Opfer von Bränden, Unfällen, Selbstmörder. An den Flugzeugabsturz 1975 erinnert er sich trotzdem noch recht gut: "Das war schon ein besonderer Einsatz". Böhrold war damals 29 und Löschmeister.

Er war an diesem Vormittag mit seinen Kameraden beim Dienstsport auf einem Sportplatz im Bildungszentrum, als sie über Schmellwitz eine dicke Rauchwolke aufsteigen sahen. "Über Funk kam dann auch gleich der Einsatzbefehl."

Feuerkegel aus den Fenstern

Böhrold kam auf der Balkonseite an dem brennenden Gebäude an. Dass da ein Flugzeug drinsteckte, habe er erst später gesehen, als er um das Haus herumgegangen sei. Beeindruckend sei die Intensität der Flammen gewesen: "Da standen an den Fenstern richtige Feuerkegel nach außen, wie bei einem Flammenwerfer."

In der vierten Etage sei dann eine Frau kurz am Fenster aufgetaucht. Die Feuerwehrleute bedeuteten ihr, sie soll nach hinten in die Wohnung gehen. Ulrich Böhrold versuchte, über eine Schiebeleiter zu ihr emporzugelangen. Mehrmals versuchte er, aufzusteigen, doch er musste immer wieder umkehren: "Ich habe es vor Hitze so dicht an der Wand nicht ausgehalten."

Überlebt in Löschwasserlache

Ein Kollege habe es dann mit einer Drehleiter geschafft, in die Wohnung zu gelangen. "Die Frau lag dort in knöchelhoch stehendem Löschwasser." Über die Drehleiter wurde sie ins Freie gebracht und gerettet. Später war Böhrold dann auch im Haus dabei, um nach Todesopfern zu suchen. Der Anblick sei schlimm gewesen, sagt er. Im Hausflur hingen Betonteile und Kabel herunter, dazwischen der tote Pilot.

Dass er über die Opfer des Absturzes nichts erfuhr, habe es ihm leichter gemacht, danach damit abzuschließen. Damals habe er nur gehört, dass es jüngere Frauen gewesen sein sollen, die da starben. "Man darf sich da nicht hineinsteigern, sonst kann man diese Arbeit nicht machen", sagt er im Rückblick auf sein Berufsleben als Feuerwehrmann.

Gelöscht wurde zunächst mit Schaum, später mit Wasser. Ein weiterer Schaumeinsatz, so befürchteten die Leiter des Einsatzes, könne eine Erstickungsgefahr für Menschen sein, die sich noch im Haus befanden. Mehr als eine Stunde brauchten die Feuerwehrmänner, um den Brand unter Kontrolle zu bekommen. Auch das Flugzeugwrack musste intensiv gekühlt werden, bevor es aus dem Gebäude geborgen werden konnte.

Ein glücklicher Zufall wollte es, dass in der Friedrich-Ludwig-Jahn-Straße, nahe an der Absturzstelle, an diesem Tag sieben Krankenwagen des DRK aus verschiedenen Kreisen standen. Sie wurden sofort zum Unglücksort geschickt, um die Verletzten in das Krankenhaus zu bringen.

Als sie an der Absturzstelle eintrafen, hatten Mitarbeiter der Ambulanz des Textilkombinates schon die Notversorgung vorgenommen. Dadurch kamen Krankenwagen auf dem Weg zur Klinik den Feuerwehrfahrzeugen schon entgegen.

Über 200 Helfer im Einsatz

Insgesamt kamen 16 Menschen ins Krankenhaus in Cottbus. Fünf wurden nach ambulanter Versorgung wieder entlassen. Fünf weitere junge Polinnen, die schwanger waren, wurden vorsorglich gründlich untersucht. Auch sie konnten danach die Klinik verlassen.

Über 100 Polizisten, 60 Mitglieder der Bereitsschaftspolizei, etwa 50 Feuerwehrleute und eine nicht erfasste Zahl von NVA-Leuten und Sanitätskräften waren an der Unglücksstelle im Einsatz. An der Bergung und Identifizierung der Toten, sowie der Ermittlungsarbeit zu Ursache und Hergang des Unglücks waren 24 Kriminalpüolizisten und drei Gerichtsmediziner beteiligt.

Hintergund

Zwischen 1983 und 1987 stürzten in der DDR laut einer Statistik der Staatssicherheit 15 Militärmaschinen der NVA vom Typ MiG 21 ab. Dabei kamen acht Offiziere ums Leben. Zivile Opfer hat es nach dieser Statistik dabei nicht gegeben.Der 9. März 1983 war ein besonders verhängnisvoller Tag. Eine in Karlshagen stationierte MiG stürzte in die Ostsee. Eine weitere MiG 21 stürzte auf dem Flugplatzgelände von Marxwalde (heute Neuhardenberg) ab.Widerlegt wurde mit der Stasi-Statistik eine Meldung des ARD-Fernsehmagazins "Kontraste" vom März 1987 . Danach sollten allein von Januar 1983 bis Mai 1984 50 MiG-Flugzeuge abgestürzt sein. Ein seltsames Motorengeräusch und dann eine Explosion

Regina Hohmann musste an diesem Samstag im Januar 1975 arbeiten. Sie saß in der "Plankammer", wo Bauunterlagen und Änderungspläne für das 1969 in Betrieb genommene Textilkombinat verwaltet und bearbeitet wurden. Die Abteilung war in einer Baracke untergebracht, nur einhundert Meter von der Schmellwitzer Straße und dem Absturzort entfernt lag.

"Ich war gerade aufgestanden, um das Fenster zu öffnen, als ich das Flugzeug sah", erinnert sich die heute 66-jährige Regina Hohmann. Sie habe sich noch gewundert, wie tief die Maschine flog, da sei sie auch schon an einem Gebäude hängen geblieben und nach unten abgeknickt. "Dann hörte ich eine Explosion und wir sind alle rausgerannt."

Heiloses Durcheinander

Gemeinsam mit anderen Menschen habe sie einen Zaun überwunden, um in Sicherheit zu gelangen. Versammelt hätten sich alle dann im Speisesaal des Textilkombinates: "Das war anfangs ein heilloses Durcheinander und Geschrei." Es sei auch bekannt gegeben worden, dass es bei dem Absturz Tote und Verletzte gegeben habe.

Die Unglücksstelle selbst bekam Regina Hohmann nicht zu Gesicht: "Das war alles ganz schnell abgesperrt." Später habe es dann im Textilkombinat noch mal eine Versammlung mit Vertretern der NVA gegeben, um die Leute zu beruhigen. Denn die Angst vieler Cottbuser sei schon vorher da gewesen, dass so ein Unglück mal passieren könne, wenn ein Militärflugplatz mitten in der Stadt betrieben werde.

Das ungewöhnliche Motorengeräusch der abstürzenden MiG 21 hatte sich für lange Zeit in das Gedächtnis von Regina Hohmann eingeprägt. "Ich war damals Fallschirmspringerin, da kennt man sich damit aus." Wenn sie nach dem Unglück im Januar 1975 ein Flugzeug hörte, habe sie noch lange eine Unsicherheit gespürt.

Was geschehen wäre, wenn die Maschine in das Textilkombinat gestürzt wäre, daran will sie auch nach fast 40 Jahren gar nicht denken: "Dann hätte es Hunderte Tote gegeben."
Zufälliger Augenzeuge des MiG-Absturzes im Januar 1975 wurde offenbar auch ein Mitarbeiter der Staatssicherheit, der seiner Kreisdienststelle Cottbus sofort Bericht erstattete. Zunächst hatte er danach ein leises Rauschen bemerkt und deshalb nach dem Flugzeug geschaut. Als es in Höhe des Textilkombinates flog, hörte er einen leisen Knall. Danach flog die MiG unruhig und verlor ständig an Höhe, so seine Schilderung.

Maschine noch hochgezogen

Vor dem Wohnblock, der auf der anderen Straßenseite gegenüber dem Unglückshaus steht, habe der Pilot die Maschine noch mal nach oben gezogen. Diesen Block habe er überquert und sei dann in das zweite Gebäude gestürzt.

Diese Schilderung passt zur Beobachtung von Regina Hohmann, die berichtete, dass das Flugzeug vor dem Aufschlag an einem anderen Gebäude hängenblieb. Offenbar hatte es sich dabei um den Häuserblock auf der anderen Straßenseite gehandelt. Es belegt auch das Bemühen des Piloten Peter Makowicka, unter Einsatz seines Lebens die MiG noch über möglichst viele Häuser hinweg zu ziehen.

Angst vor den Westmedien

Der Absturz einer MiG 21 im Januar 1975 in Cottbus muss als Gerücht auch westdeutschen Journalisten zu Ohren gekommen sein. Einer versuchte offenbar an Informationen zu kommen, in dem er eine Familie in Cottbus anrief, deren Privatnummer er sich besorgt hatte. Die Famile wurde aber sofort stutzig und meldeten den Anruf der Polizei mit dem Hinweis, sie kennen niemanden im Westen.Ein anderer Westjournalist versuchte sein Glück mit einem Anruf im Cottbuser Krankenhaus. Doch auch er kam damit nicht zum Erfolg.Genau registriete die Staatssicherheit auch alle Hinweise auf die Katastrophe, die ihnen bei der Kontrolle von privaten Briefen in die Bundesrepublik in die Hände fielen. Sechs Beispiele dafür finden sich in Stasiakten. Fasst alle Briefeschreiben erwähnen dabei, dass es schon andere Flugzeugabstürze in der Gegend gegeben habe, aber noch nie mit so schlimmen Folgen.Eine Cottbuserin, die nur 200 Meter neben der Absturzstelle wohnte, schrieb an ihre Verwandten in Darmstadt: "Das ist ein Ding, was? Und man darf nicht einmal etwas sagen! Doch Gedanken macht man sich eben auch…" Eine andere Cottbuserin schreibt ihrer Mutter nach Karlsruhe: "Die Stimmung ist ziemlich bedrückend bei uns. Hoffentlich wird der Flugplatz bald verlegt, es ist jetzt schon das 4. Flugzeug, das abstürzte, aber ncoh nie in einem solchen Ausmaß, wie es diesmal geschah…."Ein Lehrer, der in einer Schule nahe des Flugplatzes unterrichtete, schrieb nach Flensburg: "Innerhalb von zwei Tagen sah man kaum noch einen Kratzer am Haus, alles neu gemacht. In solchen Dingen sind sie schnell, Unter der Bevölkerung ist jedenfalls großes Fluchen angesagt. natürlich kommt es bei uns nicht zu Demonstrationen. Aber ich glaube, die müssen sich jetzt etwas einfallen lassen."