In dem von palästinensischen Christen bewohnten Dorf Taibeh stehen verkohlte Mauern auch Monate nach Ausschreitungen muslimischer Nachbarn wie dunkle Mahnmale in den Gassen. Eine Romanze zwischen einem christlichen Mann und einer Muslimin aus der angrenzenden Ortschaft Deir Dscharir brachte im vergangenen Jahr einen wütenden Mob auf die Straßen, der 14 Häuser anzündete.
Die schwangere Frau wurde von ihrer Familie in einem Ehrenmord getötet und schnell verscharrt. Ihre beiden des Mordes bezichtigten Brüder sind inzwischen frei. Der Christ aber sitzt bis zu einer Versöhnung der nordöstlich von Ramallah gelegenen Dörfer in Haft, zu seinem eigenen Schutz, wie es heißt.

Von der Gewalt überrascht
Nadim Khoury, Besitzer der palästinensischen Taibeh-Brauerei, konnte seine Anlagen gerade noch vor 50 anrückenden Randalierern retten. Das Ausmaß der Gewalt hat das christliche Dorf böse überrascht, denn das Verhältnis zu den muslimischen Nachbarn sei gut. "Selbst wenn sie eine Beziehung hatten. Sie waren Erwachsene", sagt Khoury. Ein Gentest habe zudem ergeben, dass der Mann aus Taibeh nicht Vater des ungeborenen Kindes war. Der Angriff aber war der schlimmste auf palästinensische Christen seit Jahren.
Das Zusammenleben der muslimischen und christlichen Palästinenser hat viele Fassetten. Im Alltag läuft es überwiegend problemlos. Über Spannungen, die es immer wieder gibt, wird von beiden Seiten nicht gerne gesprochen. Muslime und Christen fühlen sich einem Volk zugehörig.

Getrennter Religionsunterricht
"Zunächst sind wir Palästinenser und glauben an einen Gott", sagt die Direktorin der katholischen Mädchenschule St. Joseph in Ramallah, Schwester Elisabeth. Die Nonne ist für die Ausbildung von 750 Kindern zuständig. Es sind mehrheitlich muslimische Mädchen. Auch deren Eltern schätzen die Qualität der Ausbildung an den christlichen Schulen, die große Teile der palästinensischen Elite ausgebildet haben. Dass Kopftücher an ihrer Schule nicht erlaubt sind, würde die Rektorin und Nonne so deutlich nie sagen wollen. Lieber betont sie diplomatisch, dass es aus Gründen der Gleichheit eine für alle Mädchen vorgeschriebene Schul uniform gibt. Alle Schülerinnen müssen schon den Kindergarten besuchen. Quereinsteiger gibt es nicht. "Wir wollen den Kindern unseren Geist vermitteln", sagt Schwester Elisabeth. Der Religionsunterricht läuft bis auf eine Stunde, in der gezielt nach Gemeinsamkeiten gesucht wird, getrennt. "Wir brauchen sie, sie brauchen uns", fasst die Nonne das Zusammenleben von muslimischen und christlichen Palästinensern zusammen.
Doch insgesamt sind die Christen im Heiligen Land auf dem Rückzug. Vor der Gründung des Staates Israel waren etwa sieben Prozent der Bevölkerung christlich. Nun sind es in den Palästinensergebieten nur noch etwa zwei Prozent, etwa 50 000 Menschen. Die christlichen Palästinenser sind oft gut ausgebildet und haben Angehörige im Ausland. Viele wandern aus. Ihre Bischöfe beklagen, dass die Zahl der Christen wegen der israelischen Besatzung immer weiter schrumpft.

Sorge über Hamas-Sieg
Doch auch der Sieg der radikal-islamischen Hamas bei der Parlamentswahl macht vielen Sorge, obwohl die Hamas-Führer öffentlich das brüderliche Zusammenleben predigen. Eine zunehmende Islamisierung der Gesellschaft würde das Leben der Christen einschränken und sie weiter in die Defensive zwingen.
Der Bierbrauer Khoury sagt, es sei eine Zeit des Abwartens und Beobachtens. Im Gazastreifen hat die Hamas zu Beginn des Palästinenseraufstandes im Jahr 2000 alle Verkaufsstellen für Alkohol attackieren und schließen lassen. "Egal was, ich werde Bier brauen", meint Khoury trotzig. "Wir Christen waren hier vor der Hamas."