Seit einem Jahr sitzt Mahdschan dort jeden Tag zwei Stunden lang mit ihren Töchtern und lernt das Alphabet. 20 andere Schüler aus der Nachbarschaft zwängen sich mit ihnen vor die Tafel. In dem Land mit einer der weltweit höchsten Analphabetenrate wollen sie die Welt der Schrift für sich entdecken. Wenn die Lehrerin Fachria Sidiki in einer Ecke des kleinen Innenhofes vor der Tafel steht, hängen die Schüler an ihren Lippen. Sidiki wird von der afghanischen Regierung bezahlt. Die will das Problem des Analphabetismus bekämpfen und hat dafür vor allem mit Hilfe von UN-Behörden mehr als 11,6 Millionen Dollar (8,4 Millionen Euro) über das Bildungsbudget hinaus bereitgestellt.

13 000 Lehrer ausgebildet
Doch das ist in Afghanistan nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Trotz Unterstützung durch viele Nichtregierungsorganisationen fehlt vieles für eine gute Bildung: Klassenräume, Lehrer, Arbeitsmaterial.
30 Jahre Krieg haben das bergige Land mit den extremen Klimaverhältnissen in der Entwicklung weit zurückgeworfen. Das war zu keiner Zeit so sichtbar wie zwischen 1996 und 2001 unter der Herrschaft der radikalislamischen Taliban. Sie ließen Mädchen und Frauen nicht zur Schule gehen, sperrten sie von jedem Bildungsweg aus.
Seit die pro-westliche Regierung von Präsident Hamid Karsai an der Macht ist, hätten fast 276 000 Erwachsene in etwa 10 000 Bildungszentren lesen und schreiben gelernt, sagt die Regierungsbeauftragte Hameda Huma Nooristani. Dennoch bleibt Afghanistan ein Land mit einer der höchsten Analphabetismus-Raten. 71 Prozent der Afghanen können laut dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (Unicef) weder lesen noch schreiben. Unter Frauen beträgt die Rate 86 Prozent.
Um dem gegenzusteuern hat Unicef in diesem Jahr bereits mehr als 13 000 Lehrer im Land am Hindukusch ausgebildet. Heute ist es die 30-jährige Nadschiba, die in ihrer Klasse acht Männer im Alter von 20 bis 65 Jahren unterrichtet. Sie lernen in einem winzigen Raum in einem Kabuler Gebäude, den der Staat bezahlt.

Viele Alte wollen lernen
Einer von Nadschibas Schülern, der 65 Jahre alte Mehradschuddin, hat mehr als 43 Jahre lang als Lkw-Fahrer in der Hauptstadt gearbeitet - ohne jemals die Straßenschilder entziffern zu können. "Jetzt, wo meine Kinder verheiratet sind und ich Zeit habe, habe ich mich dem Studium verschrieben", sagt der weißhaarige Mann, ein Buch und einen Bleistift umklammernd.
Ein anderer Schüler ist Mohammad Nasir. Von Beruf Koch, 40 Jahre alt und Vater von neun Kindern. Er sagt, er habe nicht eine Sekunde gezögert, als er davon erfahren habe, dass er kostenlos lesen und schreiben lernen könnte. "Ich wollte schon immer studieren", sagt er lächelnd inmitten seiner Kinder.