ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 01:28 Uhr

Im ehemaligen Tagebau Seese-West sind 27 Hektar Erde abgesackt

Calau. Saniert, aus der Bergaufsicht entlassen, verkauft – dennoch ist in ehemaligem Tagebaugebiet nahe Calau (Oberspreewald-Lausitz) eine 36 Fußballfelder große Kippenfläche Meter tief abgesackt. Ursachen und Folgen des Erdrutsches sind noch nicht geklärt. Von Daniel Preikschat

Es war kalt an diesem Januarmorgen. Grund für den eiskalten Schauer, der Eberhard Perschk über den Rücken lief, waren jedoch nicht die niedrigen Temperaturwerte. Der Lübbenauer stand auf einer sanierten Waldkippenfläche im ehemaligen Tagebau Seese-West – und er blickte auf einen über Nacht um fünf bis sechs Meter abgerutschten Flusslauf. Umliegende Waldflächen hatte es mit in die Tiefe gerissen. Insgesamt 27 Hektar. „Es sah verheerend aus. Eisschollen waren meterweit durch die Luft geflogen. Im Wasser schwammen Bäume.“ Eberhard Perschk fühlte sich unwohl auf seinem eigenen Grund und Boden und zog sich schnell wieder zurück.

Der Erdrutsch im sanierten Tagebau Seese-West datiert vom 30. Januar diesen Jahres. Sofort sperrte der Bergbausanierer LMBV (Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft mbH) das Gebiet weiträumig ab. Mehrere Hundert Hektar Kippenboden wurden zur Gefahrenzone erklärt. Nur Waldbesitzer – neben Perschk weitere Privatleute – und anliegende Kommunen wurden informiert.

Erst im Braunkohlenausschuss, einem Mitwirkungsgremium für Organisationen und Verbände im Braunkohlenrevier, wurde das Thema Ende Juni öffentlich. Klaus Freytag, Chef des Landesamtes für Bergbau, Geologie und Rohstoffe (LBGR) nannte den großräumigen Geländebruch „einen Schuss vor den Bug“ für seine Behörde. Das LBGR hatte das Gebiet aus der Bergaufsicht entlassen. Freigegebene Flächen, so Freytag, sollten selbstverständlich auch sicher sein.

Auch bei der LMBV sorgte der Erdrutsch für Betroffenheit. Schließlich hatte der Bergbausanierer den Kippenboden zuvor saniert, dabei für die Kleptna ein neues Flussbett angelegt und im Rütteldruckverfahren verdichtet. Knapp zehn Kilometer schlängelt es sich durch die Seeser Bergbaufolgelandschaft.

Offensichtlich, erklärt LMBV-Sprecher Uwe Steinhuber, habe sich unter dem Fluss gerölliges Kippenmaterial verflüssigt. Obendrein habe nach längerem Frost das gefrorene Kleptna-Wasser auf den Boden gedrückt. Die näheren Umstände des Geländebruchs ermittelten Experten von LMBV und LBGR mithilfe externer Sachverständiger jedoch noch, so Steinhuber weiter. „Ziel ist, die betroffenen Flächen schnell wieder nutzbar und sicher zu machen.“

Eberhard Perschk und die anderen Waldbesitzer fragen sich derweil, wann sie ihre Flächen wieder betreten dürfen, ob sie zum Teil oder ganz gesperrt bleiben müssen, ob sie womöglich neue angeboten bekommen oder entschädigt werden. Von einem Fehler bei der Sanierung und Sicherung des Areals wollten die Waldbesitzer nicht sprechen, sagt der Lübbenauer. „Aber so geht's nicht.“ Immerhin rund 60 Prozent der Rückgabeflächen im Lausitzer Revier werden bewaldet. Jahr für Jahr kommen rund 300 Hektar hinzu. Dennoch bestätigen leitende Mitarbeiter des brandenburgischen Landesbetriebs Forst in Peitz (Spree-Neiße), Doberlug-Kirchhain (Elbe-Elster) und Lübben (Oberspreewald-Lausitz) die Einzigartigkeit eines derartigen Erdrutsches in ehemaligem Tagebaugebiet.

Im Landkreis Spree-Neiße zum Beispiel habe es nur in Uferbereichen von Restlochseen Rutschungen gegeben, sagt Forstdirektor Siegfried Lüdecke. Aber nicht annähernd in dem Ausmaß wie in Seese-West. Lüdecke erklärt sich den Erdrutsch dort durch den Wiederanstieg des Grundwassers im ehemaligen Tagebau. Dadurch gerate Geröllmaterial in Fluss. Dies könne sich in Bodentiefen abspielen, die mit keiner Verdichtungstechnik zu erreichen sind.

Im Lausitzer Revier steigt das Grundwasser dort, wo es zuvor künstlich abgesenkt wurde, um an die Kohle zu gelangen – in den einzelnen ehemaligen Tagebauen. Aus Sicht Lüdeckes ist die Erdrutschgefahr aufgrund des gegenläufigen Effektes aber fast noch akuter. Denn in Nachbarschaft aktiver Tagebaue sinke der Grundwasserpegel. Wenn dort früher Kohle unter Tage im Tiefbau abgebaut wurde, drohten Stollen einzubrechen, weil aus ihnen das Grundwasser abfließt und die hölzernen Träger nicht mehr konserviert.

Solche Einbrüche, sagt der Forstdirektor, habe es im Raum Drebkau (Spree-Neiße) am Rande des aktiven Tagebaus Welzow-Süd schon gegeben. Von Stollen-Einbrüchen bei Doberlug-Kirchhain und Döllingen (Elbe-Elster) berichtet auch Lüdeckes Kollegin Kerstin Burig. Fünf, sechs Meter tief sei Waldboden abgesackt. Das Ausmaß der Erdrutsche sei aber immer begrenzt gewesen.

Siegfried Lüdecke hat im Wald nahe Döbern (Spree-Neiße) vor 25 Jahren selbst einen Stolleneinbruch miterlebt – beim Blaubeerensammeln. „Auf einmal ging es zwei Meter abwärts. Mir ist nichts passiert. Aber der Appetit auf Blaubeeren ist mir vergangen.“